Werbung und Öffentlichkeit Du kannst uns nicht entkommen!

Immer dreistere Werbekampagnen erobern die Straßen und Plätze. Doch nun wehren sich die ersten Städte

Überall verstellt Riesenwerbung den Weg oder verhüllt ganze Häuser. Den Bürgern bleibt nur, sich wegzuducken

Überall verstellt Riesenwerbung den Weg oder verhüllt ganze Häuser. Den Bürgern bleibt nur, sich wegzuducken

Noch keine Diktatur war so gut gelaunt wie diese. So bunt und fröhlich, so hell erleuchtet. Sie will uns nichts Böses, ganz bestimmt nicht. Sie will uns verführen, will unser großes Glück. Doch wie in jeder Diktatur gibt es auch in dieser, in der Diktatur der Werbung, kein Entkommen. Wo wir auch hinschauen, überall hängen, kleben, flattern ihre Bilder und Zeichen. Werbung auf Litfaßsäulen und Plakatwänden, an Haltestellen und Bussen, Werbung auf Rolltreppen, Taxidächern, Bürgersteigen, Werbung noch an den höchsten Hochhausfassaden.

Es gibt Lärmschutzgesetze und Luftschutzparagrafen, wo aber bleibt der Reklameschutz, wer bewahrt uns vor den immer monströseren Plakaten, vor der Allgegenwart der Poster und Leuchtschriften? Die Werbung hat die visuelle Vormacht an sich gerissen, ihre Bilder beherrschen das Bild der Städte.

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Nun währt diese Herrschaft nicht erst seit gestern. Mit der Großstadt entwickelte sich auch die Großwerbung – und groß war schon immer die Klage darüber. Bereits vor gut hundert Jahren fluchten viele Bürger über die »Blechpest« der Emailleschilder oder die »Heuschreckenschwärme von Schrift« (Walter Benjamin), sie fühlten sich von der Werbung gestört, und das sollten sie ja auch. Denn Störung ist eines der Grundprinzipien jeder Reklamekampagne: Sie muss sich hervortun, soll Blickfang sein, Augenfalle. Sie ködert uns mit lauten Bildern und Sprüchen, die immer noch lauter werden, je mehr wir uns an sie gewöhnen.

Denn auch das ist ein Prinzip der Werbung: Sie muss sich ständig überbieten. Manche der Riesenposter, die seit einigen Jahren ganze Häuser verhüllen, sind groß wie ein Fußballfeld, damit auch ja niemand mehr an ihnen vorbeischauen kann. Anders als die Emailleschilder von einst sind sie kein städtisches Beiwerk, sondern erzeugen eine eigene übermächtige Wirklichkeit. Wer davorsteht, dem kommt es so vor, als würde er von einem Subjekt in ein Objekt verwandelt. Nicht das Ich schaut das große Plakat an, sondern das Plakat das kleine Ich.

In Düsseldorf gibt es sogar duftende Waschmittelwerbung

Auf diesen Effekt legen es viele Werbekampagnen an: Sie wollen der Normalwelt nicht nur ihre Brandzeichen, ihre Produktlogos aufdrücken, sie wollen aus dem Marktplatz einen H&M- oder Nike-Platz machen. In Berlin zum Beispiel werden neuerdings ganze U-Bahnhöfe in Produkthaltestellen umgestaltet, exklusiv vermietet an jeweils ein Unternehmen, das Säulen, Vitrinen, Wände und Böden mit seinen Werbebotschaften pflastert. In Düsseldorf gibt es sogar »multisensorische Erlebnishaltestellen«, ausgestattet mit Lautsprechern, aus denen Reklamelieder trällern, und mit Beduftungssystemen, die den Geruch des beworbenen Waschmittels verströmen. Augen, Ohren, Nase müsste man sich zuhalten, um diesem Anschlag auf die Sinne zu entgehen.

