Israel

Die Partei der Verzweifelten

Israels berühmtester Schriftsteller Amos Oz erläutert, warum er Mitgründer einer neuen sozialdemokratischen Bewegung ist

DIE ZEIT: Als sehr bekannter Autor reden und schreiben Sie jetzt nicht mehr nur über Politik, sondern sind Mitbegründer einer neuen linken Bewegung, die – assoziiert mit der Meretz-Partei – an die Stelle der Arbeitspartei treten will. Was ist passiert?

Amos Oz: Die Arbeitspartei ist am Ende ihrer historischen Mission angelangt. Sie war in den vergangenen Jahren nur mehr ein ständiger Juniorpartner in jedweder zentristischen oder rechten Regierungskoalition. Ein eher unbedeutender Partner noch dazu. Was wir brauchen, ist eine neue sozial-demokratische Partei.

ZEIT: Wandeln Sie also jetzt auf den Spuren von Václav Havel und Jorge Semprún?

OZ: Nein, ich bewerbe mich um kein politisches Amt. Denn ich habe ein physisches Handicap. Ich bin unfähig, die Wörter »kein Kommentar« auszusprechen. Wie kann ich da Politiker sein wollen!

ZEIT: Was also wird Ihre Rolle sein?

OZ: Ich werde schreiben und reden, wie ich es immer getan habe. Nur eben noch ein wenig mehr in den nächsten Monaten.

ZEIT: Wie relevant wird Ihre Partei werden? Meretz stellt heute gerade einmal fünf von insgesamt 120 Knessetabgeordneten. Ehud Barak, der Vorsitzende der Arbeitspartei, spricht von Eskapismus der Linken.

OZ: Eine große Wählerschaft sehnt sich nach etwas Neuem. Da sind die jungen Idealisten, die bei der letzten Wahl die Pensionärspartei wählten, da sind die Zig- wenn nicht sogar Hunderttausende von Israelis, die gar nicht gewählt haben, weil sie entweder gleichgültig oder verzweifelt waren. Dann gibt es den Kern der Grünen Partei, die derzeit überhaupt nicht in der Szene repräsentiert ist, sich aber möglicherweise einer linksorientierten Koalition anschließen wird. Zehntausende Tel Aviver haben vorige Woche bei der Stadtratswahl für Dov Chanin (den linken Shootingstar, Anm. d. Red.) gestimmt. Es gibt ein Potenzial für eine Partei, die viel größer ist als die jetzige Meretz-Partei.

ZEIT: Aber die Verzweifelten sind doch nicht unbedingt unter den Linken?

OZ: Die meisten schon. Die Rechten neigen in diesem Land nicht zur Verzweiflung.

ZEIT: Vermissen Sie starke politische Figuren wie Jitzchak Rabin oder Ariel Scharon?

OZ: Ich vermisse klare Führungsqualitäten. Dazu gehört der Mut, unpopuläre Dinge zu sagen. Als Harry Truman einmal gefragt wurde, wie es sich denn anfühlen würde, im Weißen Haus zu sitzen und der mächtigste Mensch der Welt zu sein, antwortete er: »Wenn du an diesem Ort sitzt und denkst, der mächtigste Mensch zu sein, dann bist du in den größten Schwierigkeiten. Du bist allenfalls gut positioniert, um die Leute davon zu überzeugen, das zu tun, von dem sie ohnehin wissen, dass sie es tun müssen.«

Das sind in meinen Augen echte Führungsqualitäten. Denn die Menschen wollen keine höheren Steuern bezahlen oder das Westjordanland aufgeben, aber sie wissen, dass es nötig ist.

ZEIT: Fragt man Israelis, was sie derzeit am allermeisten beunruhigt, so verweisen viele auf das immer krasser gewordene Wohlstandsgefälle.

OZ: Ja, viele Israelis sehnen sich nach einer Atmosphäre von sozialer Solidarität, wie sie einmal geherrscht hat. Jahrelang war das Land in dieser Hinsicht ja sogar ein Modell gewesen. Europäer kamen hierher, um sich die Kibbuzim anzuschauen und die Histadrut (Gewerkschaft, Anm. der Red.) . Sie interessierten sich für dieses alte sozial-demokratische Gleichheitsdenken, auch wenn die Wirklichkeit immer schon ein wenig anders aussah. Denn ein soziales Gefälle gab es immer schon, besonders in den fünfziger Jahren, als mittellose Einwanderer massenweise ins Land strömten. Aber zumindest gab es da die Absicht, eine relativ gerechte Gesellschaft zu gründen. Damit ist es vorbei. Dieses Vakuum aber muss unbedingt gefüllt werden.

ZEIT: Das hat sich Ihre neue Partei ja auch auf die Fahnen geschrieben, die sich am 6. Dezember offiziell konstituieren will. Allerdings fehlen mir dort noch die jungen und frischen Stimmen.

OZ: Noch ist es zu früh, es wird sie aber sicher geben.

ZEIT: Wollte nicht auch die Zentrumspartei Kadima mit ihrer Vorsitzenden Zipi Liwni etwas Neues repräsentieren?

