StalinismusStille Vernichtung

Um jeden Widerstand gegen die Verstaatlichung der sowjetischen Landwirtschaft zu brechen, ließ Stalin in den Jahren 1932/33 Millionen Menschen verhungern. Seit Kurzem ist der 25. November in der Ukraine ein Gedenktag, der an das Jahrhundertverbrechen des »Holodomor« erinnert von Wolfgang Zank

Am 22. April 1933 trifft der deutsche Diplomat Andor Hencke in Kiew ein, um die Leitung des dortigen Konsulats zu übernehmen. Er hat sich »auch nicht annähernd vorgestellt«, was ihn erwartet: »apathische, ausgezehrte, elende Menschen. Viele von ihnen lagen vor Schwäche auf der Straße, und nicht wenige beendeten dort ihr Leben.« Auch in einem Garten neben dem Konsulat findet er eines Morgens zwei Tote. Die Menschen haben »sich offenbar mit ihren letzten Kräften dorthin geschleppt«.

Im Norden reicht das Hungergebiet bis zur Nordgrenze der Waldsteppenregion. »Nach Süden«, kabelt Otto Schiller, Agrarexperte an der deutschen Botschaft in Moskau, im September 1933 nach Berlin, erstrecke es sich »bis in den südlichen Teil des Nordkaukasus, d.h. bis an die Grenzen der autonomen nordkaukasischen Republiken der Bergvölker«. Ebenfalls »ein großer Teil von Kasachstan, Teile von Westsibirien und größere Gebiete in den zentralasiatischen Republiken« seien schwer getroffen. Unter der Hand erfahren die Diplomaten, fünf Millionen Menschen seien verhungert, andere sprechen von sieben oder zehn Millionen.

Dies war eine Katastrophe ganz eigener Art. Nicht die Natur hatte sie hervorgebracht, sondern Stalins Diktatur. Der Hunger war das Mittel, war Waffe seiner Politik, und so lehnte das sowjetische Regime auch alle Hilfsangebote kategorisch ab.

Nur wenige Jahre zuvor noch, im Jahre 1927, mochte die Sowjetunion Beobachtern als eine vergleichsweise »gemäßigte« Diktatur erscheinen. Gewiss waren alle anderen Parteien neben der Kommunistischen Partei verboten. Gewiss auch konnte die Geheimpolizei GPU willkürlich jeden verhaften. Aber verglichen mit dem, was kommen sollte, waren die Opferzahlen gering.

Wirtschaftlich ging es bergauf. Die Industrieproduktion übertraf bereits den Vorkriegsstand. Auch die Viehbestände und Getreideernten waren deutlich größer als 1913, Lebensmittel mussten nicht mehr rationiert werden. Diese Erholung war nicht zuletzt der Wende vom März 1921 zu verdanken. Da hatte Revolutions- und Parteiführer Lenin die Neue Ökonomische Politik verkündet, die Nowaja Ekonomitscheskaja Politika (NEP). Fortan mussten die Bauern nur eine relativ geringe Naturalsteuer an den Staat abführen, den Rest ihrer Erzeugnisse konnten sie frei verkaufen. Freier Handel und private Produktion wurden wieder zugelassen. Nur die Großbetriebe und andere »Kommandohöhen der Wirtschaft« blieben in staatlicher Hand.

Trotz dieser Erfolge empfanden die meisten Kommunisten die Lage als labil. Die neue Marktwirtschaft und die freie Bauernwirtschaft entfalteten ihre eigene Dynamik. In Gestalt erfolgreicher Geschäftsleute (»NEP-Männer«) schien die Bourgeoisie wiederaufzuerstehen. Hinzu kamen Schwankungen aller Art, beim staatlichen Getreideaufkauf, aber auch in der Industrieproduktion. Erkennbar beherrschten die »Kommandohöhen« die Wirtschaft nicht.

Vor allem die frei wirtschaftende Bauernschaft wurde von der Parteiführung in Moskau mit großem Misstrauen betrachtet. Lenins Lehren zufolge brachte ihre Wirtschaftsweise »Tag für Tag, Stunde für Stunde Kapitalismus hervor«. Überhaupt waren die Dörfer eine Welt für sich – immer noch erfüllt von dunkler Frömmigkeit und trübem Aberglauben.

