Technik persönlich Aus dem Leben eines Reptils
Mehr als ein Herzschlagmesser: Mobile Fitness, der ganz persönliche Fitnesstrainer
Manchen Menschen bereitet es ja angeblich große Lust, wenn man ihnen Tiernamen gibt. Ich gehöre nicht dazu. Erst recht nicht mag ich es, von einem Fitnesscoach »Schildkröte« genannt zu werden. Schildkröten sind träge, ich dagegen könnte schnell sein, würde ich trainieren.
Doch mein neuer persönlicher Trainer verhandelt nicht, er ist »Internet-basiert«. Meine Vitaldaten, die ich zu Trainingsbeginn eingebe, weisen mich offenbar eindeutig als wechselwarmes Reptil aus. »Mobile Fitness« heißt das zugrunde liegende Online-Trainingsprogramm, das die Barmer Ersatzkasse seit Kurzem ihren sieben Millionen Versicherten als »wirklich innovative Lösung« anpreist.
Tatsächlich verbirgt sich dahinter viel Technik: Wer sich anmeldet, bekommt einen Brustgurt zugeschickt, der fortan beim Joggen, Radfahren und bei allen anderen Ausdauersportarten die Herzfrequenz misst. Per Bluetooth übermittelt er die Daten an das Handy (leider nur an Nokia- und Sony-Ericsson-Modelle), das sie nach dem Trainieren wiederum ins Internet hochlädt. Der Web-Coach errechnet daraus die Fortschritte und plant das nächste Training. »Er bestraft nicht, sondern motiviert und hilft, ein neues Körpergefühl zu entdecken«, verspricht die Kasse.
In der Praxis ist das wenig subtil, aber effektiv: Wenn ich fleißig trainiere, behauptet der Coach, könne ich binnen 29 Tagen die nächste Sprosse der Evolutionsleiter erklimmen und zum Igel werden. Gut, denke ich, Igel sind Sympathieträger, an guten Tagen besiegen sie sogar Hasen. Also streife ich den Brustgurt über, starte die Mobile-Fitness-Handysoftware und steuere meine Lieblingslaufstrecke an. 25 Minuten »leistungssteigerndes Training« stehen auf dem Programm. »Perfekt«, scheppert der Lautsprecher nach drei Minuten, Tempo halten! Dank eines eingebauten GPS-Empfängers verfolgt der Gurt auch meine Position und meine Geschwindigkeit. Ich bin immerhin 6,8 km/h schnell und fühle mich extrem leichtfüßig.
An einer leichten Steigung allerdings beschleunigt mein Puls auf 142 Schläge. »Hey, warum denn so schnell?«, mahnt das Handy. Ich bremse auf Schneckentempo ab. Als sich der Puls trotzdem nicht beruhigt, bleibe ich stehen. »Perfekt!« Immerhin erspart mir das Getue mit dem Telefon mitleidige Blicke: Für die Läufer, die mich überholen, sieht es aus, als würde ich telefonieren.
Nach 18 Minuten teilt mir das Handy überraschend mit, dass ich für heute genug habe. Offenbar hat mein Puls die Toleranzgrenze für Panzertiere überschritten. »Viele übertreiben es am Anfang und verlieren dann die Lust«, erklärt mir ein Hotline-Mitarbeiter später. »Mobile Fitness achtet darauf, dass Sie die Vorgaben der Sportmedizin einhalten.« Jetzt bin ich wirklich motiviert: Ich habe den maximalen Trainingseffekt ausgeschöpft und nicht einmal geschwitzt.
Zuhause logge ich mich in das Mobile-Fitness-Portal ein – und bekomme gleich einen Pokal für das erste Training. Per Mausklick kann ich Durchschnittstempo, Herzfrequenz, Kalorienverbrauch und Trainingshistorie abfragen, sogar meine Laufstrecke ist auf einer Karte eingezeichnet. Zudem sehe ich, dass noch andere Tiere in Hamburg unterwegs sind – ein Pferd trabt um die Alster, ein Windhund hechelt die Elbe entlang. Bald, so verspricht der Hotline-Mitarbeiter, werde ich über die Community geeignete Trainingspartner finden können. Wie in einer Singlebörse kann man dann die Profile nach Alter und Geschlecht filtern – und nach Vitaldaten. Nach dem Motto: Schildkröte sucht Schildkröte zum gemeinsamen Im-Park-Herumstehen.
Mobile Fitness, bisher nur für Barmer-Versicherte. Brustgurt einmalig 93 Euro, Jahresgebühr 66 Euro
- Datum 18.11.2008 - 09:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.11.2008 Nr. 47
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