Es geschah im Frühsommer 1981. Ich war 22, meine Popmusikgötter hörten auf den Namen Genesis – und nichts deutete darauf hin, dass ich den Jungs aus England jemals untreu werden würde. Mein bester Freund Uwe und ich waren immun gegen jedes noch so verlockende Klangangebot von anderswo. Bis es damals Juni wurde in Hanau am Main, die Mädchen sich in irritierend knappe Stoffe hüllten – und Uwes große Schwester Lilli eines Abends eine Platte auflegte, die mein musikalisches Grundverständnis auf ebenso jähe wie fundamentale Weise auf den Kopf stellte. Die Platte trug den kryptischen Titel As Falls Wichita, So Falls Wichita Falls und war von zwei jungen Amerikanern namens Pat Metheny und Lyle Mays. Was da aus Uwes kühlschrankhohen schwarzen Pionier-Boxen drang, war von solch überwältigender Exotik, dass es mir die Sprache verschlug – groß und fremd und irritierend schön; der Soundtrack zu einem anderen, mir plötzlich vorstellbaren Leben – fern von Hanau und den drei, vier immer gleichen Clubs und Mädchen.

Klar haben wir damals, wenn wir uns zum Musikhören trafen, den einen oder anderen Joint geraucht und von irgendwelchen Großtaten halluziniert. Doch dieses Album war etwas, das weiter reichte als bloß bis in die Sphären eines begrenzten Rauschs: Es war, als hätte ich – wie einst Rilkes Malte in Paris – "neu hören und sehen" gelernt. Was Metheny und Mays – unterstützt von der Percussionistenlegende Naná Vasconcelos – zelebrierten, war von einer bezwingenden Originalität; angefangen bei dem Titelstück, dessen lautmalerische Klangtupfer anmuteten wie Morsezeichen aus einer anderen Welt. Und je länger ich mich an Mays’ kryptischen Synthesizerklängen wärmte, über denen Methenys Tonfolgen seiner 12-saitigen Elektrischen dahinschwebten wie ein Vogel über einer endlosen Wüstenlandschaft, desto sicherer hatte ich das Gefühl, auf etwas Großes gestoßen zu sein. Nie zuvor war es einer einzelnen Platte auf Anhieb gelungen, mich zum Verräter an allen bisherigen Musikvorlieben werden zu lassen, mehr noch: Dies hier war die Musik zu meinem ganz persönlichen Gefühlsfilm; den Emotionen eines damals 22-Jährigen, der mit Ach und Krach sein Abitur gemacht hatte und sich damit einer Welt gegenübersah, die Taten von ihm verlangte.

Doch statt die Ärmel hochzukrempeln und das Leben anzupacken, legte ich mir weitere Metheny-Scheiben zu und flüchtete in ein Philosophiestudium, um mich noch eine Weile zu verstecken. Daran, dass ich mein Heil (und Unheil) später im Schreiben fand, ist neben den Büchern von Albert Camus und Paul Nizon sicher auch Methenys Platte schuld. Ein Album, das für mich – auch nach vielen weiteren Musikerfahrungen – noch immer zum Schönsten und Eigensinnigsten dessen zählt, was in den letzten dreißig Jahren an der Schnittstelle zwischen Pop und Jazz entstand. Auch heute noch dienen mir Stücke wie Ozark oder September Fifteenth als Inspirationsquellen beim Schreiben. Und daran wird sich, so wie es aussieht, wohl auch in Zukunft wenig ändern.

Pat Metheny & Lyle Mays: As Falls Wichita, So Falls Wichita Falls; ECM/Universal

Peter Henning, geb. 1959 in Hanau, lebt in Köln. Im Herbst 2009 erscheint beim Aufbau Verlag in Berlin sein fünftes Buch, der Roman "Die Ängstlichen"