Oz: Kadima ist sehr schnell gealtert und stellt sich als eine seltsame Hybride heraus. Diese Partei hat ihre Tauben und Falken und ist in den wichtigsten Fragen so gespalten wie die israelische Öffentlichkeit.

ZEIT: Für die ohnehin angeschlagene Arbeitspartei bedeutet die Gründung einer neuen linken Partei möglicherweise das Ende. Ist der Verfall der einstigen Gründerpartei des Landes nicht traurig oder sogar gefährlich für die israelische Demokratie?

OZ: Traurig ja, gefährlich nicht. Denn ich glaube nicht, dass es ein Vakuum geben wird. Etwas anderes wird entstehen und an ihre Stelle treten. Das ist in vielen anderen Ländern schon passiert. Altmodische Parteien – ob konservativ oder sozialdemokratisch – starben, und andere traten an ihre Stelle.

ZEIT: Warum engagieren Sie sich gerade jetzt so stark? Gab es nicht schon schwierigere Momente in den letzten Jahren, etwa nach dem Debakel des Libanonkriegs?

Oz: Israel steht kurz vor einem Abkommen mit den Palästinensern. Wir waren noch nie so nahe dran. Es befindet sich in Reichweite.

ZEIT: Wissen Sie das von Ehud Olmert?

OZ: Ich weiß das aus vielen Quellen. Es gibt immer noch Uneinigkeiten in wichtigen Punkten, aber relativ gesprochen, sind wir ganze nahe dran. Das Abkommen kann entweder zum Abschluss gebracht oder zu den Akten gelegt werden. Das hängt von der nächsten Regierung ab. Und der Frage, aus welchen Parteiblöcken sie sich zusammensetzt. Es mag ein Klischee sein, einen Wahlkampf als alles entscheidend zu bezeichnen, aber dieser ist es wirklich mehr denn je. Es geht um Krieg oder Frieden.

ZEIT: Wie lautet also Ihr Wahlkalkül?

OZ: Kadima, was immer von der Arbeitspartei übrig bleibt, die neue linke Partei und noch andere kleinere Parteien. Es geht darum, eine Mehrheit von 61 Sitzen zu erlangen.

ZEIT: Netanjahu hat den Umfragen zufolge gute Chancen auf ein Comeback. Es sieht so aus, als glaubten viele Israelis einfach nicht mehr an den Frieden, umso mehr, seitdem sich die Hamas in Gaza an die Macht geputscht hat.

OZ: Sie mögen daran glauben, aber trauen der anderen Seite nicht. Was wir brauchen, ist ein solides Abkommen mit soliden Garantien – einschließlich von dritter Seite. Die große Mehrheit der israelischen Juden und auch der palästinensischen Araber weiß, dass es am Ende des Tages eine Zwei-Staaten-Lösung geben wird. Werden sie damit glücklich sein? Nein. Sie werden auch nicht auf den Straßen tanzen, wenn es dazu kommt. Nicht in Palästina und nicht in Israel. Für beide wird dies eine schmerzhafte Angelegenheit sein. Wie eine Amputation. Und die Operation wird von jeder Menge Lärm und Wut begleitet werden. In Israel und Palästina. Aber die gute Nachricht ist, dass die große Mehrheit heute weiß, wie die Dinge am Ende aussehen werden. Auch Netanjahu weiß das. Er redet vielmehr davon, dass jetzt nicht der richtige Moment dafür sei.

ZEIT: Als sich die israelische Armee 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen hatte, sagten Sie im Gespräch (ZEIT Nr. 35/08), dass Sie erst in drei Jahren ihre Bewertung abgeben wollten, wenn sich die Entwicklung in Gaza abgezeichnet hätte. Auf dem Weg zu Ihrem Haus hier in der Wüstenstadt Arad bin ich durch ein Gebiet gefahren, auf das allein heute wieder neun Kassamraketen gefallen sind.

OZ: Ja, ganz offensichtlich gibt es Raketen aus Gaza. Sie sind auch ein reales Hindernis für den Frieden, weil sie das tiefe Misstrauen und den Pessimismus stärken. Retrospektiv betrachtet, hätte der Abzug aus Gaza vielmehr Teil eines umfassenden Abkommens mit Abu Masen (Kampfname von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas, Anm. der Red.) sein sollen – und vielleicht begleitet werden sollen von internationalen oder arabischen Truppen, die für die Umsetzung gesorgt hätten. Ich glaube immer noch, dass jedes palästinensisch-israelische Abkommen erst einmal ein paar Jahre lang von der Anwesenheit regulärer arabischer Truppen begleitet sein sollte. Jordanische Blauhelme im Westjordanland, ägyptische Blauhelme in Gaza.

ZEIT: Sie sind ein prominenter Linker, dessen Stimme in Europa gern gehört wird. Weil Sie nach Meinung vieler Europäer das Richtige sagen. Haben Sie manchmal das Gefühl, dennoch falsch verstanden zu werden?

