Schriftstellerin
Sag’s bloß nicht Mammy
Tod, Familie, Sexualität. In Anne Enrights Romanen geht es um die großen Themen des Lebens. Eine Begegnung im irischen Städtchen Bray
»Ich verbringe meine Zeit damit, Dinge zu betrachten und wegzuwünschen, und räume Gegenstände fort. So lebe ich mein Leben.« Nachts wach und tags abwesend, und so voller Wut, als bestünde sie aus nichts anderem: So lebt Veronica Hegarty, 39, ihr Leben, seit ihr Bruder tot ist. Wütend auf ihre Mutter, die sie mit einem unsicheren »Schatz« begrüßt, weil – wie Veronica weiß – sie die Namen ihrer zwölf Kinder nicht immer ganz auf der Reihe hat.
Wütend auf Schwester Kitty, die, am Telefon nur zu einem alkoholgesättigten Lallen in der Lage ist. Wütend auf Tom, ihren »wartungsaufwendigen« Ehemann, dessen anspruchsvoll verdientes Geld, seit Kinder da sind, so viel mehr wert ist als das Geld, das seine Frau verdient. Wütend auf sich selbst, die ein Leben »in Anführungsstrichen« lebt. »Ich könnte meine Schlüssel nehmen und ›nach Hause‹ fahren, wo ich ›Sex haben‹ könnte mit ›meinem Mann‹, genau wie so viele andere Leute…Und ich schien mir aus den Anführungsstrichen gar nichts zu machen, schien nicht einmal zu merken, dass ich in ihnen lebte, bis mein Bruder starb.«
Sie habe nur abends Zeit, wegen der Kinder, hatte Anne Enright am Telefon gesagt. Nun kommt sie mit schnellem Schritt über den Parkplatz; eine kleine Frau von 46 Jahren mit riesigen Augen und einer kräftigen dunklen Stimme: vital, voll fröhlicher Energie. Schon gestern war sie irrtümlich zu dem für ein Interview denkbar ungeeigneten Strandkiosk gekommen, in dem sich bei dröhnender Musik Kids mit Baseballkappen Kaffeebecher holen und den wir jetzt schnell zugunsten eines ruhigeren Ortes verlassen. Im Leben einer Mutter und Booker-Preis-gekrönten Autorin kann schon mal Organisationschaos entstehen.
Bray, ein hübsches irisches Städtchen zehn Kilometer südlich von Dublin, liegt in einer Bucht, die ein grüner Hügel mit dem schönen Namen Little Sugar Loaf abschließt. Die breite Promenade zwischen Meer und Straße erzählt ebenso wie die wenigen größeren Hotelbauten von Brays Vergangenheit als Seebad.
»Das Meer«, sagt Anne Enright, »immer, wenn ich hier bin, denke ich, man sollte täglich schwimmen gehen.« Das Meer. Dorthin kann man gehen, um nicht wieder aufzutauchen, mit Steinen in den Taschen und einem fluoreszierenden Anzug, so hat Veronicas Bruder Liam das gemacht, von dem Anne Enright in ihrem prämierten Roman Das Familientreffen erzählt. Nachdem er die Irische See und sein irisches Leben hinter sich gelassen hatte, waren es dann in Südengland doch wieder das Meer und ein Ort mit breiter Promenade, in dem er starb, das Seebad Brighton. Liams Tod ist die stille innere Mitte des Romans; das Loch, auf das seine Schwester Veronica zurutscht und gegen dessen Sog sie ankämpft, während sie erzählt, was vor und nach Liams Tod geschah.
Anne Enrights Buch – das macht es verwirrend, das zeichnet es aus – ist mindestens ebenso ein Denk- wie ein Erzählbuch. Das Familientreffen dokumentiert das innere Überflutetwerden von der Kindheit – womit nur zu einem Teil die Erinnerung gemeint ist; und zum anderen die schockhaft plötzliche Einsicht in generationenübergreifende Zusammenhänge. Als wäre ein Schleier – namens Gewöhnung an die Verhältnisse – plötzlich weggerissen und dahinter läge mehr, als man ertragen kann: Geschichte bis zur Vorgeschichte der Vorgeschichte; das, was in vielen Windungen und Wirren irgendwann dazu führte, dass man wurde, was man ist. Und auch dazu, dass Liam ging, wohin er ging, ins Meer.
Das Familientreffen ist eine Reise in jene Dimension, die immer neben dem täglichen Leben herläuft, aber der man sich meist erst dann zuwendet wenn, wie man so sagt, »etwas passiert«. Wenn einer todkrank wird, eine sich trennt, einer stirbt und man plötzlich unter die Oberfläche der Dinge gedrückt wird. In dieser Sphäre wohnt Erinnerung gleich neben Fantasie, und so ist es nicht wichtig, ob jene dreieinhalb Stunden, in denen vor vielen Jahrzehnten Veronicas 18-jährige Großmutter Ada und der 23-jährige Lamb Nugent einander kennenlernten, sich exakt so abgespielt haben, wie Veronica sie erzählt. Wichtig ist vielmehr, dass in diesen Stunden Lamb Nugent seine Seele auf ewig mit Ada verband, obwohl diese dann seinen Freund Charlie heiratete, sodass Lamb nur ein Besuch am Freitagnachmittag blieb, in Adas Wohnzimmer, über die Jahrzehnte.
