Die ZEIT: Der Energiehunger der Menschen im fossilen Zeitalter vergiftet die Atmosphäre. Wo stehen wir heute wirklich bei der Klimaveränderung?

James Hansen: Manche großen Veränderungen lassen sich nicht mehr abwenden. So werden wir das Eis auf dem arktischen Meer verlieren. Da ist der tipping point, ab dem diese Entwicklung sich eigenständig beschleunigt, schon erreicht. Immerhin aber könnte die Menschheit dafür sorgen, dass dieses Eis zurückkommt, wenn sie kein neues Klimagas mehr ausstößt und der Wald altes Klimagas aufnimmt. Der Verlust ist nicht unwiderruflich.

ZEIT: Auf welche tipping points müssen wir noch achten?

Hansen: Praktisch unumkehrbar wäre es, wenn das vermeintlich ewige Grönlandeis in den Ozean glitte. Und wenn wir für ein Massensterben biologischer Arten sorgten. Das ließe sich nicht wiedergutmachen – jedenfalls nicht für viele Generationen. Solche Massensterben hat es während früherer Erwärmungsphasen schon gegeben. Zwar sind danach neue Arten entstanden; aber das dauert viel länger, als wir denken können. Solche großen tipping points dürfen wir nicht überschreiten.

ZEIT: Welchen Anteil hat der Mensch an der gegenwärtigen Erderwärmung?

Hansen: Zwischen 100 und 105 Prozent. Die wichtigsten Zyklen des Klimas haben mit der Erdbahngeometrie im Weltraum zu tun, und die spricht gegenwärtig eigentlich für Abkühlung. Wir sind vor über 10.000 Jahren in eine warme Periode geraten. Nun sollte sich das Klima langsam wieder abkühlen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

ZEIT: Sind nicht auch natürliche Faktoren wichtig?

Hansen: Ja. Besonders die Sonne, deren Wärme variiert. Sie durchläuft Zyklen. Derzeit steht sie aber bei einem Minimum, nicht bei einem Maximum. Das heißt, dass die Sonnenaktivität den gegenwärtigen Erwärmungstrend nicht erklären kann. Es gibt einfach keine Grundlage für all die Versuche, den Klimawandel als natürlich zu beschreiben.

ZEIT: Sie sagten 2005, die Menschheit hätte noch zehn Jahre, um das Ruder herumzureißen. Jetzt sind es nur noch sieben.

Hansen: Was ich meinte, war Folgendes: Wenn wir zehn Jahre so weitermachen wie bisher, mit mehr Kohlekraftwerken und mit mehr CO2-Emissionen, dann wird es zumindest sehr schwer, noch die Kurve zu kriegen. Da wird es schwierig, bei einer Konzentration von CO2 in der Luft zu bleiben, die man noch als sicher bezeichnen kann. Wir bewegen uns auf ein gefährliches Niveau zu.

ZEIT: Wie kriegen wir denn die Kurve?

Hansen: Wir kriegen sie nur, wenn die Welt schnell ein Moratorium für den Neubau von traditionellen Kohlekraftwerken beschließt und wenn die bestehenden Kohlemeiler bald ihren Betrieb einstellen. Wenn die Menschheit sie beispielsweise bis zum Jahre 2030 abschafft, könnte es gehen. Dann gäbe es zwar eigentlich schon zu viel CO2 in der Atmosphäre, aber das ließe sich danach wieder auf ein nachhaltiges Niveau reduzieren.