Die Verpachtung von Land hatte man seit 1925 wieder zugelassen, und einige Bauern kamen besser zurecht als andere. Sie konnten beispielsweise mit ihren Pferden oder Pflügen aushelfen und erhielten dafür einen Teil der Ernte. Auch stellte der eine oder andere Betrieb gelegentlich einen Lohnarbeiter ein. Diese etwas wohlhabenderen Bauern waren in kommunistischer Terminologie »Kulaken«, was so viel bedeutet wie Wucherer oder Profiteur.

Alle Fraktionen in der Partei waren sich einig, dass die Bauern früher oder später in Kollektivwirtschaften unter staatlicher Kontrolle überführt werden müssten. Aber keiner der führenden Kommunisten wusste zu sagen, wie. Überhaupt herrschte in wirtschaftlichen Fragen weitgehend Ratlosigkeit.

Anfang 1928 kamen die Dinge ins Rutschen. Die staatlichen Getreideaufkäufe waren um zwei Millionen Tonnen hinter den Voranschlägen zurückgeblieben – ein vergleichsweise geringes Ungleichgewicht. Die Agrarproduktion war insgesamt durchaus gestiegen, aber vornehmlich bei Produkten, die bessere Preise erzielten. Das Getreidedefizit hätte sich also durch Anheben des staatlichen Aufkaufpreises leicht beheben lassen. Aber auf Marktmechanismen wollten Stalin und sein Politbüro nicht bauen, sie verstanden wohl auch zu wenig davon. Stattdessen riefen sie eine »Getreidekrise« aus und beschlossen im Januar 1928 die Rückkehr zu zwangsweisen Requisitionen, wie im Bürgerkrieg.

2,5 Millionen Tonnen landeten in den staatlichen Silos. Stalin sah sich in seiner Sicht bestätigt, dass die Bauern Getreide »gehortet« hätten. Im Juli 1928 blies man die »außerordentlichen Maßnahmen« wieder ab und versprach, zum normalen Handel zurückzukehren. Aber viele Bauern hatten das Vertrauen verloren. Ihr Arbeitseinsatz ließ nach. Im Herbst 1928 wiesen die Statistiken eine fallende Getreideproduktion und schrumpfende Viehbestände aus. Erneut gab es eine »Krise«.

Als Antwort beschloss das Politbüro im Februar 1929 die landesweite Einführung der »Ural-Sibirischen Methode«: Keine Zwangsrequisitionen mehr, die Bauern sollten »freiwillig« einer Erhöhung ihrer Naturalbesteuerung zustimmen. Trupps von Bevollmächtigten suchten die Dörfer auf. Wer sich gegen die höhere Besteuerung aussprach, wurde als »Kulak« bedroht oder gleich verhaftet.

Die Lage auf dem Lande verschärfte sich nun dramatisch. Schon 1928 kam es in allen Teilen der Sowjetunion zu Unruhen, zu Plünderungen, zu Überfällen auf Parteiaktivisten. Von 1927 bis 1929 verloren 300 Mitglieder von Requisitionstrupps ihr Leben. Allein in der Ukraine zählte die Regierung 1929 exakt 1262 »terroristische Akte«. Viele Bauern vergruben ihr Korn oder verkauften es an illegale private Händler. Andere wiederum gaben es billig an Arme ab oder warfen es in den Fluss.

Jetzt gab es in der Tat eine umfassende Krise. Wie zur Flucht nach vorn, ohne die Konsequenzen zu bedenken, entschlossen sich Stalin und sein Politbüro zum Durchmarsch: Abschaffung der NEP, Übergang zur umfassenden Planwirtschaft und Kollektivierung der Landwirtschaft.

Bereits Ende 1929 hatte sich Stalin auch entschieden, zur »Liquidierung des Kulakentums als Klasse« überzugehen. Die »böswilligsten« Kulaken sollten erschossen oder in Arbeitslager gesperrt, die übrigen deportiert werden. Einschließlich der Familien. Stalin erwartete, dass gerade die wohlhabenderen Bauern der Kollektivierung am meisten Widerstand entgegensetzen würden. Außerdem sollte die Deportation der einen als Warnung an die übrigen dienen. Es war daher nur folgerichtig, wenn die sowjetische Führung den Begriff »Kulak« kaum definierte. Jeder konnte darunter fallen und deportiert werden, auch der allerärmste, als »Semikulak« oder »ideologischer Kulak«.

