DIE ZEIT: Deutschland befindet sich immer noch im Obama-Rausch, sogar Bravo druckt ein Obama-Poster. Haben Sie in der Wahlnacht auch mitgefiebert?

Cornelia Funke: Oh ja! In der Wahlnacht habe ich mit europäischen Freunden ferngesehen – und wir alle haben uns die Tränen vom Gesicht gewischt! Ich kann mich einfach nur sehr, sehr freuen.

ZEIT: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen deutscher und amerikanischer Öffentlichkeit?

Funke: Wir mit unserem gemäßigten europäischen Temperament haben natürlich manchmal Probleme mit der enormen Begeisterungsfähigkeit der Amerikaner, mit ihren großen Emotionen. Aber mit ihrer unerschöpflichen Fähigkeit, zu glauben und zu hoffen, schaffen sie eben auch Unglaubliches. All die Flaggen, all der ungezügelte Patriotismus, das löst bei mir als Deutscher mit dem entsprechenden historischen Bewusstsein allerdings auch zwiespältige Gefühle aus, aber für dieses Regulativ bin ich ganz dankbar.

ZEIT: Sie sind, was für deutsche Autoren durchaus ungewöhnlich ist, in Amerika und England sehr erfolgreich. Liegt das daran, dass Sie im Herzen eine angelsächsische Erzählerin sind, der fantastischen Tradition von C. S. Lewis, Lewis Carroll und Tolkien verbunden?

Funke: Das wollte ich gern glauben! Aber vor allem britische Journalisten haben mir mit mitleidigem Blick erklärt, dass sie mich ganz und gar in der deutschen Tradition sehen, als eine Erbin der romantischen Dichter… Wir waren ja auch einmal groß im Erzählen, denken Sie an E.T.A. Hoffmann oder die Brüder Grimm. Ich persönlich glaube, dass es wiederum der Faschismus war, der das verschüttet hat, der unsere Märchen und Mythen missbraucht und bis heute beschädigt hat. Ich glaube, es war ein norwegischer Dichter, der gesagt hat, dass die Diebe zwar gefangen wurden, aber trotzdem mit der Beute davonkamen.

ZEIT: Eine Reaktion der deutschen Kinderbuchautoren auf den Nationalsozialismus war eine sehr ehrenwerte Pädagogisierung der Kinderliteratur: Man wollte den Imperativ des "Nie wieder!" vermitteln, Pazifismus, Toleranz, später auch Umweltbewusstsein. Haben Sie jemals gespürt, wie Ihr pädagogischer Zeigefinger zuckte?