General Motors

Pleite wäre besser

General Motors ist ein Milliardengrab. Und Amerika zahlt weiter

Irgendwann in den Sechzigern tauchten diese komischen kleinen Autos in Amerika auf – käfermäßige Deutsche, Japaner, die wie gequetschte Straßenkreuzer aussahen. Jahr um Jahr wurden die Eindringlinge besser, schöner und sicherer. Aber Detroit sah die Handschrift an der Wand nicht, sondern produzierte weiter rückständige, schlampig gemachte Autos zu Mondkosten.

81 Dollar pro Stunde kostete der durchschnittliche Arbeiter General Motors im Jahre 2006 (mit allen Zulagen wie Pensionsrücklage und Gesundheitsversicherung). Ein Jahr später waren es immerhin noch 73 Dollar, wovon 28 Dollar der reine Lohn waren. Es war eine perfekte Verschwörung der Gewerkschaft (UAW) und des Managements gegen den Kunden – seit Jahrzehnten. Bloß kostete 2007 eine Durchschnitts-Arbeitsstunde bei Toyota nur 48 Dollar. Toyota und Co. hatten inzwischen überall im Land Fabriken hochgezogen, die besser und billiger bauten.

Aber die Verschwörung der Mächtigen ging noch weiter. 50 Milliarden Dollar musste GM allein in den Gesundheitsfonds für pensionierte Arbeiter stecken. Diesen Fonds sollte in diesem Jahr die Gewerkschaft UAW übernehmen – ausgestattet mit einer Einmalzahlung von 30 Milliarden Dollar cash und 1,4 Milliarden in Aktien von GM.

Bloß ist GM praktisch pleite. Die Aktie, die vor 40 Jahren, als die Quetschjapaner landeten, 100 Dollar kostete (was heute 700 Dollar entspricht), ist nun drei Dollar wert. Und noch eine Zahl: GM hat im vergangenen Jahrzehnt 310 Milliarden Dollar brutto investiert. Heute beträgt der Börsenwert nicht einmal zwei Milliarden. Und diese Firma, die an der Harvard Business School als Paradebeispiel für musterhafte Inkompetenz herhalten müsste, soll nun gerettet werden.

Wieso will man einen solchen Kapitalvernichter auffangen? Aus dem bekannten Grund: too big to fail. Stehen nicht insgesamt bis zu drei Millionen Jobs bei den Big Three (mitsamt Zulieferern) auf dem Spiel? Doch diese Logik knirscht, weil die Amerikaner nicht aufhören würden, Autos zu kaufen. Die Nachfrage würde nicht verschwinden, sondern umgelenkt werden, also neue Jobs bei der Konkurrenz erzeugen.

Lässt man aber GM nicht pleitegehen, werden den ersten 25 Milliarden, von denen die Rede ist, weitere folgen. Der Konzern muss allen bisher gekündigten Arbeitern weiter fast den alten Lohn bezahlen. Er muss die Miete für gewaltige Areale entrichten, die er nie wieder nutzen wird. Honda hat nur 1.000 Händler, GM aber 7.000 – und die stehen unter einzelstaatlichem Schutz. Die knappe Moral von dieser Geschicht? Selbst wenn GM so tolle Autos wie Toyota baute, schreibt Michael Levine, ein GM-Experte, könnte es »die Last seiner Vergangenheit nicht abschütteln«.

»Pleite« heißt in den USA im Übrigen »Chapter11«, sprich Schutz vor den Gläubigern unter gerichtlicher Aufsicht. In dieser Phase könnte GM seinen Bossen, Arbeitern, Rentnern, Händlern und Zulieferern Konzessionen abringen, die im warmen Strahl staatlicher Dauerhilfe nicht möglich wären. »Chapter11« könnte GM dazu bringen, an sich gesunde Töchter wie Opel zu verkaufen und so dem Untergang zu entziehen. Aber Vernunft ist in diesem Drama nicht gefragt. Barack Obama wird Milliarden zuschießen, Merkel auch. Falls gut isoliert, könnte Opel überleben. GM aber wird, auf Abermilliarden gebettet, sterben.

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Leser-Kommentare

    • 19.11.2008 um 12:19 Uhr
    • ttob

    ... Herrn Joffe wohl rechtgeben. Wenngleich seine Formulierungen wieder arg am populistischen Rand angesiedelt sind (z.B. wenn er die Mitarbeiterkosten mit den angeblich üblichen Durchschnittslöhnen vergleicht und eine Verschwörung von Gewerkschaft und Management herbeiphilosophiert usw.).

