Iran nach dem Schah Der Undank der EnkelSeite 6/6

Vor der Revolution hörte er von seinen Eltern oft: Kino ist kein gesunder Ort für dich! »Kinos galten als schmutzig, quasi als Bordelle. Darum wurden wegen der Revolution Kinos in Brand gesetzt. Aus manchen wurden Moscheen gemacht, um sie zu reinigen. Es gab eine große Kluft zwischen Kino und Geistlichkeit. Und bis heute haben sich manche Leute nicht mit dem Kino versöhnt. Dazu gehört die jetzige Regierung.«

Die islamische Revolution als film- und kunstfeindlich anzusehen sei trotzdem falsch, sagt Tabrisi. »Wir, die Jungen, lehnten das Schah-Kino ab, weil es flache, billige Unterhaltung war, geistig anspruchslos. Wir wollten einen völlig neuen Stil entwickeln, wir wollten ein Kino machen, das wirklich zu Iran passt. Film sollte erziehen, eingreifen. Wir sahen die Kamera als Werkzeug, um zu zeigen, was die Revolution sein soll.«

Unterstützung kam von Chomeini persönlich. Er stellte einen anspruchsvollen Minderheitenfilm aus der Schah-Zeit als Vorbild heraus – erstaunlich feinsinnig. Die Kuh war in Venedig ausgezeichnet worden: eine metaphorische Tragödie um einen Bauern, den der Verlust seiner einzigen Kuh in den Wahnsinn treibt – er wird selbst zur Kuh. Wenn man den Film heute sieht, beeindruckt vor allem die archaische Gewalt des iranischen Dorfes, völlig unberührt von der Modernisierungspolitik des Schahs. »Das war der Schlüssel«, erinnert sich Tabrisi, »wir konnten loslegen.«

Während er das Filmemachen lernte, brach der Krieg aus. Am zweiten Kriegstag war Tabrisi schon an der Front, drehte seinen ersten Dokumentarfilm. Kriegsfilme – für die westliche Filmkritik sind das die Jugendsünden jener später auf Festivals gefeierten iranischen Regisseure. »Ich schäme mich nicht, wenn ich meine frühen Filme sehe«, sagt Tabrisi. »Sie sind einfach gestrickt, aber sie haben etwas Reines. Sie handeln von Menschen, die jeden Tag sterben konnten.«

Die Reinheit. Früher, sagt Tabrisi, hatten die Geistlichen einen besonderen Platz im Herzen der Iraner, sonst wäre die Revolution nicht zustande gekommen. »Dieses Vertrauen ist beschädigt. Die Gesellschaft hat heute viele Probleme mit den Geistlichen, und sie ist reif genug, sich damit zu befassen.« Bevor die Eidechse in den Kinos anlief, gab es eine Preview für Geistliche. Viele brachten ihre Familien mit, alle waren so neugierig auf den Film. Frauen und Kinder saßen auf einer Seite des Kinosaals, die Mullahs auf der anderen. An den amüsantesten Stellen des Films wurde auf der Familienseite laut gelacht, auf der Klerikerseite verbissen geschwiegen. »Das zeigt, wie weit sich die Geistlichen von der Gesellschaft entfernt haben«, sagt Tabrisi. »Ich bin ein religiöser Mensch«, fügt er hinzu, »heute kaum weniger als zur Zeit der Revolution. Die Geistlichen haben sich geändert, nicht ich.«

Es zieht sich ein Riss durch Iran, der Riss zwischen den Generationen. Seit der Revolution hat sich die Bevölkerung verdoppelt. 70 Prozent sind heute jünger als 30 Jahre. Und in dieser großen, jungen Mehrheit finden viele unbegreiflich, wofür sich ihre Eltern begeisterten.

