Mädchenroman Seele sucht SeeleSeite 2/2
Die große Wer-bin-ich-Frage, freigegeben ab zwölf Jahren
Stephenie Meyer, die Mormonin ist und in Arizona drei Söhne aufzieht, findet ohne viel Federlesen einen Plot, der Mädchenseelen aufwühlt und nebenbei einen subtilen Gedanken der christlichen Identitätsphilosophie unterhaltsam umspielt. Es handelt sich um einen endlosen Monolog einer »Seele«, die wie Milliarden anderer Seelen seit vielen Tausend Jahren durchs Weltall flattert, schon viele Planeten bewohnt hat und sich immer wieder in neuen Lebewesen verkörpern muss, um existieren zu können.
Ohne einen »Wirt« und die sich aus dem Wirtsverhältnis ergebenden Widersprüche wäre die Seele verloren. In diesem Buch lebt die uralte Seele in dem Körper von Melanie, einer jungen, tatkräftigen amerikanischen Frau. Das ist eine bizarre Gesellschaft, die Melanie knechtet und zugleich bereichert. Und ein Konflikt, der nicht nur junge Mädchen, sondern auch deutsche Philosophen umtreibt. Wann ist der Mensch ganz? Ist er nicht immer viele zugleich? Aber wer ist er dann?
»Spricht die Seele, so spricht, ach, schon die Seele nicht mehr«, klagte Schiller so wunderbar. In ödem Stockdeutsch rechnete Hegel der verlorenen Seins-Ganzheit hinterher: »Das Absolute ist die Identität der Identität und der Nicht-Identität.« Romantischer äußerte sich Ernst Bloch zur selben Frage: »Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.« Die Pubertantin fasst die Debatte so zusammen: »Die Seele ist im Gefühlschaos.«
Das ist Stoff für endlose Seiten Herzenswirrnis. Die große Wer-bin-ich-Frage, freigegeben ab zwölf Jahren. Seele und Frau teilen sich einen Körper. Können sie sich aber auch einen Mann teilen? Und wenn ja, wer ist es dann, der den Mann liebt? Liebt die Seele den Mann, weil die Frau ihn liebt, oder umgekehrt? Und der Mann? Kann er seine Frau noch lieben, wenn in ihr eine alte Seele steckt? Und die Seele, die kein Mensch sehen kann, wie kann man die lieben? Muss die Seele sich eine andere Seele suchen? Oder darf es auch ein Mensch sein, sogar einer ganz ohne Seele? Und überhaupt: Wer ist hier eigentlich Herr und wer ist Knecht? Die Seele oder der Körper? Das sind sie in etwa, die hammerharten Teenager-Fragen.
Verkompliziert wird diese anrührende scholastische Auseinandersetzung durch den Umstand, dass die Seelen in diesem Roman die besseren Menschen sind. Sie können sich nicht verstellen, gebrauchen nie Gewalt und haben das Geld, den alten Seelenverschmutzer, abgeschafft. Erst ganz am Schluss macht Meyer aus diesem zartfühlenden Philosophicum wieder amerikanische Soap. Melanie wird von der Seele befreit und sinkt ihrem Liebsten in die Arme. Die Seele, die einen reinen Seelenliebhaber gefunden hat, darf in einer neuen Wirtin weiterleben. Alle sind, wo sie hingehören. Alle sind glücklich. Friede auf Erden.
Schaden tut das nicht. Schlecht geschrieben ist das auch nicht. Kant für Kinder, was übrigens ein hinreißendes Buch von Salomo Friedlaender ist, nehmen wir dann eben später durch.
- Datum 30.06.2009 - 12:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48
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"Es muss einmal gesagt sein: Zwischen den Büchern, die wir den Kindern ans Herz legen, mit Jugendbuchpreisen versehen, in Literaturrezensionen kunstvoll empfehlen, und den Büchern, die sie wirklich gerne lesen, gibt es so manches Mal ein schwarzes Loch, in dem unsere edelsten literaturpädagogischen Hoffnungen verschwinden."
So ist es. Das hat etwas damit zu tun, dass andere sich beim Lesen das holen, was sie brauchen - nicht das, wovon Muttern meint, dass sie es bräuchten. Es ist völlig belanglos, was jemand liest - Hauptsache, er liest. Alles andere ergibt sich von selbst.
