DIE ZEIT: Herr Professor Prenzel, hat Sie als Pisa-Profi noch irgendetwas überrascht an der neuen Studie?

Manfred Prenzel: Wenn man die Pisa-Tabellen aus der Fußballerperspektive betrachtet, dann ist der Wechsel des Spitzenreiters in allen drei Testbereichen – Sachsen statt Bayern – natürlich interessant, ich hatte ihn nicht erwartet. Aber ich möchte klarstellen, dass der Abstand zwischen Bayern und Sachsen im Lesen und in der Mathematik nicht signifikant ist.

ZEIT: Die Punktwerte liegen dort also so nah beieinander, dass wegen der Messungenauigkeit die Reihenfolge theoretisch auch andersherum sein könnte. Kann Sachsen sich trotzdem freuen?

Prenzel: Auf jeden Fall. Sachsen hat im Vergleich zur Pisa-Studie 2000 in allen Bereichen deutlich zugelegt. Sachsens Schüler können besser lesen, sind in Mathematik besser geworden und haben in den Naturwissenschaften einen gewaltigen Fortschritt gemacht. Bayerns Schüler können, wie die Schüler aller Bundesländer, einen erfreulichen Fortschritt bei den Naturwissenschaften vorweisen, beim Lesen und bei der Mathematik stagnieren sie seit 2003, aber auf hohem Niveau.

ZEIT: Müssen wir uns an eine neue Bildungsgeografie gewöhnen und auf der Suche nach Vorbildern nicht mehr nach Süden, sondern nach Osten schauen?

Prenzel: Der Süden ist weiterhin besonders stark. Fast durchgängig liegen Bayern und Baden-Württemberg mit Thüringen und Sachsen an der Spitze. Verbessert haben sich eigentlich alle Bundesländer. Der Blick nach Osten aber lohnt sich in jedem Fall, weil dort die größte Dynamik festzustellen ist. Gegenüber Pisa 2000 haben die östlichen Bundesländer in allen drei Testbereichen spürbar stärker zugelegt als die westlichen. Sachsen-Anhalt und Brandenburg können gegenüber 2000 den größten Leistungszuwachs verzeichnen.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Prenzel: Drei Erklärungsansätze: die Tradition, die Lehrerschaft und die Schulstruktur. Bei der Mathematik und den Naturwissenschaften können die neuen Länder ihre schon zu DDR-Zeiten entwickelte Stärke wiedererlangen. Was die Lehrerschaft angeht, zeigen unsere Untersuchungen, dass die Lehrkräfte im Osten, vor allem in Sachsen, sehr aktiv mit Blick auf das Lösen von Problemen sind.

ZEIT: Es wird nicht gejammert, sondern gehandelt?

Prenzel: So könnte man es verkürzt ausdrücken. Hinzu kommt eine simpel gestrickte Schulstruktur: Es gibt das Gymnasium und eine weitere Schulart, in Sachsen heißt sie Mittelschule. Deren Pisa-Leistungen können locker mit denen von Realschulen mithalten. Man hat sich weder vom Westen die Dreigliedrigkeit aufdrücken lassen, noch spielt die Gesamtschuldebatte eine große Rolle. Man hält Frieden an der Schulstrukturfront, und die Politik und die Lehrer konzentrieren sich aufs Kerngeschäft.

ZEIT: Das tut man im Westen nicht?

Prenzel: Zumindest beobachte ich, dass in den westlichen Bundesländern sehr viel Kraft in die Schulstrukturdebatte gesteckt wird.