Als es noch den real existierenden Sozialismus gab, mit all seinen unerfreulichen Eigenschaften, brauchte der Kapitalismus nicht sonderlich ideologisch aufzutreten: Für jeden vernünftigen Menschen war offensichtlich, warum es sich in West-Berlin besser lebte als in Ost-Berlin, in New York besser als in Moskau. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges und der Alternativlosigkeit, die damit einherging, hat der westliche Kapitalismus begonnen, ideologische Züge zu entwickeln: zum einen das marktradikale Programm, das Steuern verteufelt, den Markt stets für klüger als den Staat ansieht und »Eigenverantwortung« auch bei benachteiligten Menschen für besser hält als kollektive Systeme der Daseinsvorsorge. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher brachte diese geistige Strömung auf den Punkt, als sie sagte, es gebe keine Gesellschaft, nur Individuen.

Was dem Katalog der marktwirtschaftlichen Pseudogesetzmäßigkeiten aber noch fehlte, war das andere: ein Transzendenz-, ein Heilsversprechen, das das Leben in diesem neuen Kapitalismus auch für diejenigen attraktiv machen konnte, die von der Jeder-für-sich-Doktrin materiell nicht profitierten. Dieses andere beginnt sich seit Anfang der neunziger Jahre herauszuschälen. Das neue Heilsversprechen unserer Gesellschaftsordnung ist gekoppelt an eine Technologie ohne Präzedenzfall: an die Digitalisierung der Welt, an die Ausbreitung des Internets als Weg zu Wissen und Wohlstand für alle.

Auch die sechziger und siebziger Jahre glaubten an die Macht der Bildung zur Verbesserung des Lebens. Aber damals waren die Mittel noch diesseitig: Gesamtschule, Gesamthochschule und nie mehr endende Lehrplanreformen sollten Chancengleichheit herstellen, wo das Schicksal Ungerechtigkeit hervorgebracht hatte. Irgendwo hinten im Kopf wusste man dabei freilich immer noch, dass der Einzelne sich anstrengen musste, um von den neuen Bildungsangeboten zu profitieren.

Das alles ändert sich, seit deutlich zu werden beginnt, was das Internet eines Tages können wird – nämlich alle Computer auf der Welt verbinden und jede digitalisierbare Information oder Dienstleistung (von Buchhandel bis Buchhaltung) überallhin transportieren. Seither gibt es ein neues Wort, in dem sich alle Hoffnungen bündeln: Wissensgesellschaft . Die unbeschränkte Verfügbarkeit von »Wissen« soll die Benachteiligten der Erde zu Wissenden machen. Information at your fingertips lautet eine verlockende Formulierung des Microsoft-Gründers Bill Gates für das neue Versprechen. Dieses Leitmotiv wird unendlich variiert, von Journalisten, von Bildungsbürokraten, von Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern. Dass die Information unter unseren Fingerspitzen immer noch mühsam gelesen, bedacht, verstanden werden muss, bevor sie tatsächlich zu Wissen wird, spielt in ihren Publikationen eine untergeordnete Rolle. Das Medium Internet wird nicht in erster Linie als Instrument betrachtet, mit dem wichtige Ziele leichter erreicht werden können – es verschmilzt mit diesen Zielen, es wird zum Inbegriff des Fortschritts selbst.

»Wir träumen von dem Tag, an dem das Internet ein Recht sein wird wie Brot«, inserierten 1995 mehrere Computerkonzerne auf einer Doppelseite in Repubblica . Von einer »himmlischen Stadt« im Netz schrieb der texanische Professor Michael Benedikt. Der Grateful-Dead - Songschreiber John Perry Barlow, einer der wortgewaltigsten Netz-Propheten, kündigte 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos »eine Zivilisation des Geistes« im Cyberspace an. »Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die eure Regierungen bislang errichteten.« Und in dieser neuen, besseren Welt werde der Umgang mit dem PC zu einer »vierten Kulturtechnik« neben Lesen, Schreiben, Rechnen – so sieht es jedenfalls der Softwaregigant Microsoft.

Ein Menschenrecht wie Brot, eine neue Kulturtechnik, eine himmlische Stadt, Fortschritt, Zukunft, Zivilisation des Geistes: Wenn all das kein quasireligiöses Heilsversprechen ausmacht, dann ist die katholische Kirche ein Softwareunternehmen und der dialektische Materialismus eine Art Betriebssystem.

Die aufgeladene Rhetorik des Glaubens lässt Skepsis gegenüber den neuen Medien schnell als kleingeistig und kulturpessimistisch erscheinen – ein tödlicher Vorwurf in jedem Fortschrittsdiskurs. Trotzdem müssen wir anfangen, bestimmte Fragen zu stellen: Wollen wir tatsächlich so leben, wie es uns von den Digitalisten nahe gelegt wird? Suchen wir wirklich ein technisches Heim für unser Bewusstsein? Bindet nicht das Netz soziale Energie in virtuellen Pseudogemeinschaften; Energie, die im real life dringend für echte Politik gebraucht würde? Nutzen die Nutzer die gewaltigen wissenschaftlichen und politischen Informationsmöglichkeiten des Internets überhaupt – oder verschwenden sie ihre Zeit mit kommerzgesteuerten Unterhaltungsthemen? Auf Letzteres deuten die wichtigsten englischsprachigen Google-Begriffe des Jahres 2005 hin. Nur zwei – »Hurrican Katrina« und »Tsunami« – stammten aus dem schnöden Alltagsleben, die restlichen der Top Ten lauteten: Janet Jackson, Xbox 360, Brad Pitt, Michael Jackson, American Idol, Britney Spears, Angelina Jolie und Harry Potter.