Als Buchhändler hab ich gerade beim Lesen dieses Artikels stellenweise fast Tränen gelacht. Diese Diskussion ist so bekannt und problematisch, aber selten so schön humorvoll verarbeitet wie hier. Vielen vielen Dank für diese Leseköstlichkeit, Frau Radisch.
Bleibt noch zu sagen, dass auch die Rowling unterschätzt wird, auch wenn sie schlechter schreibt als die Meyer, und auch wenn meine ehemalige Chefin in der Buchhandlung recht hatte, Eltern vor dem Potter-Hype zu warnen. Denn was die Frau da geschaffen hat, war eine herrliche Atmosphäre im Stil von Charles Dickens, aber endlich mal mit Zauberei und allen drum und dran. Von kuriosen Ideen geprägt zu sein mag einer Geschichte manchmal einfach mehr Würze geben, als wenn sie nur versucht detailgetreue Realität darzustellen oder soziale Probleme abzuhandeln, da kann das Ende noch so langweilig sein, weil man sowieso weiß, dass der Gute gewinnt und der Böse verliert.
Ach ja, und es bleibt natürlich auch noch zu sagen, dass die Eltern sich doch mal selbst diese als wertvoll be- und ausgezeichneten jugendbuchpreistragenden Schmöker geben sollten, die ihre Kinder links liegen lassen. Die sind teils genauso All-Age und teils wertvoller als so mancher Pornocaust der den Prix-Goncour absahnt. Vergleiche: "Markus Zusak - Die Bücherdiebin" und "Jonathan Littell - Die Wohlgesinnten". Littell's Roman stellt einen Tabubruch, etwas Neues dar, etwas, das sich bisher niemand getraut hat. Ist es deswegen auch wertvoll? Das ist es, natürlich, keine Frage. Aber den zeitlosen Wert, der in einem Roman wie dem anderen Erwähnten, nämlich "Die Bücherdiebin", in der Erzählperson des Todes zu erkennen ist, den erreicht es meiner Meinung nach nicht unbedingt. Trotzdem wird der Roman von Markus Zusak als wertvolles Jugendbuch mit All-Age-Eignung in Nebenregalen abgestellt und findet keine Beachtung.
Vielleicht sind ja auch die Eltern eher durch etwas nie Dagewesenes, etwas Kurioses, etwas Innovatives zu begeistern. Obwohl auch sie dann vielleicht häufiger mal ausnahmsweise zu Meyer und Rowling greifen, als zu Zusak und Littell. Zu Letztgenanntem allerdings nur solange nicht, wie sie nicht ausschließlich den Tabubruch wollen. Und wenn ihnen dann der Littell zu dick ist, nehmen sie eben die Feuchtgebiete.
Noch ein Buchhändlertipp für die vielleicht beste All-Age-Geschichte aller Zeiten, die auch philosophische Hintergründe hat, die Ihresgleichen suchen, obwohl ich mich fast schäme, es zu wagen, so etwas als All-Age zu bezeichnen:
Antoine de Saint-Exupéry - Der kleine Prinz
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Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
Ich finde Frau Radischs Illusionen (ihren Einfluss auf die Lektüre ihrer Kinder betreffend) geradezu rührend. Ich habe als Kind fast ausschließlich Karl May, Enid Blyton und "Die drei ???" verschlungen und hätte nie einen Gedanken daran verschwendet, ein Jugendbuch von - sagen wir mal - Peter Härtling in die Hand zu nehmen. Mit zwölf kam dann Jerry Cotton, mit dreizehn Perry Rhodan - und ernste Literatur dann aber doch auch als Twen (nachdem ich in der Oberstufe Martin Walser überlebt hatte). Will sagen: Kommentator 1 ("einfach lesen lassen") hat völlig Recht, und vielleicht sollten sich Deutschlehrer gut überlegen, womit sie bei ihren älteren Schülern die Lust zur 'richtigen' Literatur wecken können. Ich habe in der Schule auch kurze und gute Texte kennen gelernt und irgendwann freiwillig Klassiker und Gegenwartsliteratur gelesen.
Ach ja, es gibt heutzutage sicher viel bessere Science Fiction zu lesen als Meyers "Seelen".