    Was scheinbar generell fehlt ist ein Konzept für sterbende "too big to fail" Unternehmen, die man im Boom oft erst als nationale Champions hochgezüchtet hat und die halt auch mal zu Problemkindern werden können (wobei das Problem bei GM natürlich schon viel älter ist als die letzte Börsenhausse).

    Im Fall von GM würde ich die Milliarden für ein abfederndes langlaufendes Sozialprogramm, Umschulungen und Weiterbildung, Umzugsförderung, etc. nutzen, denn damit ist es sonst bei den Amis ja nicht weit her. Es gilt die Nachfrage trotz wegbrechendem Unternehmen zu stabilisieren, nicht zwangsweise muss das auch das Unternehmen überleben.

    Langfristig sollte man über eine Rücklagenpflicht für Unternehmen ab einer bestimmten Größe nachdenken. Was aber erst Sinn macht, wenn man Währung und Freihandel (auch Globalisierung genannt) wieder im Griff hat und damit auch den ruinösen Wettbewerb um Abgaben- und Sozialdumping.

  1. Mal angenommen.... nur eine Annahme also rein spekulativ... Würde der Hr. Joffe auch so eine Aussage treffen wenn "seine" Zeitung von solchen übeln betroffen währe? Würde überhaupt jemand direkt Betroffener solche Aussagen machen oder redet man einfach nur gerne über das angeblich so einfache Schicksal der anderen?

    Zugegeben ich tue das auch, etwa mit den Kapitalbesitzern, den Investoren, den Aktionären, den CEO's, den reichen Familien die so unsichtbar aber nicht untätig mit uns aber von uns leben...

    Eine Firma nur untergehen zu lassen damit eine sogenannte "Marktbereinung" stattfindet, stattfinden kann ist für mich der denkbar falsche Weg. Die Mrd. Profite der vergangen Jahre die vorallem die international tätigen Unternehmen in den vergangen Jahren eingefahren haben dürfen nun, in schlechten Zeiten durchaus dazu verwendet werden ein Unternehmen eben nicht einfach den Bach runter gehen zu lassen...

    man kann dies auch mittels Diversifizierung oder Neuentwicklungen durchführen die dem ganzen einiges an Härte nehmen. Die Einen verlieren Kapital von dem üblicherwiese noch genügen vorhanden ist, die anderen verlieren viel mehr bis halt nur noch eine Art von Existenz übrig bleibt. Die des Arbeitslosen...

    Es gilt hier abzuwägen ein Unternehmen untergehen zu lassen um einer Theorie gerecht zu werden oder tatsächlich ein noch nachzuweisendens Mrd. Grab zu schaffen...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

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    Welche Milliardenprofite? GM hat in den letzten Jahren nur Milliardenverluste gemacht, das ist doch das Problem! Oder soll GM mit den Gewinnen der Unternehmen, die ordentlich gewirtschaftet haben, saniert werden (indirekt hat Opel GM ja schon subventioniert)? Wie soll das gehen, und wäre das gerecht?

    • 19.11.2008 um 12:44 Uhr
    • TDU

    Da hätten sie durchaus die Pleite in Anführungszeichen setzen können. Denn nach Ihrer Ansicht wäre eine Pleite ja ncht das Ende, sondern ein Neuanfang. Und was für die Großen gilt, sollte doch erst recht bei den Kleinen gelingen. Aber die Besitzstände (nicht die der Malocher), die ja immer gewahrt bleiben müssen, werden eine solch rationale Einstellung vermutlich verhindern.

    In Deutschland geht so etwas schon gar nicht, weil vor lauter Subventionen, ideologischem und parteipolitischem Gerangel Marktwirtschaft gar nicht mehr zu erkennen bzw. gewollt ist.

  2. Wann, wenn nicht jetzt, fragt man sich ... Warum nicht den ganzen Laden in Einzelteile zerlegen und verkaufen/verschenken? Warum nicht mal bei Schumpeter nachlesen? Nur wenn das Alte, das so offensichtlich versagt hat, verschwindet, hat das neue eine Chance! Und das "Alte" heißt sowohl Wagoner, als auch UAW! Und erzähle mir niemand, das Toyota & Co. nicht gern den einen oder anderen Teil übernehmen würden! Angesichts des aktuellen Börsenwerts GMs ist doch eh' fast alles verloren ...

    • 19.11.2008 um 12:59 Uhr
    • Piepe

    Herr Joffe,

    Amerika kann doch einfach für die nächsten 10 Jahre die Importzölle für deutsche Autos verzehnfachen. Wir haben keinerlei politische Mittel dem irgendetwas entgegenzusetzen. Herr Joffe liebt die Starken.