Die Werbung hat offenbar eifrig von der Gegenwartskunst gelernt, von raumgreifenden Installationen und Environments, die jede Distanz zwischen Betrachter und Objekt auflösen. Auch auf die Strategien des Happenings greifen manche Werbeleute zurück, so ließ etwa Swatch eine neue Uhrenkollektion mit großen Beamern auf die Berliner Siegessäule und den Fernsehturm projizieren. Die nächtliche Aktion war nicht genehmigt, das Unternehmen wurde zu einer Geldstrafe in fünfstelliger Höhe verurteilt. Damit hatte Swatch aber gerechnet. Die Illegalität gehörte mit zur Kampagne, sie sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Ähnlich streben viele der neuen Werbeformen im öffentlichen Raum dreist und rücksichtslos nach Totalität. Selbst ein Krankenhaus wie die Charité in Berlin wurde über Jahre von Riesenplakaten verhängt, obwohl viele Patienten und Mitarbeiter darunter litten. Tagsüber herrschte Dämmerlicht in den Krankenzimmern; wenn es aber draußen dunkel wurde, wurde es drinnen gleißend hell, denn abends beleuchteten grelle Strahler die gigantischen Poster.

Vernehmbare Proteste gegen solche Übergriffe hat es in Deutschland bislang kaum gegeben. In Frankreich hingegen entwickelte sich bereits vor einigen Jahren eine Art Widerstandsbewegung, und Jugendliche zogen in Gruppen los, um die plakative Verlockung plakativ zu bekämpfen. »Besonders geeignet für Sozialhilfeempfänger«, schrieben sie auf ein Werbeposter für Ferien in der Karibik. Und ein Poster, das einen stolzen Bodybuilder zeigte, verzierten sie mit dem Spruch: »Demnächst kaufe ich mir ein paar Gramm Hirn.« Über 60 Aktivisten wurden schließlich festgenommen. Die Schadensersatzforderung: eine Million Euro.

Anders in São Paulo, dort kam der Widerstand per Gesetzesbeschluss. Gerade gewählt, verfügte der Bürgermeister Gilberto Kassab vor zwei Jahren den größten Bildersturm der Moderne, alle Riesenplakate und Werbeschriften mussten abgehängt werden, und wer dem nicht nachkam, musste Strafe zahlen. Auf keine andere Weise hätte Kassab derart eindrücklich, derart sichtbar demonstrieren können, dass er die Stadt verändern will – es war ein symbolischer Aufstand gegen die Übermacht der Symbole.

Auch hierzulande wollen sich manche Kommunen nicht mit der Werbeflut abfinden, in einigen Städten gibt es mittlerweile strenge Regeln, wo, wie und in welcher Größe plakatiert werden darf. Und doch heiligt im Zweifel der gute Zweck alle Werbemittel. Ob Bikini-Damen in XXL an Hamburgs Petri-Kirche oder lila Milka-Landschaften auf dem Bremer Rathaus – wo immer Baudenkmäler saniert werden müssen, dauert es nicht lange, und von den Gerüsten grüßen die Riesenposter. Nicht selten hängen sie sogar länger, als die Bauarbeiten dauern, denn jeder Tag mehr bedeutet Geld.

Allerdings werden für solche Großplakate in der Regel eher bescheidene Beträge gezahlt. So machte die Berliner Marienkirche, nahe am Alexanderplatz gelegen, drei Jahre lang Reklame für CNN oder Mercedes und erzielte am Ende 70.000 Euro. Auch ein TV-Spot kann leicht 70.000 Euro kosten – allerdings für 30 Sekunden Sendezeit.

Viele Wahrzeichen verwandeln sich in Warenzeichen

Über solche Missverhältnisse schauen viele Kirchengemeinden aber hinweg. Selbst für kleinere Werbeeinnahmen sind sie bereit, ihre Wahr- in Warenzeichen zu verwandeln, so machen es schließlich alle, die privaten und auch die öffentlichen Hausbesitzer. Wie das Fernsehen Werbeplätze verkauft, verkaufen auch die Kommunen seit einiger Zeit Werberechte für Straßen und Plätzen, oft auf viele Jahre im Voraus. Viele Städte haben sich sogar exklusiv an einen der drei Hauptvermarkter für Außenwerbung gebunden. So konnte Hamburg jüngst einen Vertrag bis 2023 abschließen, dafür bekommt die Stadt mehr als 500 Millionen Euro, dazu viele neue Bushäuschen und beleuchtete Plakatständer. Paris lässt sich auf ähnliche Weise sogar ein System mit 20.000 Leihfahrrädern finanzieren.

