Finanzkrise Zielscheibe Kultur

Amerikas Unterhaltungsbranche vor dem Abgrund: Kartenverkäufe brechen ein, Veranstaltungen und Stiftungsgelder werden gestrichen. Jetzt musste das erste Opernhaus schließen

Theaterproduktionen vor leeren Stuhlreihen? Die Finanzkrise wirkt sich auf die Kartenverkäufe am Broadway aus

Theaterproduktionen vor leeren Stuhlreihen? Die Finanzkrise wirkt sich auf die Kartenverkäufe am Broadway aus

Im neuen Bond-Film zieht 007 ein angeschossenes Transportflugzeug steil nach oben. Die Ladung verrutscht, die Maschine steht senkrecht, Bond kann gerade noch abspringen. Rums. Ähnliches ereignet sich jetzt mitten in Manhattan. Lange eierte die New York City Opera, die arme Nachbarin der Met, mühselig vor sich hin. Dann übernahm Mortier. Gerard Mortier, der Superintendant aus Europa, Meister des Wagemuts. Im September legte er noch den Spielplan für seine erste Saison 2009 vor. Jetzt, mitten im Steilflug zur Revolution der verschnarchten Opernszene am Hudson, hat die Finanzkrise ihm 24 von 60 Millionen Dollar aus dem Budget geschossen. Längst aber sind Verträge mit Künstlern besiegelt worden. Die ganze Ladung rutscht – und Mortier ist abgesprungen. Für das Opernhaus könnte es das Ende bedeuten.

Ein apokalyptisches Symptom des amerikanischen Kulturcrashs in Finanzkrisenzeiten ist der Vorgang schon jetzt, und nicht das erste. Bereits vor zehn Tagen hat in den USA ein Opernhaus dichtgemacht. Nach Rossinis Barbier war Schluss an der Opera Pacific in Santa Ana, Kalifornien. Die privaten Geldgeber haben sich zurückgezogen – und von denen ist jede amerikanische Kultureinrichtung (und selbst die Mehrzahl der Krankenhäuser) vollkommen abhängig. »Als ich das las, wusste ich, es wird nicht dabei bleiben«, sagt Pamela Rosenberg. Die Intendantin der Berliner Philharmoniker sieht selbst die renommierten amerikanischen Orchester in Gefahr. Bis 2006 leitete sie die San Francisco Opera und ist mit dem Modell vertraut, das jahrelang so viele Kulturmanager in Europa faszinierte. Das Fundament aus Sponsoring, Fundraising, Stiftungsgeld erweist sich nun als brüchiger Grund.

In New York ziehen sich die Risse aus der Wall Street auch durch weit besser gesicherte Häuser als die New York City Opera. Die Kartenverkäufe an der Met sind eingebrochen. Die Carnegie Hall streicht Veranstaltungen. Die vermeintlich gewinnbringend investierten Stiftungsgelder, die berühmten endowments, sind an der Börse zusammengeschmolzen. Wenn ein Etat sich aus rund 10 Prozent Börsengewinnen, 40 Prozent Sponsorengeldern und 45 Prozent Karteneinnahmen zusammensetzt, wenn gerade mal ein Prozent des Kulturlebens mit öffentlichem Geld subventioniert wird (statt 90 Prozent wie in Deutschland), helfen nicht Ruhm noch Trotz gegen das Lehman-Debakel. Weitere Opernhäuser, ganze Orchester könnten verschwinden – mitsamt jenen Gewerkschaften, die die Schieflage ihrerseits mit herbeiführten.

Denn sie haben die Gehälter von Musikern und Bühnenarbeitern gegenüber denen bei uns auf mehr als das Doppelte hochgetrieben. So legt der neue Missstand manch alten offen. Hielt der Intendant Mortier die New York City Opera vielleicht schon für unrettbar, als er sich im Sommer spontan als Chef für Bayreuth anbot? Hat er wie Bond die Maschine nur noch nach oben gerissen, um sicherer abspringen zu können? Ein Quantum Trost bleibt bei alldem nur uns. »Das deutsche Modell«, sagt Pamela Rosenberg, »ist absolut das beste. Man muss es rabiat verteidigen.« Auch hier scheitern Institutionen, an Stadträten wie an Gewerkschaften. Doch insgesamt darf sich die öffentliche Kultursubvention James Bonds schönes Schlusswort zu eigen machen: »Ich war nie weg.« Volker Hagedorn

 
Leser-Kommentare
  1. " ... die die Schieflage ihrerseits mit herbeiführten. Denn sie haben die Gehälter von Musikern und Bühnenarbeitern gegenüber denen bei uns auf mehr als das Doppelte hochgetrieben. "

    Ich glaube nicht, dass man die Situation der Orchestermusiker/Bühnenarbeiter in den USA so ohne Weiteres mit der hiesigen vergleichen kann. Zumindest von amerikanischen Musikern ist mir bekannt, dass sie z. B. nur für die Orchesterdienste bezahlt werden, die sie spielen und dass sie in den seltensten Fällen über ein ganzjähriges Festgehalt verfügen. Wenn sie nur für die Monate der Spielsaison bezahlt werden, ist es verständlich, dass sie ein höheres Honorar aushandeln, damit die übrigen Monate - die sie z. B. mit Unterrichten etc. verbringen - finanziell mit abgedeckt sind.

    Just my two cents.

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