OZ: Wenn es um Israel geht, sehen viele gern alles in Schwarz-Weiß. Die europäische Linke neigt dazu, die Konfliktseiten in gut und böse aufzuteilen. Man unterzeichnet eine Petition für die good guys, lanciert eine Demonstration gegen die bad guys und legt sich mit einem guten Gefühl schlafen. Ich versuche die europäischen Intellektuellen immer davon zu überzeugen, so seltsam das jetzt klingen mag, dass dies hier kein Hollywoodfilm ist, ja, dass die Welt kein Hollywoodfilm ist. Sie wollen aber wirklich immer wissen, wer der Gute und wer der Böse ist.

ZEIT: Warum, glauben Sie, ist das so?

OZ: Weil das in der Vergangenheit tatsächlich einfach war. Als es um Faschismus und Antifaschismus ging. Jeder anständige Mensch konnte da wissen, wer der Gute und wer der Böse war. Das galt auch für das Apartheidregime oder den Kolonialismus in Vietnam. Der israelisch-palästinensische Konflikt aber ist eine Tragödie, in der Recht und Recht aufeinandertreffen. In jüngster Zeit nenne ich das immer häufiger Unrecht und Unrecht. Aber das lässt sich nur schwer vermitteln.

ZEIT: Der Osloer Friedensprozess ist gescheitert, ebenso wie die Verhandlungen von Camp David 2000. Was veranlasst Sie denn zum Glauben, dass es diesmal mit einem israelisch-palästinensischen Abkommen klappen könnte?

OZ: Weil es eine zunehmende Müdigkeit bei den Israelis und den Palästinensern gibt. Erschöpfung ist die Ausgangsbasis für die Lösung vieler Konflikte, nicht nur auf internationaler, sondern auch auf familiärer Ebene. Damit meine ich nicht die Anführer der Hamas, die haben nicht genug, oder die Anführer unserer Siedler, sondern die schweigende Mehrheit auf beiden Seiten. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass die Hamas – obwohl Wahlsieger im Parlament – nur 33 Prozent der Wähler hinter sich versammelt hatte.

ZEIT: Aus der Ferne ist Israel in seiner Komplexität oft wirklich schwer zu begreifen. Es denkt in vieler Hinsicht militärisch und national, aber dann eben auch ganz postmodern und global.

OZ: Israel existiert in mehreren Jahrhunderten gleichzeitig. Es laufen hier verschiedene Uhren. Die Distanz zwischen Tel Aviv und Jerusalem ist intergalaktisch. Das sind zwei Planeten. Auch die Distanz zwischen Tel Aviv und Arad ist groß. Israel ist ein so kompliziertes Land, weil es immer noch im Entstehen ist. A nation in the making. So etwas braucht Zeit. Wir sollten uns in zweihundert Jahren treffen, um zu sehen, ob es funktioniert hat.

ZEIT: Bleibt Ihnen jetzt eigentlich noch Zeit für die Literatur?

OZ: Ich stehe jeden Morgen sehr früh auf, gehe in der Wüste spazieren und trinke eine Tasse Kaffee, bevor ich mich an den Schreibtisch setze und arbeite. Das ist der beste Teil meines Tages. Ich habe gerade erst wieder ein Buch mit Kurzgeschichten beendet. Erst am Nachmittag oder abends gehe ich dann zu Veranstaltungen.

ZEIT: Würde es Sie nicht doch reizen, sagen wir einmal, Kulturminister zu werden?

OZ: Václav Havel hat mich schon einmal früher gefragt, warum ich mich nicht um ein politisches Amt bewerben würde. Meine Antwort lautete damals wie heute: Wenn alle Schriftsteller in die Politik gingen, dann fingen die Politiker an, Romane zu schreiben. Und das wäre das Ende der Zivilisation.

Das Gespräch führte Gisela Dachs

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Leser-Kommentare

  1. Glückwunsch zu diesem Interview.

    Was Herr Oz über die Arbeitspartei sagt, trifft auch genau unsere deutsche SPD. Seitdem sie sich von der Sozialdemokratie distanziert und mit den Konservativen austauschbar geworden ist, ist sie überflüssig geworden.

    Die neue sozialdemokratische Bewegung ist die Linke.

    Es ist dem deutschen System geschuldet (5%-Hürde macht es Partei-Neugründungen schwer, fußzufassen), daß die Linke sich mittels des ehemaligen PDS-Stammwählerpotentials aufgerichtet hat, auch um den Preis, für Kalte Krieger für immer unwählbar zu bleiben.

  2. Vor über drei Jahren machte Oz die folgende Vorhersage:

    Denn wenn der Abzug in einem Bombenhagel auf israelische Städte endet, dann war das der letzte Abzug, ganz egal, was das Friedenslager sagt.

    Heute gibt er selbst zu, dass Israel von Gaza beschossen wird. Was ist daraus zu folgen?

    1) dass er damals falsch lag, oder
    2) dass er sich heute bewusst für eine aussichtslose Politik engagiert?

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  • Von Gisela Dachs
  • Datum 22.1.2009 - 11:28 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48
  • Kommentare 2
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