Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, sollten identifiziert werden.« So lautet das erste von elf Geboten, zu denen sich Deutschland und 43 andere Staaten vor zehn Jahren auf der sogenannten Washingtoner Konferenz bekannten. Ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust hatten viele Opfer der Nazis (oder deren Erben) noch immer nicht ihren einstigen Kunstbesitz zurückerhalten. Mit diesem Unrecht sollte nun Schluss sein. Die Bundesregierung wies die öffentlichen Museen, Sammlungen und Bibliotheken an, entzogene Kunst aufzufinden und zu restituieren.

Geholfen hat das wenig. So eifrig wie die deutschen Museen ihre Kriegsverluste aufgelistet hatten, so uninteressiert zeigten sich viele auch nach der Washingtoner Erklärung für das Thema Raubkunst. Man habe kein Geld und kein Personal, um die Provenienz der Bestände zu recherchieren, rechtfertigten sich viele Direktoren. Reagierten dann aber zumeist empört auf die privaten Provenienzforscher und die Rechtsanwälte, die im Auftrag von zumeist jüdischen Opfern und Erben einzelne Meisterwerke oder auch ganze Sammlungen aus den Museen zurückverlangten.

Erst jetzt, im Jubiläumsjahr, scheint die Washingtoner Erklärung endlich ein wenig Wirkung zu entfalten. Bei den Dresdner Sammlungen wurden 16 Millionen Euro für eine breit angelegte Erforschung der Sammlung bereitgestellt (auch um Ansprüche des ehemaligen Herrscherhauses Wettin abzuwehren). Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München stellten im April eine Provenienzforscherin ein, die mehr als 5000 Objekte der Sammlung auf ihre Herkunft untersuchen soll. Und der Staatsminister für Kultur Bernd Neumann hat in Berlin eine kleine Arbeitsstelle für Provenienzrecherche eingerichtet; sie soll die Forschungsprojekte der Museen koordinieren und mit jährlich einer Million Euro unterstützen. Die ersten Gelder wurden vor wenigen Wochen bewilligt. Und doch haben nur neun Institutionen überhaupt Anträge gestellt, nur etwa die Hälfte der bereitgestellten Million kann jetzt verteilt werden.

Uwe Hartmann, der Leiter der Arbeitsstelle, verweist auf die kurze zweimonatige Antragsfrist und rechnet 2009 mit mehr Förderanträgen. Dennoch scheinen manche Museumsleiter immer noch nicht den moralischen Kern der Washingtoner Prinzipien erkannt zu haben. Das siebte Washingtoner Gebot etwa lautet: »Die Vorkriegseigentümer und ihre Erben sollten ermutigt werden, ihre Ansprüche auf Kunstwerke, die durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückgegeben wurden, anzumelden.« Von einer solchen Ermutigung ist wenig zu spüren, gar von Abwehrmaßnahmen berichten Vertreter jüdischer Erben. Und auch viele Auktionshäuser und Kunsthändler zeigen sich nach wie vor unkooperativ.

Am Ende einer erfolgreichen Provenienzrecherche, wenn der Eigentümer oder der Erbe eines entzogenen Kunstwerks ausfindig gemacht werden konnte, solle eine »gerechte und faire Lösung« stehen, hatten die Unterzeichner in Washington gefordert. Wie unterschiedlich diese Lösungen aussehen können, das zeigt derzeit die sehenswerte Ausstellung Raub und Restitution im Jüdischen Museum Berlin (noch bis zum 25. Januar, der hervorragende Katalog kostet 25 Euro). Die Kuratoren Inka Bertz und Michael Dorrmann vermitteln anhand von 15 Fallbeispielen, wie unterschiedlich der »Entzug« aussehen konnte und welch sonderbare Reisen das jüdische Kulturgut dann machte.