Es lässt sich also nicht von der Hand weisen: Von der Werbung im öffentlichen Raum profitieren viele, die Produkthersteller, die Plakatvermarkter, die Kommunen, die Bürger. Und in gewisser Weise könnten die Städte sogar stolz darauf sein, dass sie als Werbeflächen derart begehrt sind. Die Werbung drängt ja nicht zufällig auf die Straßen und Plätze: In Magazinen wird sie überblättert, im Fernsehen weggezappt, in der Stadt aber dringt sie ein ins wirkliche Leben. Oft sucht sie sich authentische Orte, aufgeladen mit historischer Bedeutung, und hofft, etwas von der Bedeutung möge auf die beworbenen Produkte abfärben. Imagetransfer nennt sich das.

Nur leider bleibt von diesem Image der Stadt wenig übrig, wenn es nach und nach unter lauter Zeichen, Schildern und Logos verschwindet. Schon heute lässt sich das beobachten: Die Städte werden gleichförmiger. Ihre Eigenart geht verloren, wenn überall dieselben Kampagnen, dieselben Logos und Ketten das Straßenbild prägen. Und was tun die Städte dagegen? Viele beauftragen ihrerseits Werbeagenturen, die mit viel Geld das Profil wieder schärfen sollen. Oder sie bauen sich architektonische Wahrzeichen, Museen oder Opernhäuser, um so die eingebüßte Unverwechselbarkeit zurückzugewinnen. Und natürlich um neue attraktive Flächen für weitere Großplakate zu gewinnen.

Am Ende interessieren sich viele Kommunen doch allein für die monetären Aspekte des öffentlichen Raums und nicht für seine ideellen, identitätsstiftenden Werte. Jüngst kam in Berlin ein Baustadtrat sogar auf die Idee, die Sanierung von 130 Kinderspielplätzen durch Werbung zu finanzieren. Ausgewählte Firmen sollten an Sandkästen und Klettergerüsten ihre Reklame anbringen und gegen ein ordentliches Entgelt den Plätzen ihren Namen geben dürfen. Das Beispiel zeigt: Wer einmal mit dem Ausverkauf des öffentlichen Raums begonnen hat, vermag in ihm bald nur noch als eine potenzielle Gewinnquelle zu sehen. Alles, was sich vermarkten lässt, wird auch vermarktet.

Gewiss, Reklame hat auch ihre Reize. Mancherorts, wie am Times Square in New York, wird sie sogar zu einer eigenen ästhetischen Erfahrung. Seit je gehören Werbetafeln zur Urbanität dazu, immer schon war die Stadt ein Ort des Marktes. Aber sie war es eben nie ausschließlich. Sie war auch eine Art Spielplatz, ein Freiraum, ein Ort, der – pathetisch gesprochen – aus dem gewöhnlichen Menschen erst einen Bürger macht.

Dieser Bürger zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nur sich selbst kennt und nicht allein den eigenen Interessen folgt. Zwar hat die Stadt den Individualismus, wie wir ihn heute kennen, erst hervorgebracht; zugleich aber verlangt sie von diesen Individuen, von sich selbst abzusehen, sie verlangt Toleranz. Denn nur so werden die Gegensätze und Konflikte, ohne die eine Stadt nicht urban wäre, erträglich und im beste Falle sogar produktiv.

Deshalb braucht es den öffentlichen, den ungeteilten Raum. Er ist es, der die Menschen trotz ihrer Unterschiedlichkeit verbindet. Ein paradoxer Raum: Er gehört jedem Einzelnen und doch allen zusammen. In ihm zeigt sich, wie es bestellt ist um das, was man Gemeinsinn nennt. Hier lässt sich besichtigen, wie wir uns als Gesellschaft aufführen.

Öffentlich ist der öffentliche Raum aber nur, wenn er erstens nicht von den Interessen Einzelner dominiert wird, von Unternehmer- und Werbeinteressen zum Beispiel. Wenn er sich zweitens als ein realer Raum erfahren lässt, als ein Raum also, der nicht so glatt und künstlich wirkt wie die Riesenposter und der sich auch nicht im Takt der Werbekampagnen verändert, sondern so langsam, dass sich darin kollektive Erinnerungen ablagern können. Und drittens wird der öffentliche Raum nur dann so etwas wie städtischen Zusammenhalt stiften, wenn sich die Bürger in diesem Raum nicht allein als Käufer angesprochen fühlen, wenn sie nicht gegängelt, bedrängt, verfolgt werden von den Botschaften der Werbung, sondern den Raum als offen und frei erleben. Wenn sie die Stadt als ihre Stadt erfahren und nicht als die Stadt der Produktindustrie.

