klassik

"Diese Freudenschreie, aber seltsam, auch Schreie des Entsetzens … Jubel, innige Liebeserklärung, flehentlich; unbändige Sehnsucht. Der Entschluss, mit der Welt unerbittlich um Dich zu kämpfen." Schreibt da ein romantischer Poet, leicht neurotisch, im ersten Rausch der Jugend? Die Angebetete ist zwar erst 35 Jahre alt, der Verfasser aber schon 73 und als Komponist eine internationale Berühmtheit. Vielleicht wäre Leoš Janáček ohne diese Amour fou seiner späten Jahre nicht, was er geworden ist – der bedeutendste tschechische Komponist. Die stilisierte und (wie er selbst zugibt) nur "erdachte" wahnwitzige Leidenschaft für eine in keiner Hinsicht außergewöhnliche junge Frau ist im letzten Jahrzehnt der große Energieschub in seiner Kunst. Die Muse Kamila Stösslova inspiriert ihn zu den großen Opern, auch zu den beiden Streichquartetten, zu jener Mischung aus fiebrig hochschießenden Emotionen, schwärmerischer Zärtlichkeit und der Angst vor dem Absturz ins Nichts. Diese Musik, zu der keine Traditionslinie hinführt, ist hochkomplex und kompromisslos modern.

So klar, so radikal wie jetzt vom Quatuor Diotima waren die Streichquartette (trotz manch guter Aufnahme) bislang nicht zu hören. Gläsern und gespenstisch geistern die Töne umher. Heftig sind im zweiten Quartett, den Intimen Briefen, die Tempowechsel, die aber die neue Bärenreiter-Edition belegt. Und dass die Franzosen die Briefe auch in der von Janáček ursprünglich gedachten Version mit siebensaitiger Viola d’amore anstelle der Bratsche bieten, macht die Sache perfekt. Eine Offenbarung. Oswald Beaujean

Leoš Janáček: Streichquartette

Quatuor Diotima, Garth Knox (Viola d’amore); Alpha 133

Foto: Guy Vivien