Pikanterweise gehörte das Haus Nugent. Und als dort für ein paar Monate Adas Enkel Veronica, Liam und Kitty zu Besuch waren, um ihre Mutter, die jedes Jahr ein Baby bekam, zu entlasten, tat Lamb Nugent in aller Stille dem kleinen Liam etwas an. Nur Veronica sah es, dieses »etwas«, das eine ganz alte Geschichte enthielt und ein großes Stück von dem, was zukünftig Liams Glück behindern würde. Und so zittert in Veronicas Wut das unabänderliche Weiterreichen einer familiären Not, die dann irgendwie aufgeht als Saat in »Liam the messer«, Liam dem Chaoten, dem Unruhestifter, dem Nichts-auf-die-Reihe-Krieger, der seine Schwester zwingt, sich wieder und wieder von ihm zu distanzieren, ohne Hoffnung, sich je wirklich trennen zu können.
Veronicas Wut, schließlich, ist auch die Kehrseite der Hilflosigkeit. Denn sie weiß etwas, das niemandem genützt hat und das den Tod nicht verhindern konnte. Das alles ist die Wut – sie ist aber auch der mächtige Motor, der die Geschichte am Laufen, der Veronica am Leben hält; in ihr sammelt sich, was an Vitalität noch da ist. Zuletzt ist die Wut auch eine Chance, aus dem alten Leben auszusteigen. »Wir alle machen mit unseren Leben weiter«, sagt Veronica einmal und bringt damit eine unhintergehbareSeite des Todes zur Sprache: Jeder trägt einen Teil in sich, der, wenn jemand sehr Nahes stirbt, mitsterben möchte. Veronica vollzieht dies Mitsterben, was heißt: Nichts mehr gilt von dem, was vorher gegolten hatte. Liebt man seine Kinder? Nein, für sie ist man ohnehin nur eine Last. Liebt man den wartungsaufwendigen Ehemann, der seine »Träume von Kränkung und Erlösung in der Welt der Unternehmensfinanzierung« träumt? Nein, man liebt den einfühlsam, smarten jungen Bestattungsunternehmer.
Solche Krisen sind Zeiten entschiedener Ortlosigkeit. Man fühlt sich ausgesetzt in einer Landschaft der Einsamkeit. Auf nächtlichen Straßen, die man ziellos rauf- und runterfährt, die Weinflasche in der Hand. Auf einer Reise, die man unternimmt, »unterwegs zu einem toten Mann«. Auf der Flucht an den flüchtigsten aller Orte, ein Flughafenhotel, in dem man sich einmietet auf unbestimmte Zeit.
Wollte Anne Enright das auch mal, aus dem Leben aussteigen? »Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich verstanden hatte, dass mein Buch nicht autobiografisch ist«, sagt Anne Enright zu der nahe liegenden Vermutung. Die jüngste von fünf Geschwistern hat – schreibend, als Fernsehreporterin – früh gebrochen mit dem Familiengebot, nur nicht aus der Reihe zu fallen. »In dem Viertel von Dublin, wo ich aufwuchs, wohnten in den Straßen lauter Kinder im selben Alter. Das Credo meiner Mutter hieß: ›Wir sind alle gleich‹ und hätte am liebsten die Bettler, die an die Tür kamen, mit umfasst. Es wurde erwartet, dass wir keine Tabus brachen; uns bloß nicht zu etwas Außergewöhnlichem entwickelten. Es ist ein guter Impuls, ich kann das respektieren – aber natürlich ist die Rolle, die für Frauen darin vorgesehen ist, äußerst eng.«
Frau, Familie – das ist eine Zone, die Anne Enright so leidenschaftlich wie entschlossen durchwandert in ihren Büchern. Denn wenn Das Familientreffen auch nicht autobiografisch ist, zielt es doch mitten hinein in jene Zeit, in der die Frauen ihrer Generation die ersten Risse in der katholisch befestigten Bastion des traditionellen Irlands erlebten – und provozierten.
Erste Risse wohlgemerkt. Nicht genug, meist, um das Leben derer, die wie Veronica und ihre Schwestern in den frühen 1980er Jahren junge Frauen waren, schon markant zu verändern. Aber genug, um Zweifel am Althergebrachten einzupflanzen – und die Ahnung von etwas anderem. »Für uns waren die Priester schon keine Autoritäten mehr«, beschreibt Anne Enright, die 21 war, als der irische Klerus 1983 noch einmal alles aufbot, um das Abtreibungsverbot in Stein zu meißeln. Es ist bis heute in der irischen Verfassung verankert – der Umstand aber, dass damals nur die Hälfte der Wahlberechtigten zum Referendum gegangen war und dass nur zwei Jahre später gegen den Widerstand der Kirche Verhütungsmittel für über 18-Jährige freigegeben wurden, markierte ein Wackeln der Macht, aus dem mit den Pädophilie-Skandalen der 1990er Jahre ein Zusammenbruch wurde.