Ein Paradox: Fast alle Iraner und Iranerinnen, die heute über 50 sind, haben die Revolution unterstützt, waren zumindest Sympathisanten. Doch ihre Kinder wissen darüber erstaunlich wenig. Oral History wird in Iran nicht gepflegt. Im Schulunterricht werden zur Revolution Namen und Daten auswendig gelernt, danach schnell vergessen. Die alljährliche Ausstellung vor dem Revolutionsfeiertag hinterlässt ein Klischeebild: Der Schah wurde gestürzt, weil alle den Islam wollten. Übersättigt mit Parolen, erdrückt vom Märtyrerkult, vermögen viele Jüngere nicht zu sehen, dass ihre Eltern, Tanten, Onkel für ein paar Tage ihres Lebens kleine Helden waren.

Eine privat arrangierte Diskussion mit Studenten: Die Hälfte von ihnen glaubt, das Leben ihrer Eltern, insbesondere deren Jugend in der Schah-Zeit, sei besser gewesen als ihr eigenes Leben. Wenn man mit einem jungen Iraner den Schah-Palast besucht, heute eine Art Museum, dann zeigt der junge Mann auf die Flecken an den Wänden, wo Gemälde fehlen, und sagt erbittert: »Das haben sie gestohlen!« Lichtjahre entfernt scheint die glückselige Erinnerung unseres Wachsoldaten an die Erstürmung des Palastes.

»Man muss die Schah-Zeit selbst erlebt haben, um das alles verstehen zu können«, sagt Ahmad Moqadassi, der Apotheker vom Märtyrerplatz. In dieser Apotheke, wo wir zwischen Prothesenkleber, Kinderpuder und Kniebinden zuerst die Schönheit der Erinnerung an die Revolution fanden, da begegnen wir nun der Einsamkeit und der Qual. »Jeder, den du auf der Straße triffst, ist jung und hat keine Erinnerung. Man fühlt sich manchmal sehr allein. Es ist schwer, die Revolution zu verteidigen, obwohl wir doch nichts Unrechtes getan haben.«

Moqadassi blickt hinaus auf den Platz. Dann strafft er sich und rückt seine Lesebrille zurecht. »Sollte ich das Gefühl haben, es herrschten wieder Verhältnisse wie zur Schah-Zeit: Ich würde mich an einer neuen Revolution beteiligen.«

 
Leser-Kommentare
    • FahadA
    • 25.11.2008 um 19:04 Uhr

    Klasse Artikel.

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    Fast unglaublich guter Artikel. Danke.

    Fast unglaublich guter Artikel. Danke.

    • LB
    • 25.11.2008 um 20:28 Uhr

    Schließe mich meinem Vorredner an. Einer jener Artikel, die mich daran erinnern, warum ich einst begann diese Zeitung zu lesen.

    MfG aus dem Pott
    LB

    • Hujap
    • 25.11.2008 um 23:29 Uhr

    Der Titel des Beitrags ist ein Schlag ins Gesicht der Menschlichkeit.

    Im Iran werden homosexuelle Menschen in der Öffentlichkeit gehängt und vergewaltigte Frauen gesteinigt, weil man ihnen nicht glaubt und der Unzucht bezichtigt.

    Wofür sollten die Enkel also dankbar sein?

    Der Schah und seine Nachfolger hätten sich eventuell weiterentwickelt. Islamische Fundamentalisten entwickeln sich nie.

    Diese Verklärung von Tatsachen ist widerlich.

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    Erschreckende Analyse

    Die Iraner wollten vielleicht einen »kraftvollen und gerechten« Islam als Alternative zu westlicher Dekadenz, aber bekommen haben sie die repressive Terrorherrschaft eines durch seine Revolutionswächter als Repressionsinstrument allgegenwärtigen Mullah-Regimes.

    Es ist ein Armutszeugnis, wenn Journalisten über Politik einseitig, verklärend, romantisierend schreiben.
    Bei einem so heißen Thema wie Iran, ist das geradezu ein Manipulationsversuch.

    Frau Wiedemann soll über Pygmäen-Stämme in Zentralafrika schreiben; da wäre dieser Stil und Inhalt angebracht.