GPU-Trupps, oft unterstützt von Parteiaktivisten, übernahmen die Regie. Der Schriftsteller Wassily Grossmann, seinerzeit einer dieser Aktivisten, schrieb später: »Aus unserem Dorf wurden die ›Kulaken‹ zu Fuß herausgetrieben. Sie trugen, was sie auf ihren Rücken tragen konnten: Bettwäsche, Kleidung. Der Schlamm war so tief, dass er die Stiefel von ihren Füßen zog []. Sie marschierten in einer Reihe und schauten zurück zu ihren Hütten, und ihre Körper hielten noch die Wärme von ihren eigenen Öfen.«

Die Deportierten wurden nach oft wochenlangen Fahrten in Güterwagen im arktischen Norden, in Sibirien oder in Kasachstan »angesiedelt«. Alles in allem waren es wohl zehn Millionen Menschen. Vermutlich ein Drittel kam auf dem Transport, in den Lagern oder an den Verbannungsorten um. Zunächst gab es kaum Unterkünfte, viele Menschen überlebten den ersten Winter nicht.

Der Terror wirkte. Zufrieden konnten Aktivisten und GPU-Männer auf Dorfversammlungen bilanzieren, dass sich die Anwesenden »einstimmig« für die Kollektivierung entschieden hätten. Im März 1930 waren über 14 Millionen Bauernhaushalte in Kolchosen zusammengefasst, mehr als die Hälfte aller Einzelbetriebe.

Die Kulaken-Kampagne indes ging nach kurzer Pause weiter. Die GPU organisierte neue Deportationswellen. Auch subtilere Mittel kamen nun zur Anwendung: Mühlen und Schmieden arbeiteten nicht mehr für Einzelbauern. Deren Kinder wurden der Schule verwiesen und in den medizinischen Zentren nicht mehr behandelt.

1932 waren über 60 Prozent der Bauern in Kolchosen. Bei ihrer Arbeit wurden sie zunehmend von den staatlichen Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) abhängig: Schrittweise bekam Stalin so den direkten Zugriff auf die Ernte. Und in Gestalt der Politischen Abteilungen der MTS verfügte er von nun an über zuverlässige Kontrollorgane auf dem Lande.

Die Kolchosen arbeiteten zunächst schlecht. Die Bauern, jetzt abhängige Landarbeiter, waren lustlos, ihre Erfahrungen zählten nicht mehr. 1932 hieß es in einem nicht untypischen GPU-Report über einen Betrieb bei Smolensk: »Der Vorsitzende [] betrinkt sich systematisch und leitet die Arbeit der Kolchose überhaupt nicht []. Etwa 20 Hektar Hafer liegen geschnitten, sind aber, da sie nicht geborgen wurden, fast vollständig verrottet []. Etwa 100 Hektar Wiese sind noch nicht gemäht, während der kollektive Viehbestand in der Kolchose nicht mit Futter für den Winter versorgt ist «

Die ukrainische Getreideernte war von 18 Millionen Tonnen im Jahre 1931 auf 13 Millionen Tonnen 1932 abgesackt. Aber das Ablieferungssoll wurde kaum gesenkt. Dies bedeutete, dass der abzuliefernde Teil von 39 auf 52 Prozent stieg – der Weg in den millionenfachen Hungertod hatte begonnen.

Im Spätsommer und Herbst 1932 blieben die Getreidelieferungen in die staatlichen Depots weit hinter den Planvorgaben zurück. Für Stalin und seine Mannen war klar: Kulaken und andere konterrevolutionäre Elemente sabotierten die Ernte. Als besonders alarmierend erschien es ihnen, dass sich viele Kommunisten auf dem Lande offensichtlich von der »Kulakenagitation« infizieren ließen und von der »Unerfüllbarkeit« der Normen sprachen.

Am 1. November 1932 kam Politbüromitglied und Stalin-Intimus Lasar M. Kaganowitsch in Rostow an. Wie ihm die nordkaukasische Parteiführung rapportierte, war der Ablieferungsplan nur zu 39 Prozent erfüllt. Der Widerstand sei erheblich heftiger als im Jahr zuvor – unter aktiver Teilnahme ganzer Kolchosen und Parteiorganisationen. Man habe bereits 150 Leute erschießen und 1300 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilen lassen.

