DIE ZEIT: Mr. Loach, lassen sich Ihre Filme als sozialistischer Realismus bezeichnen?

Ken Loach: Das hat schrecklich stalinistische Obertöne, man denkt an grobschlächtige Landarbeiterinnen auf Traktoren! Nein. Wir erzählen Geschichten, so authentisch, aber auch so spannend und überzeugend wie möglich.

ZEIT: Sie haben auf dem Kontinent mehr Erfolg als in Großbritannien. Etwa in Frankreich und Italien. Auch in Deutschland. Stehen Ihre Filme mehr in Einklang mit dem Denken und der Gefühlswelt der Linken in diesen Ländern?

Loach: Ich glaube, der Grund liegt in der Kinotradition auf dem Kontinent. Die ist vor allem in Frankreich ungleich vielfältiger, dort wird das Kino ernst genommen. Kommerzielle Filme in Großbritannien sind Fantasieprodukte, eine Begleitung zum Popcorn-Naschen. Französische Filme können ernst sein, ohne Langweile zu verbreiten. Das Gleiche gilt für Italien, das große Jahrzehnt des realistischen Films der Nachkriegszeit lebt dort im Bewusstsein fort. Wir hatten nie etwas Vergleichbares. Wir Briten standen immer im Schatten Amerikas. Bei uns dreht sich alles um Gewalt, um Prestigekonsum, um Sentimentalität und nicht um echte Emotionen. Das ist etwas, was ich deprimierend finde.

ZEIT: Wie würden Sie Ihren neuen Film It’s a Free World auf den Punkt bringen?

Loach: Wir erzählen eine Geschichte über Immigranten, die auf der Suche nach Arbeit nach London kommen. Wir zeigen ihr Schicksal aus dem Blickwinkel von Angie, einer jungen Frau, die ihre Arbeit verloren hat. Aus Geldnot kommt sie auf den Gedanken, die Immigranten als Leiharbeiter auszubeuten. Sie gründet ein Unternehmen und verliert nach und nach ihre Skrupel. Und so wandelt sie sich von einer zunächst sympathischen Figur in einen anstößigen Charakter. Durch die Logik geschäftlichen Erfolgs.