Sieht so ein Gewinner aus? In den drei von Pisa getesteten Bereichen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – findet sich Bremen einmal mehr am Ende der Tabelle der sechzehn Bundesländer. Und doch sagt die Schulsenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) beschwörend: "Die vergangenen Jahre waren keine verlorenen Jahre." Die Fakten geben ihr recht. Als einziges westliches Bundesland hat Bremen seit der Pisa-Studie 2000 in allen Bereichen, auch bei der Lesekompetenz, zugelegt – zum Teil beachtlich. Die Risikogruppe, jene Fünfzehnjährigen, die nicht richtig lesen und schreiben können, wurde von 37 auf 27,4 Prozent verkleinert, die Zahl der Sitzenbleiber drastisch reduziert.

Was sich bewegt hat, zeigt ein Ausflug in den äußersten Norden der Stadt. 25 Kilometer von den schmucken Bürgerhäusern der Altstadt entfernt, ragen Betonklötze und Mietskasernen in den Himmel. Das ist Bremen-Blumenthal, eine der Gegenden, von denen die Forscher reden, wenn sie die besondere Problemlage der Stadt beschreiben: Die höchste Arbeitslosigkeit aller westdeutschen Länder, nirgendwo sonst stammen mehr Kinder aus Einwandererfamilien, in Bremen haben die Eltern den deutschlandweit niedrigsten Bildungsstand. Am Rand der Siedlung steht ein Flachbau aus roten Backsteinen, das ist die Integrierte Stadtteilschule "In den Sandwehen".

Es ist die Schule von Friedrich-Karl Jostes, einem etwas fülligen Mann mit Dreitagebart, Mittelscheitel und Krawatte unter der Strickjacke. Seit sechs Jahren ist er hier Direktor; in dieser Zeit hat er mit seinem Leitungsteam aus der ehemaligen Problemschule ein Vorzeigeprojekt gemacht. Auf seinem Schreibtisch klebt ein Zettel mit einem Satz des Pädagogen Hartmut von Hentig: "Man kann den Menschen nicht gegen seinen Willen erziehen." Genau darum gehe es, sagt Jostes. "Dazu braucht es Lehrer, die Verantwortung übernehmen können und das auch wollen."

Darum haben sie in den Sandwehen die Lehrer in Jahrgangsteams eingeteilt, die ihren Unterricht gemeinsam planen, häufig fächerübergreifend. Darum haben sie an ihrer Schule den verpflichtenden Ganztagsbetrieb eingeführt, von halb neun bis halb vier. Davor gibt es ein kostenloses Frühstück, mittags ein Essen, und in den Pausen können die Schüler in Freizeiträumen spielen, bei den Sozialpädagogen vorbeischauen oder als sogenannte Scouts die Pausenaufsicht mitorganisieren. Jede Woche bekommen sie einen Arbeitsplan für alle Fächer, den arbeiten die Schüler in den betreuten Arbeitsplanstunden selbstständig ab. Schulen wie die von Friedrich-Karl Jostes sind es, die Olaf Köller im Sinn hat, wenn er sagt: "Bremen ist ein Musterbeispiel dafür, dass Pisa etwas bewirken kann." Köller ist Direktor des Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und einer der führenden Schulforscher. Noch vor wenigen Jahren hätten Bremer Schüler fast zwei Jahre Lernrückstand gehabt zu ihren Altersgenossen in Bayern oder Sachsen, inzwischen sei es noch ein gutes Jahr, sagt Köller. "Das ist ein erheblicher Fortschritt, das sollte den Bremern Mut machen."

Die Stadtteilschule hat seit Pisa 2000 an Schulentwicklungsprojekten der Robert-Bosch-Stiftung teilgenommen, ihre Lehrer haben sich Modellschulen überall im Land angeschaut. Jetzt, berichtet Jostes, erhalten sie selbst immer öfter Besuch. Dann streifen zum Beispiel Vanessa, 12, André, 13, und Sarah, 14, durch das weitläufige Gebäude, durch den Theaterraum mit den drei Sitzreihen, durch das Sandcafé, wo Schüler Brötchen verkaufen, und jeden einzelnen der drei Musikräume. Stolz verweilen die drei an den riesigen Wandporträts von John Lennon, Albert Einstein oder den Fantastischen Vier, die das Haus schmücken. Und dann erzählen sie atemlos, von ihren Lehrern, die das Sitzenbleiben abgeschafft haben, die ihnen nicht böse sind, wenn sie ihren Arbeitsplan mal nicht schaffen, sondern fragen, woran es liegt und was sie tun können. Gibt es gar nichts, was den drei an ihrer Schule nicht gefällt? Vanessa überlegt lange, dann sagt sie: "Doch, die Klos." Und fügt lächelnd hinzu: "Aber die sollen jetzt auch gemacht werden." Jan-Martin Wiarda