Reklame braucht also Grenzen, und einige Kommunen haben das verstanden. Nicht nur São Paulo, auch Paris verbannt neuerdings die Riesenplakate. Und überall wächst der Unmut, viele Bürger wollen die Durchökonomisierung des öffentlichen Raums nicht länger hinnehmen, sie wollen, dass die Städte wieder Stadt sind und keine dreidimensionale Dauerwerbesendung. So gut gelaunt die Diktatur der Plakate und Poster auch sein mag – der Bildersturm wird kommen. Das große Brausen ist schon zu hören.

 
Leser-Kommentare
    • fennek
    • 17.11.2008 um 9:08 Uhr

    Dieser Artikel. Völlig davon abgesehen dass es seitens der Kommunen schon längst genaue Vorschriften für die Errichtung von Werbeanlagen gibt, ist dieser Artikel schlichtweg eine Frechheit. Was wollen Sie eigentlich? Dass die Stadt aussieht wie vor der Erfindung des Schildes? Oder sind die netten hängenden Brezen und Schuhe aus dem Mittelalter in Ordnung? Haben Sie mal ein Bild einer Grossstadt vor 100 Jahren gesehen? Tun Sie das mal bevor sie Zitate sammeln und diese auch noch unkenntnisreich kommentieren Herr Rauterberg.

    Zum öffentlichen Raum empfehle ich Ihnen mal "Die ausgestellte Stadt" von Michael Müller und Franz Dröge, Birkhäuser 2005. Am besten das Kapitel Medien - Räume und den Teil vorher: "Das urbane Museum". Im Zweifelsfall gilt dann: Weniger Schreiben und mehr Lesen. [entfernt, bitte mussbrauchen Sie nicht Ihr Gastrecht im Forum der Zeit und mäßigen Sie Ihre Ausdrucksweise/ Redaktion; svb]

    Schon im Voraus: Vielen Dank dafür.

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    Was bedeutet bitte "Graunenhaft"?

    Und warum erwähnen Sie "Die ausgestellte Stadt"? Wollen Sie uns nicht an den dort vorgebrachten Argumenten teilhaben lassen?

    Ja, ich habe Bilder einer Großstadt von vor 100 Jahren gesehen -- wieso?

    1) nachdenken 2) argumentieren 3) korrekturlesen
    _______________________________________________________
    "Woher nehme ich nur die Zeit, das alles nicht zu lesen." (Karl Kraus)

    Was bedeutet bitte "Graunenhaft"?

    Und warum erwähnen Sie "Die ausgestellte Stadt"? Wollen Sie uns nicht an den dort vorgebrachten Argumenten teilhaben lassen?

    Ja, ich habe Bilder einer Großstadt von vor 100 Jahren gesehen -- wieso?

    1) nachdenken 2) argumentieren 3) korrekturlesen
    _______________________________________________________
    "Woher nehme ich nur die Zeit, das alles nicht zu lesen." (Karl Kraus)

    • ROFI
    • 17.11.2008 um 9:56 Uhr

    an der Boerse - wenngleich er selbst sich dersart nie bezeichnete; ich hingegen betrachte seine formulierten und zum großen Teil sehr pointierten Erfahrungen als sehr lehrreich und meisterhaft - praegte einst den Satz: An der Boerse ist eine halbe Wahrheit eine ganze Luege. Gilt dieser tatsächlich nur an der Boerse?