    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)

    Erschreckende Analyse

    Die Iraner wollten vielleicht einen »kraftvollen und gerechten« Islam als Alternative zu westlicher Dekadenz, aber bekommen haben sie die repressive Terrorherrschaft eines durch seine Revolutionswächter als Repressionsinstrument allgegenwärtigen Mullah-Regimes.

    Es ist ein Armutszeugnis, wenn Journalisten über Politik einseitig, verklärend, romantisierend schreiben.
    Bei einem so heißen Thema wie Iran, ist das geradezu ein Manipulationsversuch.

    Frau Wiedemann soll über Pygmäen-Stämme in Zentralafrika schreiben; da wäre dieser Stil und Inhalt angebracht.

    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)

  1. Erschreckende Analyse

  2. Die Iraner wollten vielleicht einen »kraftvollen und gerechten« Islam als Alternative zu westlicher Dekadenz, aber bekommen haben sie die repressive Terrorherrschaft eines durch seine Revolutionswächter als Repressionsinstrument allgegenwärtigen Mullah-Regimes.

  3. Es ist ein Armutszeugnis, wenn Journalisten über Politik einseitig, verklärend, romantisierend schreiben.
    Bei einem so heißen Thema wie Iran, ist das geradezu ein Manipulationsversuch.

    Frau Wiedemann soll über Pygmäen-Stämme in Zentralafrika schreiben; da wäre dieser Stil und Inhalt angebracht.

    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)

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    • ttob
    • 26.11.2008 um 10:03 Uhr

    "Es ist ein Armutszeugnis, wenn Journalisten über Politik einseitig, verklärend, romantisierend schreiben."

    Findest du, dass sie das tut?

    Es ist nützlich zu wissen, was die Menschen im Iran bewegt und wie dort die politischen Verhältnisse aussehen. Und sie lässt viele verschiedene Leute zu Wort kommen. Und somit wird auch klar: sollte dem Iran jemals wieder ein Krieg aufgezwungen werden, dann würde das genau die konservativen Kräfte stärken, die nur noch Jahre von ihrer Entmachtung entfernt sind. Wenn es den jungen Iranern dagegen gelingt eine weniger religiös geprägte Republik zu installieren, ohne so einseitig zu werden wie das Schahregime, DANN können sie als Referenz dienen, für alle Widerstandskämpfer in allen anderen islamischen Diktaturen. So wie wir die Schweiz als Demokratie-Referenz für unsere mittelalterlichen Politstrukturen benutzen.

    • ttob
    • 26.11.2008 um 10:03 Uhr

    "Es ist ein Armutszeugnis, wenn Journalisten über Politik einseitig, verklärend, romantisierend schreiben."

    Findest du, dass sie das tut?

    Es ist nützlich zu wissen, was die Menschen im Iran bewegt und wie dort die politischen Verhältnisse aussehen. Und sie lässt viele verschiedene Leute zu Wort kommen. Und somit wird auch klar: sollte dem Iran jemals wieder ein Krieg aufgezwungen werden, dann würde das genau die konservativen Kräfte stärken, die nur noch Jahre von ihrer Entmachtung entfernt sind. Wenn es den jungen Iranern dagegen gelingt eine weniger religiös geprägte Republik zu installieren, ohne so einseitig zu werden wie das Schahregime, DANN können sie als Referenz dienen, für alle Widerstandskämpfer in allen anderen islamischen Diktaturen. So wie wir die Schweiz als Demokratie-Referenz für unsere mittelalterlichen Politstrukturen benutzen.

  4. nur 19 Jahre nach dem Fall der Mauer haben wir auch hierzulande eine intensive Verklärung und Glorifizierung der DDR-Vergangenheit; scheint ein allgemeines Phänomen zu sein.
    Der Artikel von Frau Wiedemann ist übrigens top.

  5. 8. Yep

    Fast unglaublich guter Artikel. Danke.

    Antwort auf "Danke, Frau Wiedemann"

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