Ich stimme mit den vorangehenden KommentatorInnen überein, dass das Wichtigste ist, dass Jugendliche (und ebenso Kinder und Erwachsene) überhaupt lesen. Wenn der Kontakt mit Büchern ermöglicht und gefördert wird, entfalten sich die persönlichen Lesevorlieben dann irgendwann von ganz alleine. Voraussetzung dafür ist einzig, dass immer eine Auswahl an verschiedenen Büchern in der Nähe ist, auf bei Interesse die zurückgegriffen werden kann. Was anderswo gilt, das gilt eben auch für das Lesen: Das Angebot regelt die Nachfrage - und nicht die Vorschrift.
Als 17jährige Leseratte, die von Ende, Tolkien, Isau, Schröder, Lukianenko, Follet, etc. - und ja, auch Meyer - alles liest, was es im Bereich Fantastik, Fantasy, Historische Romane etc. eben gibt, kann ich nur sagen: Ich würde lieber ganz aufhören zu lesen als nur das zu lesen, was andere für richtig halten.
Seelen fand ich im Übrigen recht gut, wobei ich es nur empfehlen kann, Meyers Bücher im englischen Original zu lesen. Sprachlich ist das einfach nochmal schöner.
Was ich mich noch frage:
Müssen Autoren oder die, über die geschrieben wird, eigentlich schon tot sein, damit ein Buch gut sein kann?
Was ist eigentlich überhaupt ein gutes Buch genau? Darüber gibt es doch schon Streit, seit es Bücher überhaupt gibt. Ich kann und werde es nur für mich selbst entscheiden.
...ich glaube nicht, dass Autoren zwangläufig tot sein müssen, um Anerkennung zu finden. Wobei, wenn das Buch den Autor überlebt, kann es ja nur für das Buch sprechen. Außerdem gibt es haufenweise lebende Autoren, deren Bücher schon Kultstatus haben (Salinger, Irving, Grass, McEwan, Roth u.a.).
Mit Meyer und Rowling verhält es sich etwas anders. Sie erhalten das Kultbuch-Siegel, wie ich finde, unverdienterweise. Ich meine, was hat schon eine Sechzehnjährige von Biss zum Morgengrauen, außer ein paar kurzweiliger Schauer und einer künstlich erschaffenen Gefühlsachterbahn? Also ich hatte nicht viel davon(mit 16, 17 und jzt. 18).
Aber ich muss auch sagen, dass ich an einem heißen Sommertag auch nicht Mal eben die Blechtrommel oder American Pastoral durchlesen mag! Ich verstehe auch garnicht, warum jedes Buch, das man uns Jugendlichen zumutet, so furchtbar bildend sein muss. Ich kann mir vorstellen, dass die meisten Erwachsenen mindestens einmal in ihrem Leben ein Buch von Charlotte Link(oder auch Roche...), Nora Roberts, Rosamunde Pilcher, Iny Lorentz...gehalten und sogar klammheimlich(oder auch ganz öffentlich) gelesen haben. Und keiner macht ihnen Vorwürfe deswegen!
Meyers und Rowlings Bücher sind vor allem zum Abschalten da. Ein kleines Bisschen wie Fernsehen im Kopf...man braucht nicht viel nachdenken, jede neue Seite bringt Spannung und neue, wenn auch primitive, Konflikte...
Also ich könnte mir an einem heißen Sommertag durchaus McEwan's Zementgarten vorstellen. Ich habe den gelesen, als es draußen kalt war und geschneit hat, im Winter vor ein paar Jahren, und weil dort drückend heiße Sommertage beschrieben werden wollte bei mir der Funke absolut nicht überspringen.
Vielleicht ist ein Buch nur dann gut, wenn man es im genau richtigen Moment ließt. Im Winter 2006 las ich zum Beispiel Ransmayrs letzte Welt. Der Winter 2006 war gar kein Winter. Das war diese drückend schwüle vierte Jahreszeit, in der bis auf ein paar Tage im späten Februar glaub ich keine einzige Schneeflocke gefallen ist.
Und mit genau so einem Winter, der keiner ist, klingt auch Ransmayrs Buch aus. Das hat gepasst, da ist auch vom Inhaltlichen, vom Träumerischen alles bei mir genau so wundervoll angekommen, wie es das sollte.
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Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
Ich fand diesen Artikel wirklich erheiternd, bis zu der Stelle, an der mir die Autorin ohne Vorwarnung das Ende des Buches verraten hat :-(
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