Noch keine Diktatur war so gut gelaunt wie diese. So bunt und fröhlich, so hell erleuchtet. Sie will uns nichts Böses, ganz bestimmt nicht. Sie will uns verführen, will unser großes Glück. Doch wie in jeder Diktatur gibt es auch in dieser, in der Diktatur der Werbung, kein Entkommen. Wo wir auch hinschauen, überall hängen, kleben, flattern ihre Bilder und Zeichen. Werbung auf Litfaßsäulen und Plakatwänden, an Haltestellen und Bussen, Werbung auf Rolltreppen, Taxidächern, Bürgersteigen, Werbung noch an den höchsten Hochhausfassaden.

Es gibt Lärmschutzgesetze und Luftschutzparagrafen, wo aber bleibt der Reklameschutz, wer bewahrt uns vor den immer monströseren Plakaten, vor der Allgegenwart der Poster und Leuchtschriften? Die Werbung hat die visuelle Vormacht an sich gerissen, ihre Bilder beherrschen das Bild der Städte.

Nun währt diese Herrschaft nicht erst seit gestern. Mit der Großstadt entwickelte sich auch die Großwerbung – und groß war schon immer die Klage darüber. Bereits vor gut hundert Jahren fluchten viele Bürger über die »Blechpest« der Emailleschilder oder die »Heuschreckenschwärme von Schrift« (Walter Benjamin), sie fühlten sich von der Werbung gestört, und das sollten sie ja auch. Denn Störung ist eines der Grundprinzipien jeder Reklamekampagne: Sie muss sich hervortun, soll Blickfang sein, Augenfalle. Sie ködert uns mit lauten Bildern und Sprüchen, die immer noch lauter werden, je mehr wir uns an sie gewöhnen.

Denn auch das ist ein Prinzip der Werbung: Sie muss sich ständig überbieten. Manche der Riesenposter, die seit einigen Jahren ganze Häuser verhüllen, sind groß wie ein Fußballfeld, damit auch ja niemand mehr an ihnen vorbeischauen kann. Anders als die Emailleschilder von einst sind sie kein städtisches Beiwerk, sondern erzeugen eine eigene übermächtige Wirklichkeit. Wer davorsteht, dem kommt es so vor, als würde er von einem Subjekt in ein Objekt verwandelt. Nicht das Ich schaut das große Plakat an, sondern das Plakat das kleine Ich.

In Düsseldorf gibt es sogar duftende Waschmittelwerbung

Auf diesen Effekt legen es viele Werbekampagnen an: Sie wollen der Normalwelt nicht nur ihre Brandzeichen, ihre Produktlogos aufdrücken, sie wollen aus dem Marktplatz einen H&M- oder Nike-Platz machen. In Berlin zum Beispiel werden neuerdings ganze U-Bahnhöfe in Produkthaltestellen umgestaltet, exklusiv vermietet an jeweils ein Unternehmen, das Säulen, Vitrinen, Wände und Böden mit seinen Werbebotschaften pflastert. In Düsseldorf gibt es sogar »multisensorische Erlebnishaltestellen«, ausgestattet mit Lautsprechern, aus denen Reklamelieder trällern, und mit Beduftungssystemen, die den Geruch des beworbenen Waschmittels verströmen. Augen, Ohren, Nase müsste man sich zuhalten, um diesem Anschlag auf die Sinne zu entgehen.

Die Werbung hat offenbar eifrig von der Gegenwartskunst gelernt, von raumgreifenden Installationen und Environments, die jede Distanz zwischen Betrachter und Objekt auflösen. Auch auf die Strategien des Happenings greifen manche Werbeleute zurück, so ließ etwa Swatch eine neue Uhrenkollektion mit großen Beamern auf die Berliner Siegessäule und den Fernsehturm projizieren. Die nächtliche Aktion war nicht genehmigt, das Unternehmen wurde zu einer Geldstrafe in fünfstelliger Höhe verurteilt. Damit hatte Swatch aber gerechnet. Die Illegalität gehörte mit zur Kampagne, sie sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Ähnlich streben viele der neuen Werbeformen im öffentlichen Raum dreist und rücksichtslos nach Totalität. Selbst ein Krankenhaus wie die Charité in Berlin wurde über Jahre von Riesenplakaten verhängt, obwohl viele Patienten und Mitarbeiter darunter litten. Tagsüber herrschte Dämmerlicht in den Krankenzimmern; wenn es aber draußen dunkel wurde, wurde es drinnen gleißend hell, denn abends beleuchteten grelle Strahler die gigantischen Poster.