    Auch ich finde den Artikel nicht wirklich gelungen in dem, was ich direkt lese.
    Jedoch lese ich in diesem noch etwas anderes; ich meine das Wort hinter dem Wort, dem Zeitgeist folgend: Superlative. Gelten diese nicht aber für sämtliche Medien einschließlich der Zeit? Ist das also auch als Vorwurf gegen sich selbst und die zum Teil angewandten journalistischen Methoden zu verstehen? Was also bringt nun der Blick in den Spiegel? Bsp.: Was lehrte die Zeit die Kritik gegenüber dem Institut für rationelle Psychologie? Ich las noch keinen Artikel darüber, dass sich jemand hinsetzte, die alten Artikel, geschrieben und basiernd auf fehlerhaften, so gar falschen Zahlen, herausholte, um eben diese nicht nur revidieren sondern neu und im entsprechenden Zusammenhang darzustellen. Gilt die Zeit nicht als einer der Meinungsmacher, als ein Flaggschiff in diesem Land? Beruflich streife ich hin und wieder bei uns den Bereich des Marketing. Ganz ehrlich, es ist sehr schwer, die entsprechenden Seiten davon zu überzeugen (der Trendzug hält nun mal sehr verlockende Eintrittskarten parat), sich gerade von diesen wegzubewegen, hin zur einfachen Gestaltung, die möglich ist, dabei dennoch nicht das Ziel verfehlt.

    Ganz sicher sollte und muss sich Werbung hinterfragen vor allem, weil die meisten über die enormen Kosten schimpfen. Größer, breiter, schneller... bedeutet nun mal zwangsläufig nicht auch besser zu sein.

    Wenn's um Geld geht, gibt es nur ein Schlagwort: Mehr!(A. Kostolany).
    In wie weit können auch sie sich, auch in ihrer Tätigkeit für die Zeit, von diesem Satz befreien? Ich lese permanent völlig übertriebene, in keiner Weise dem Inhalt entsprechende Überschriften, auch in der Zeit. Ist nun die Überschrift nicht der Spannung erzeugende Aufhänger zum weiteren Lesen des Artikels. Ist das also im weiten Sinn nicht auch Werbung nach dem Motto: Größer, weiter, mehr?

  1. Reklamekritik ist so alt wie die Reklame, aber sie unterliegt einem grundsätzlichen Denkfehler. In einer freien Gesellschaft befinden sich Waren und Ideen im Wettbewerb und müssen daher um Aufmerksamkeit buhlen. Daß sich die Werbeformen weiterentwickeln ist ein Zeichen dafür, daß sich die Welt weiterdreht. Man kann manches als dreist empfinden, genauso aber auch als kreativ und lebendig. Über die gute alte Litfaßsäule regt sich heute niemand mehr auf, seinerzeit war auch sie ein lautes, buntes Novum im Stadtbild. Übrigens: Ohne Werbung hätte der Autor dieses Artikels vermutlich keinen Job. Auch Zeit-Online ist - wie die gesamte virtuelle Welt – voller Werbung. Was ist gegen freie, reklamebunte Städte einzuwenden? Oder möchte der Autor in Pjöngjang leben?

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    • ben_
    • 17.11.2008 um 10:43 Uhr

    Also erstens ist nicht die gesamte "virtuelle Welt" (ich nehme mal an, dass sie mit diesem antiquierten Begriff das WWW meinen) voll mit Werbung. Viele Blogs und allen voran, das Flagschif der neue Bildungbürger, die Wikipedia ist frei von Werbung. Auch andere digitale Welten wie Online Spiele sind praktisch immer frei von Werbung.

    Was es gegen reklamebunte (zumal deutsche) Städte einzuwenden gibt ist ganz einfach: Ästhetik und Gemeinwohl. Dass jede Ecke unserer ohnehin schon städtebaulich und ästhetisch geschundenen Städte auch noch durch Kommerz in den nächsten Kreis der Hölle der Häßlichkeiten gezogen werden muss, ist schlicht selbstzerstörerisch.

    Der öffentliche Raum gehört uns. Und wie befreit er ohne Werbung wirkt, und wie erleichtert Menschen ihn aufnehmen, kann man immer dort sehen, wo es die Werbung noch nicht hingeschafft hat. Die niegelnagelneue Hamburger Hafencity z.B. ist trotz ihres Baustellencharakters inzwischen weit attraktiver als der mit Werbung zugedröhnte Jungfernstieg.

    --
    der geist in der maschine

    Sie postulieren:
    "In einer freien Gesellschaft befinden sich Waren und Ideen im Wettbewerb und müssen daher um Aufmerksamkeit buhlen."

    Gilt das nicht eher für eine Ökonomie, die künstlich Bedürfnisse und Nachfrage erzeugen will?

