Ahmad Moqadassi blickt durch das Schaufenster seiner Apotheke hinaus auf den Märtyrerplatz. »Angst«, sagt er, »bedeutete damals nichts.« Ein Satz, der vielleicht zu groß klänge, würde er nicht von einem Apotheker gesprochen, zwischen Prothesenkleber, Kinderpuder und Kniebinden. Moqadassi ist 61, sein Haar ist weiß, die Lesebrille baumelt an einer Kordel. Da draußen vor seiner Apotheke ist die persische Monarchie zugrunde gegangen, an einem Septembermorgen vor 30 Jahren. Ein paar Tage zuvor hatten die Demonstranten Blumen auf die Gewehrläufe der Soldaten gesteckt, es waren Millionen auf der Straße, und die Soldaten hatten gelacht. An diesem Morgen war alles anders. Der Schah hatte Kriegsrecht verhängt, die Leute wussten es nicht, oder es war ihnen gleichgültig. Sie waren noch nicht viele am frühen Morgen, als die Soldaten aus den Nebenstraßen anrückten. Wenig später lagen 200 Tote auf dem Platz.

Es war der 18. September 1978, Teherans »Schwarzer Freitag«. Das Schah-Regime würde sich von diesem Tag nie mehr erholen; vier Monate später flieht der Kaiser.

Moqadassi, der Apotheker, fuhr an jenem Freitagmorgen umher, um die Schwerverletzten zu versorgen. Zur Tarnung saßen Frau und Kinder mit im Auto. Moqadassi hatte mit 16 begonnen, gegen den Schah zu kämpfen. »Bitte denken Sie nicht, wir Iraner würden die Gewalt lieben. Ich habe meinen Kindern nie eine Ohrfeige gegeben.«

Draußen vor der Apotheke ist das Gedenken an die Toten der Revolution schon lange in Abgaswolken verweht. Der berühmte Platz ist nur noch eine Straßenkreuzung; Teherans Stadtplanung hat den historischen Ort zerschnitten. Jedes Mal, wenn Moqadassi hinausschaut, schmerzt ihn das. »Es ist unfair, was sie dem Platz angetan haben.«

Als die Revolution siegte, waren das für ihn die schönsten Tage seines Leben. Er bewahrt sich still die Schönheit der Erinnerung. Was er draußen sieht, gefällt ihm nicht. Und weil Iran ein Land ist, in dem Angst wieder eine Bedeutung hat, wissen alle in dieser Apotheke, dass nicht nur von einem Platz die Rede ist.

Eine unbewaffnete Bewegung siegt gegen eine der bestausgestatteten Armeen der Welt

Dies ist der Bericht von einer Spurensuche, einer Suche nach den Spuren der Revolution in den Erinnerungen der Beteiligten. Es ist eine Suche innerhalb Irans, bei jenen also, die geblieben sind; Ausgewanderte, Geflohene, Vertriebene hätten anderes zu erzählen. Und weil diese Geschichte in Iran spielt, handelt sie nebenbei auch von einem Generationskonflikt. Die Mehrzahl der heutigen Iraner wurde erst nach der Revolution geboren.

Historikern und Soziologen fällt es bis heute schwer, zu erklären, was 1978/79 geschah. Binnen weniger Monate stürzte eine überwiegend unbewaffnete Bewegung ein Regime mit einer der bestausgestatteten Armeen der Welt, bis zuletzt unterstützt von den USA. Es war The Unthinkable Revolution, so der Titel einer Studie des amerikanischen Soziologen Charles Kurzman. Unblutiger als die Französische und die Russische Revolution, war die iranische zugleich viel populärer, sagt Kurzman. Der Grad aktiver Beteiligung unter den damals 35 Millionen Iranern machte sie zu einer wirklichen Volksrevolution.

Was hat sie befeuert? Auf dem Land darbten die Menschen; fast jeder Zweite lebte unter der Armutsgrenze, und in den wachsenden Slums der Großstädte hausten Bauern, denen eine verfehlte Agrarreform die Existenz geraubt hatte. Die sozialen Gegensätze waren obszön; eine kleine Oberschicht lebte zwischen Dior, Juwelen und Champagner wie im Bilderbuch westlicher Dekadenz. Das Schlimmste aber war: Der Schah war in den Augen seines Volkes Despot und Marionette zugleich; brutal nach innen, willfährig nach außen – und bei alldem zutiefst gottlos.

Junge Männer in dandyhaften Jacketts, weiß, tailliert, andere mit langen Haaren. Junge Frauen mit und ohne Kopftuch, das Haar modisch toupiert. Auf alten Fotos ist die Vielfalt der Opposition gegen den Schah noch zu erkennen. Später legte sich über alles der übermächtige Schatten von Ajatollah Chomeini. Der Nachwelt blieb ein irriges, ungerechtes Bild von einem großen Freiheitskampf.

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Kaum jemand stand abseits. Viele Iraner sagen heute, sie seien »mitgerissen« worden. »Ich ging demonstrieren, weil alle gingen. Ich streikte, weil alle streikten.« Selbst Desertion wurde ein Massenphänomen – und zivile junge Iraner rasierten sich den Schädel, damit die Deserteure mit ihrem militärisch gestutzten Haar besser untertauchen konnten.

Mohamed Hassan Inalu stand damals als Wachsoldat vor dem Schah-Palast. Er war 20, seine Uniform sah amerikanisch aus, und auch in seinem Schlafsack stand: »Made in U.S.« Die kaiserliche Familie war schon geflohen, aber die Revolution hatte noch nicht gesiegt – und dann flogen eines Morgens die Tore auf zum Palastgelände, und Inalu erlebte voller Glück seine Entwaffnung. »Eine riesige Menge stürmte herein, darunter bewaffnete Revolutionäre. Sie griffen mich und die anderen Soldaten und sperrten uns in einen Raum. Ich sah noch, dass manche begannen, Antiquitäten wegzuschleppen. Nach zwei Stunden kamen ein paar unbewaffnete, normale Leute; sie ließen uns frei. Wir mussten unsere Uniformen ausziehen, sie gaben uns Zivilkleider und sagten: Haut ab! Ich war froh, denn ich wollte mit dem Volk sein. Ich hätte gerne mein Gewehr mitgenommen und es der Revolution gegeben, aber das durfte ich nicht.«

Inalu, nun 50, erzählt mit einer Frische, als sei alles gestern gewesen. »Es war ein einzigartiger Tag in meinem Leben. Ich werde ihn nie vergessen.«