Nicht genug damit, dass sich diese Chinesen ständig in Globalwirtschaft und Weltpolitik einmischen – jetzt grätscht Peking auch noch bei traditionsreichen westlichen Kulturpraktiken dazwischen. Jahrzehntelang haben sich abendländische Mäzenatenverbände verzweifelt um Chancengleichheit bemüht, um auch stimmlich benachteiligten Musikern eine Karriere im Rampenlicht ermöglichen zu können.

Die chinesischen Kommunisten aber, die es doch nun wirklich besser wissen müssten, möchten das ultimative Werkzeug künstlerischer Egalität nun verbieten: das Playback. Das Kulturministerium in Peking kündigte an, dass Künstler "keine vorher aufgenommenen Lieder oder Musikstücke nutzen dürfen, um Live-Gesang oder das Spielen von Instrumenten zu ersetzen". Solches Tun sei "Betrug an der Öffentlichkeit".

Wir meinen: Playback zu verbieten ist Betrug an der Kunst. Milli Vanilli und Vanessa Mae, Enrique Iglesias und Roland Kaiser sind Künstler, die unsere Welt im Innersten zusammenhalten. Gut, sie alle sind auf offener Bühne schon einmal Opfer von böswilligen Tonmischern, Stromausfällen oder CD-Hängern geworden.

Aber haben Sie – Stichwort Gesamtkunstwerk – schon mal versucht, gleichzeitig zu singen und zu tanzen wie Britney Spears? Sehen Sie. Das kann noch nicht einmal Britney Spears selbst. Und wie durchsichtig nun der chinesische Versuch, an diesen Säulen unserer Kultur zu sägen!

Im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking hatten die Gleichstellungsbeauftragten vor Ort ja noch selbst verhindert, dass die hübsche neunjährige Lin Miaoke von der Eröffnungsfeier ausgeschlossen wurde, nur weil die siebenjährige Yang Peiyi schöner singen konnte. In Wahrheit dient dieser moralinsaure Gesetzesentwurf nur der Ablenkung. Denn die chinesische Regierung hat die Kulturtechnik des Playbacks natürlich längst übernommen, ja perfektioniert (genau wie Waschmaschinen oder Autoradios).

Während unser Ideal in der optimal synchronisierten Imitation liegt, kultivieren die Chinesen das Gegenteil: Hier hat sich das Geschehen auf der politischen Bühne längst von der Tonspur emanzipiert. Das Land entwickelt sich zu einer kapitalistischen Rechtsdiktatur, während im Hintergrund noch die Internationale läuft. Mitsingen könnten da nur noch unbelehrbar orthodoxe Maoisten – und dieses Karaoke wäre für sie Harakiri.