    Und wenn "um Aufmerksamkeit buhlen" primär mit dem menschlichen Sexualtrieb in Verbindung steht -- sex sells -- warum sind dann die Bürger gegen Prostitution vor ihrer Haustüre? Vielleicht weil nicht Alles jederzeit und überall zur Ware werden sollte?
    _______________________________________________________
    "Woher nehme ich nur die Zeit, das alles nicht zu lesen." (Karl Kraus)

    • ben_
    • 17.11.2008 um 10:43 Uhr

    Also erstens ist nicht die gesamte "virtuelle Welt" (ich nehme mal an, dass sie mit diesem antiquierten Begriff das WWW meinen) voll mit Werbung. Viele Blogs und allen voran, das Flagschif der neue Bildungbürger, die Wikipedia ist frei von Werbung. Auch andere digitale Welten wie Online Spiele sind praktisch immer frei von Werbung.

    Was es gegen reklamebunte (zumal deutsche) Städte einzuwenden gibt ist ganz einfach: Ästhetik und Gemeinwohl. Dass jede Ecke unserer ohnehin schon städtebaulich und ästhetisch geschundenen Städte auch noch durch Kommerz in den nächsten Kreis der Hölle der Häßlichkeiten gezogen werden muss, ist schlicht selbstzerstörerisch.

    Der öffentliche Raum gehört uns. Und wie befreit er ohne Werbung wirkt, und wie erleichtert Menschen ihn aufnehmen, kann man immer dort sehen, wo es die Werbung noch nicht hingeschafft hat. Die niegelnagelneue Hamburger Hafencity z.B. ist trotz ihres Baustellencharakters inzwischen weit attraktiver als der mit Werbung zugedröhnte Jungfernstieg.

    --
    der geist in der maschine

    Sie postulieren:
    "In einer freien Gesellschaft befinden sich Waren und Ideen im Wettbewerb und müssen daher um Aufmerksamkeit buhlen."

    Gilt das nicht eher für eine Ökonomie, die künstlich Bedürfnisse und Nachfrage erzeugen will?

    Und wenn "um Aufmerksamkeit buhlen" primär mit dem menschlichen Sexualtrieb in Verbindung steht -- sex sells -- warum sind dann die Bürger gegen Prostitution vor ihrer Haustüre? Vielleicht weil nicht Alles jederzeit und überall zur Ware werden sollte?
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    "Woher nehme ich nur die Zeit, das alles nicht zu lesen." (Karl Kraus)

    • tom310
    • 17.11.2008 um 10:29 Uhr

    das an einer Hauswand hängt, unterliegt dem Baurecht und ist somit genehmigungspflichtig. Von einer Ohnmacht der Städte zu sprechen ist schlicht falsch.

  2. Was sind die Unterschiede?

    Wenn der Paul überall rumerzählt, er sei der beste Küsser in der Stadt, dann ist das Reklame.
    Wenn der Paul dem Peter Geld gibt, damit der Peter überall erzählt, dass Paul der beste Küsser in der Stadt sei, so ist das Werbung.
    Wenn aber der Paul die Paula dermassen küsst, das sie noch Tage später atemlos und leicht schieläugig und ganz und gar von sich aus jedermann erzählt, der Paul sei der beste Küsser in der Stadt, dann ist das Marketing.

    Und: Wann sind Sie das letzte Mal von Marketing geküsst worden, statt von Werbung angebrüllt? Nur Qualität ist Qualität und spricht für sich. Alles andere ist alles andere.

    _________________________________________________
    Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

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    • hagego
    • 17.11.2008 um 11:08 Uhr

    @ schwarzbart

    Ihre Geschichte von Paul, Paula und Peter gefällt mir! Ist das nun Werbung, Kommunikation oder Marketing?

    Eigentlich egal; merkfähig sind diese Zeilen auf jeden Fall. Und um diese Nachhaltigkeit ringt die heutige "Reklame" in zunehmendem Maße.

    Manche Riesenposter sind in der Tat viel zu groß... für eine Kleinstadt.

    Es gab Zeiten, da rissen sich die Werber am Donnerstag den "stern" gegenseitig aus den Händen. Aber nicht, um die von Rolf Gillhausen zu verantwortenden redaktionellen Seiten zu beäugen, sondern um die ein-eintel- und doppelseitigen Anzeigen zu bestaunen.