Kaganowitsch sorgte für großflächige Razzien. Dabei wurden 1349 Erdgruben mit Getreide und 110 »schwarze Scheunen« entdeckt. Das Politbüromitglied erkannte darin einen klaren Beweis für Sabotage und Klassenkampf. Kaganowitsch ließ etwa 60.000 Menschen, vorwiegend aus drei Kosaken-Großsiedlungen, nach Nordrussland deportieren. Den Instruktionen gemäß, verhaftete die GPU etwa 100.000 Personen. 40.000 Kommunisten wurden aus der Partei ausgeschlossen, die meisten von ihnen als »politisch gefährliche Elemente« in Lager deportiert oder erschossen.

Etwa zur selben Zeit initiierte Wjatscheslaw Molotow, der spätere Außenminister und damalige Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, ähnliche Maßnahmen in der Ukraine, vielleicht um einige Grade milder. Die Ukraine hatte Stalins besondere Aufmerksamkeit, denn in seinen Augen war der dortige Widerstand gegen die Getreiderequisitionen nationalistisch aufgeladen; er müsse deshalb besonders rücksichtslos gebrochen werden. Die Gewährung relativer Autonomie und kultureller Eigenständigkeit hingegen habe bloß Freiräume für »Separatisten« und »polnische Agenten« geschaffen, damit müsse Schluss sein.

Vielerorts räumten die Requisitionskommandos nun sämtliche Lebensmittel aus den Bauernhütten. Der Schriftsteller und spätere Dissident Lew Kopelew war als Parteiaktivist mit dabei. Er wagte nicht, »schwach zu werden und Mitleid zu empfinden. Wir vollbrachten doch eine historisch notwendige Tat []. Wir versorgten das sozialistische Vaterland mit Brot. Wir erfüllten den Fünfjahresplan.«

Im Frühjahr 1933 wurde der Hunger zur umfassenden Katastrophe. »Die schrecklichsten Anblicke waren kleine Kinder mit Skelettgliedern, die an ballonartigen Körpern baumelten«, erinnerte sich Wiktor Krawtschenko, auch er damals Aktivist. »Der Hunger hatte jede Spur von Jugend aus ihren Gesichtern gewischt []; nur in ihren Augen hielt sich noch eine Erinnerung an Kindheit. Überall fanden wir Männer und Frauen am Boden liegend, die Gesichter und Bäuche geschwollen, ihre Augen völlig ausdruckslos.«

Nach einer Reise im Juni 1933 berichtete der italienische Geschäftsträger Bernardo Attolico: »Man findet Leichen, bei denen die Weichteile herausgeschnitten sind, und diese werden als Nahrung gebraucht. Leichen von Kindern findet man nicht; wie die Bauern selbst gestehen, wird das Fleisch der Kinderleichen gekocht und gegessen. Nur die Rote Armee und die Fabrikarbeiter werden noch ›einigermaßen‹ mit Nahrung versorgt.«

Stalin war gut informiert. Schließlich gingen zahllose Berichte über seinen Schreibtisch, von der GPU, von leitenden Funktionären, aber auch von Marschall Iona Yakir, dem Befehlshaber des Ukrainischen Militärdistriktes. Gelegentlich akzeptierte Stalin kleinere Absenkungen des Ablieferungssolls. Die niedrigen Forderungen für die neue Ernte 1933 – in der Ukraine 4,7 Millionen Tonnen anstelle von 6,7 Millionen im Jahr zuvor – kann man möglicherweise als stillschweigendes Eingeständnis interpretieren, die Schraube des Terrors überdreht zu haben. Staatliche Stellen teilten im Frühjahr 1933 Saatgut aus, auch einige Lebensmittel für diejenigen, die zur Aussaat auf den Feldern arbeiteten. Ansonsten aber unterblieb zumindest bis Mai 1933 jede Form von Hilfe.

Im Januar 1933 hatten Stalin und Molotow die Abriegelung der Hungergebiete verfügt. Auf den ukrainischen Bahnhöfen gab es keine Fahrkarten mehr zu kaufen. »Illegal« Reisende wurden von der GPU wieder zurückgeschickt.