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    "Amerika kann doch einfach für die nächsten 10 Jahre die Importzölle für deutsche Autos verzehnfachen. "

    Prinzipiell richtig, damit würden sie allerdings das von ihnen selbst befeuerte Freihandelssystem zum Zusammenbruch bringen, zumindest wenn sie die Urteile der WTO ignorieren würden (was sie durchaus könnten, auch die EU könnte das übrigens).

    "Wir haben keinerlei politische Mittel dem irgendetwas entgegenzusetzen."

    Doch dieselben. Wer hindert etwa Deutschland oder die EU einfach Mega-Importzölle auf chinesische Waren (und amerikanische) zu erheben? Das Außenhandelsdefizit der USA beruht zum Großteil auf der Gegenfinanzierung durch China, es wäre sicher witzig, dieses System etwas in Wanken zu bringen. Gut für uns und unsere lokale Wirtschaft und Arbeitsplätze wäre es allemal, wenn man dem ch. Währungsdumping endlich einen Riegel vorschöbe (hätte man lange schon tun sollen, bevor alle wichtigen Industrien abgewandert waren).

  3. Als alter Bochumer war ich zunächst der Meinung: "Um Gottes Willen, helft denen blos, sonst sieht es in meiner Heimatstadt (nach Nokia) ja düster aus". Zweifelsohne kann man GM in den USA natürlich nicht mit Opel in Deutschland vergleichen. Insofern kann man vielleicht wirklich hoffen, dass "Chapter11" zieht und Opel vielleicht einen guten Käufer findet. Vielleicht aber auch nicht, das wäre das Risiko. Diese Hoffnung hilft natürlich wenig bei der Beantwortung der Frage, ob man Opel staatliche Hilfe geben sollte. Wenn ich nun einmal Versuche, ganz unvoreingenommen die letzten 25 Jahre bei Opel Revue passieren zu lassen, dann kann man diese Zeit als "Dauerkrise" bezeichnen. Eine permanente falsche Modellpolitik, gepaart mit Qualitätsproblemen (die sich gebessert haben) führten Opel so lange ich denken kann an den Rand des Ruins. Die guten Zeiten lagen weit vor meiner Existenz. Da nun wieder einmal massive Absatzprobleme bestehen (die alle Autobauer zurzeit haben und Opel eigentlich fast immer hatte), stellt sich wirklich die Frage, ob die paar innovativen neuen Modelle mit dem Opelblitz eine staatliche Finazintervention rechtfertigten.
    Ich hadere noch mit mir und meiner Heimatliebe. An letzterer leiden wir Bochumer, sagt man zumindest, immer besonders stark.

  4. Welche Milliardenprofite? GM hat in den letzten Jahren nur Milliardenverluste gemacht, das ist doch das Problem! Oder soll GM mit den Gewinnen der Unternehmen, die ordentlich gewirtschaftet haben, saniert werden (indirekt hat Opel GM ja schon subventioniert)? Wie soll das gehen, und wäre das gerecht?

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    äh ja, man muss immer genau das raus picken was gerade eben nicht funktioniert hat.... Ich schrieb eher von den Profiten der Unternehmen die ... ja , die eben welche gemacht haben... in den vergangen Jahren durchaus meist exklusiv zugunsten der Aktionäre als angebliche alleinige Anspuchsinhaber eines Unternehmens.

    Die viel gerühmte Transparenz die nun überall herumgeistert dient ebenfalls wiederum exklusiv dazu das die Kapitalgeber mit ihren Informationsansprüchen bedient werden. Alle anderen bleiben aussen vor...

    Ich bin auch nicht dafür das irgendwelches Kapital einfach so ohne zu Hinterfragen irgendwo irgendwie zur freien Verfügung gestellt wird. Mir sind aber die Arbeiter, die Angestellten mit ihren Familien näher als irgendwelche Börsenkurse und unverschämte Renditeforderungen.

    Was meinen Sie wie die Bilanzen aller Unternehmen mit geänderten Buchaltungs und Bilanzierungsregeln, je nachdem was für ein Ergebnis gewünscht wird, so angepasst werden können das auch die Verluste kleiner werden. Dazu würde es, wie bereits erwähnt, ausreichen die 3 monatigen Berichtszeiträume auszudehnen auf 1x jährlich, ja sogar noch länger ist durchaus möglich.

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  5. Wie groß ist eigentlich die Gefahr, dass GM jetzt Opel als Notverkauf an eine "Heuschrecke" verhökert?

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  • Von Josef Joffe
  • Datum 11.1.2009 - 18:24 Uhr
  • Serie opi
  • Quelle DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48
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