    Das scheint vorbei - dafür wird der Werbedruck (Quantität) vor Ort erhöht.

    Marketing zielt auf den kurzfristigen Absatz einer Ware oder die kurzfristige Bekanntmachung eines Gegenstandes und nutzt dazu Mittel die sich direkt an den Endverbraucher wenden um diesen zu direktem Handeln zu bewegen: "Jetzt werb' ich und Du (Kunde) gehst das jetzt kaufen.".
    Das was Paula macht ist gute alte Öffentlichkeitsarbeit oder Neudeutsch "Public Relations". Diese nutzt indirekte Mittel für deren Einsatz kein Geld gezahlt wird (DPRG-Satzung)[, wenn doch ist es schon keine PR mehr sondern eben Marketing, bzw. Werbung]: "Weil Marke X gute Noten bei Stiftung Warentest erhielt kauf ich Produkt XY.". In diesem Fall musste natürlich auch Geld eingesetzt werden um den Kauf des Kunden zu erreichen und zwar in die Entwicklung und Fertigung des Produkts und dessen Qualität, die Bewertung der Stiftung Warentest ist jedoch nicht bezahlt und freiwillig. Auf die Stiftung wurde nicht direkt eingewirkt, das ist hier der entscheidende Punkt.
    Nur soviel am Rande...

    • hagego
    • 17.11.2008 um 11:08 Uhr

    @ schwarzbart

    Ihre Geschichte von Paul, Paula und Peter gefällt mir! Ist das nun Werbung, Kommunikation oder Marketing?

    Eigentlich egal; merkfähig sind diese Zeilen auf jeden Fall. Und um diese Nachhaltigkeit ringt die heutige "Reklame" in zunehmendem Maße.

    Manche Riesenposter sind in der Tat viel zu groß... für eine Kleinstadt.

    Es gab Zeiten, da rissen sich die Werber am Donnerstag den "stern" gegenseitig aus den Händen. Aber nicht, um die von Rolf Gillhausen zu verantwortenden redaktionellen Seiten zu beäugen, sondern um die ein-eintel- und doppelseitigen Anzeigen zu bestaunen.

    Das scheint vorbei - dafür wird der Werbedruck (Quantität) vor Ort erhöht.

    Marketing zielt auf den kurzfristigen Absatz einer Ware oder die kurzfristige Bekanntmachung eines Gegenstandes und nutzt dazu Mittel die sich direkt an den Endverbraucher wenden um diesen zu direktem Handeln zu bewegen: "Jetzt werb' ich und Du (Kunde) gehst das jetzt kaufen.".
    Das was Paula macht ist gute alte Öffentlichkeitsarbeit oder Neudeutsch "Public Relations". Diese nutzt indirekte Mittel für deren Einsatz kein Geld gezahlt wird (DPRG-Satzung)[, wenn doch ist es schon keine PR mehr sondern eben Marketing, bzw. Werbung]: "Weil Marke X gute Noten bei Stiftung Warentest erhielt kauf ich Produkt XY.". In diesem Fall musste natürlich auch Geld eingesetzt werden um den Kauf des Kunden zu erreichen und zwar in die Entwicklung und Fertigung des Produkts und dessen Qualität, die Bewertung der Stiftung Warentest ist jedoch nicht bezahlt und freiwillig. Auf die Stiftung wurde nicht direkt eingewirkt, das ist hier der entscheidende Punkt.
    Nur soviel am Rande...

    • ben_
    • 17.11.2008 um 10:43 Uhr

    Also erstens ist nicht die gesamte "virtuelle Welt" (ich nehme mal an, dass sie mit diesem antiquierten Begriff das WWW meinen) voll mit Werbung. Viele Blogs und allen voran, das Flagschif der neue Bildungbürger, die Wikipedia ist frei von Werbung. Auch andere digitale Welten wie Online Spiele sind praktisch immer frei von Werbung.

    Was es gegen reklamebunte (zumal deutsche) Städte einzuwenden gibt ist ganz einfach: Ästhetik und Gemeinwohl. Dass jede Ecke unserer ohnehin schon städtebaulich und ästhetisch geschundenen Städte auch noch durch Kommerz in den nächsten Kreis der Hölle der Häßlichkeiten gezogen werden muss, ist schlicht selbstzerstörerisch.