Selbst wenn man voraussetzt, dass Stalin ein psychopathischer Despot war, mögen diese Art und dieser Grad des Terrors doch erstaunen, schließlich brauchte das Land Arbeitskräfte und Soldaten. Immerhin hat Stalin versucht, sein Vorgehen zu begründen. In einem Brief an den Schriftsteller und späteren Literaturnobelpreisträger Michail Scholochow konzedierte er, dass einige Parteiarbeiter gewiss zu weit gegangen seien. Aber man müsse auch sehen, dass die Getreideproduzenten »einen ›Italienischen Streik‹ (Sabotage!) durchführten und sich nicht zu schade waren, die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot dastehen zu lassen«.

Aus seiner Warte hatten die Bauern nicht richtig gearbeitet. Wie er aus den GPU-Berichten wusste, stand es ja in den Kolchosen mit der Arbeitsmoral der verbitterten Landleute in der Tat nicht zum Besten. Die Bauern brauchten also eine »Lektion«.

Offenbar dachte nicht nur Stalin so. Der deutsche Agrarexperte Otto Schiller konnte mehrfach »die Erklärung hören, daß nur diejenigen hungern, die nicht arbeiten wollten. In der sowjetischen Verfassung stünde aber, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll.« Dies sei so zu verstehen, »daß, wer nicht arbeiten wolle, nicht nur sterben könne, sondern letzten Endes auch sterben müsse«.

Die mörderische »Lektion« scheint angekommen zu sein. Jedenfalls berichtete Generalkonsul Karl Walther im Dezember 1933 aus Charkow, in der Landbevölkerung herrsche die Überzeugung, »daß die Sowjet-Macht die Hungersnot [] bewußt als Mittel [] benutzt hat, um die Widerstände gegen das System und die Abneigung gegen die kollektivistischen Arbeitsmethoden zu brechen«.

Neueren Forschungen zufolge verhungerten 1932/33 fünf bis sieben Millionen Menschen. Nehmen wir die in der Verbannung umgekommenen »Kulaken« und all die anderen Opfer des Kollektivierungs- und Requisitionssterrors hinzu, dann steigt die Schätzung bis auf 14,5 Millionen. Robert Conquest von der Universität Stanford kam auf Basis sowjetischer Volkszählungen zu dieser monströsen Zahl.

Dennoch spielte die Katastrophe im öffentlichen Bewusstsein jahrzehntelang kaum eine Rolle. Erst um 1990 wagte man sich an dieses schreckliche Kapitel, insbesondere in der unabhängig gewordenen Ukraine. 2006 erklärte das Parlament in Kiew den 25. November zum Tag des Gedenkens an den »Holodomor« – ein Wort, das frei übersetzt »Hungerkatastrophe« bedeutet und in dem zugleich der Holocaust mit anklingt.

Allerdings gab es rasch Streit, weil die Parlamentsmehrheit das Massensterben zu einem stalinistischen Genozid am ukrainischen Volk uminterpretierte. Nun hatte in der Tat die Ukraine besonders gelitten. Auch fiel der Hungerterror zusammen mit Stalins Angriff auf die Reste ukrainischer Autonomie und ukrainischen Sonderbewusstseins. Einigen Juristen zufolge lässt sich daher durchaus von einem Genozid im Sinne der UN-Konvention von 1948 sprechen. Die amerikanische und die kanadische Regierung schlossen sich dem an.

Bei dieser Interpretation drohen jedoch wesentliche Fakten aus dem Blickfeld zu geraten. Einen Plan Stalins, alle Ukrainer umzubringen, gab es nicht. Außerdem wurden auch Nichtukrainer Opfer seiner Schreckenspolitik, wie zum Beispiel die Menschen in Kasachstan, wo der Hunger – gemessen an der Einwohnerzahl – am heftigsten wütete, und selbstverständlich viele Russen. Gerade sie betrachten die nationalistische Genozid-Deutung der Ukrainer als Geringschätzung ihres Leidens und als ein abgekartetes antirussisches Manöver. In dieser bizarren Debatte aber, dem Versuch, das Gedenken für fragwürdige Zwecke zu instrumentalisieren, droht die Erinnerung an eines der grausigsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts und seine Millionen von Opfern erneut zu verschwinden.

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