    Der öffentliche Raum gehört uns. Und wie befreit er ohne Werbung wirkt, und wie erleichtert Menschen ihn aufnehmen, kann man immer dort sehen, wo es die Werbung noch nicht hingeschafft hat. Die niegelnagelneue Hamburger Hafencity z.B. ist trotz ihres Baustellencharakters inzwischen weit attraktiver als der mit Werbung zugedröhnte Jungfernstieg.

    --
    der geist in der maschine

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    • ROFI
    • 17.11.2008 um 11:46 Uhr

    ist nicht alles mit Werbung gepflastert. Ich schlage den Duden auf und finde lediglich die Worte, die ich suche. Kaufe ich mir eine DVD oder CD, werde ich während des Sehens oder Hörens auch nur den Film sehen bzw. die Musik hören. Werbung, auch bei Online Spielen komplett auszuschließen ist falsch und auch nicht wahr.

    Dafür das das formulierte Hamburger Projekt so wundervoll (noch) frei von dieser "Schlechtigkeit" des Kommerzes ist, finde ich den Auftritt im Netz sehr umfangreich und voller Werbung (die Investoren).

    Wikipedia als Falggschiff zu bezeichnen, finde ich persönlich sehr gewagt. Nehme ich die freiwilligen Angaben inkl. der aufgeführten Quellen, frage ich, ob diese nicht auch als Werbung verstanden werden können. Erhalte ich keine Verweise auf z.B. benutzte Quellen im Internet?

    Es ist sehr interessant zu sehen, in welche Richtung formuliert werden muss, um das Wohlwollen zu erhalten.

    • ROFI
    • 17.11.2008 um 11:46 Uhr

    ist nicht alles mit Werbung gepflastert. Ich schlage den Duden auf und finde lediglich die Worte, die ich suche. Kaufe ich mir eine DVD oder CD, werde ich während des Sehens oder Hörens auch nur den Film sehen bzw. die Musik hören. Werbung, auch bei Online Spielen komplett auszuschließen ist falsch und auch nicht wahr.

    Dafür das das formulierte Hamburger Projekt so wundervoll (noch) frei von dieser "Schlechtigkeit" des Kommerzes ist, finde ich den Auftritt im Netz sehr umfangreich und voller Werbung (die Investoren).

    Wikipedia als Falggschiff zu bezeichnen, finde ich persönlich sehr gewagt. Nehme ich die freiwilligen Angaben inkl. der aufgeführten Quellen, frage ich, ob diese nicht auch als Werbung verstanden werden können. Erhalte ich keine Verweise auf z.B. benutzte Quellen im Internet?

    Es ist sehr interessant zu sehen, in welche Richtung formuliert werden muss, um das Wohlwollen zu erhalten.

  3. Was bedeutet bitte "Graunenhaft"?

    Und warum erwähnen Sie "Die ausgestellte Stadt"? Wollen Sie uns nicht an den dort vorgebrachten Argumenten teilhaben lassen?

    Ja, ich habe Bilder einer Großstadt von vor 100 Jahren gesehen -- wieso?

    1) nachdenken 2) argumentieren 3) korrekturlesen
    _______________________________________________________
    "Woher nehme ich nur die Zeit, das alles nicht zu lesen." (Karl Kraus)

    Antwort auf "Graunenhaft"
    • hagego
    • 17.11.2008 um 11:08 Uhr

    @ schwarzbart

    Ihre Geschichte von Paul, Paula und Peter gefällt mir! Ist das nun Werbung, Kommunikation oder Marketing?

    Eigentlich egal; merkfähig sind diese Zeilen auf jeden Fall. Und um diese Nachhaltigkeit ringt die heutige "Reklame" in zunehmendem Maße.

    Manche Riesenposter sind in der Tat viel zu groß... für eine Kleinstadt.

    Es gab Zeiten, da rissen sich die Werber am Donnerstag den "stern" gegenseitig aus den Händen. Aber nicht, um die von Rolf Gillhausen zu verantwortenden redaktionellen Seiten zu beäugen, sondern um die ein-eintel- und doppelseitigen Anzeigen zu bestaunen.

    Das scheint vorbei - dafür wird der Werbedruck (Quantität) vor Ort erhöht.

    Antwort auf "Wovon ist die Rede?"

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