Anne Enrights Veronica, könnte man vielleicht sagen, stammt also nicht in (autobiografisch) direkter Linie von Anne Enright selber ab, aber erzählt von vielen möglichen Schwestern, denen die Befreiung zu einem selbstbestimmteren Frauenleben nicht gelang.
Aber Moment – gehört nicht auch Veronica zu denen, die es »geschafft« haben? Ein Leben mit (nur) zwei Kindern, Ehemann, einem Auto und Telefonrechnungen, die man »immer zahlen« kann. Ein Leben, das Abstand hält zum trübseligen Chaos der meisten anderen Geschwister und zur Schicksalsergebenheit der Mutter? Veronicas Wut aber erzählt auch hier eine andere Geschichte. Erzählt davon, dass sie zwar wie eine Besessene weggelaufen ist vom seelischen Chaos der Familie, aber nie am »richtigen Platz« angekommen ist.
Das Familientreffen handelt neben vielem anderem auch von irischen Frauen aus einer prekären Zwischenzeit – einer Zeit, in der in Irland ein System gut etablierter Doppelmoral einbrach. Für Kitty (die Alkoholikerin), Midge (die früh an Krebs starb), Veronica (die Umsichtige) ist es nicht mehr möglich wie für ihre Mutter, mit der mehrfachen Wahrheit auch seelisch gut zu leben. Sie wurden irre an einer Mutter, die so »konturlos« ist, dass sie »wie Wasser« durch einen hindurchfließt, und der Veronica noch jetzt entgegenschreien möchte, dass »Beine breit und Augen zu« Folgen hat und dass, Kinder zu haben erst recht Folgen hat, oder Folgen haben sollte. Bestimmte Verantwortlichkeiten zu Beispiel, Zuständigkeiten, die sich nicht darin erschöpfen, viele Kannen Tee zu kochen, die Rolle der strafenden Erzieherin der ältesten Tochter zu übergeben und den übrigen Kindern zur Verinnerlichung das »Mantra (ihrer) Kindheitstage«: Sag’s bloß nicht Mammy.
Mutter sein. Ob sie, Anne Enright, die mit Mitte dreißig zwei Kinder bekam, eine »richtige Mutter« sei? Na, sie habe ihre Zweifel, sagt die Autorin mit vor Lebendigkeit funkelnden Augen. Es sei nicht sie, die morgens den Kindern das Frühstück mache. »Kinder zu haben ist etwas umwerfend Erfüllendes, ein System, das gut funktioniert. Eine spirituelle Disziplin. Man übt sich ständig in Demut, nimmt sich permanent zurück und wird dafür reich belohnt, keine Frage – und trotzdem ist das, was stattfindet, auch eine Art emotionaler Auszehrung. Alles, was man war und von sich wusste, wird über den Haufen geworfen. Was bleibt übrig? Wenige Frauen sind selbstsüchtig genug, etwas von sich am Leben zu halten – aber das ist eben gar nicht selbstsüchtig. So viele Frauen, mich eingeschlossen, verbringen viel Lebenszeit damit, einer Sache hinterherzurennen, die sie nicht identifizieren können – einem Stück von sich selbst. Ich habe versucht, etwas für mich übrig zu behalten. Mich nicht komplett ausgeliefert ans Muttersein – deshalb weiß ich nicht, ob ich eine richtige Mutter bin.«
Making Babies hieß das Buch mit Szenen und Gedanken aus ihrer frühen Mutterzeit, das Anne Enright schrieb, als sie in schneller Folge zwei Kinder bekam und sich zunächst sicher war, dies sei das Ende ihres Schreibens. »Schrecklich war das. Wie jene Szene aus King Lear, als sich der blinde Gloucester von seinem Sohn an die Felsklippen von Dover führen lässt, weil er sterben will. Also springt er – und kommt ein paar Meter tiefer wieder auf. Edgar hat ihn nur an einen kleinen Hügel geführt. So fühlte sich das für mich an – ich bin gesprungen, und Engel haben mich aufgefangen.« Sie fände es »very energizing«, Kinder zu haben, sagt Anne Enright noch; eine Erfahrung des Zugangs zu einer anderen, neuen Energie. »In Wirklichkeit war es nicht das Ende meiner Karriere als Autorin – sondern ihr Beginn.«
Auch für ihre Romanheldin Veronica kommt am Schluss noch mal alles anders. Ihr Leben wird sich umbauen, nachdem ihre Krise auch ein Hadern mit dem Ausgeliefertsein ans Lieben war. »Oft mögen wir die Leute, die wir lieben, nicht mal.« Gerade Geschwister verbrächten üblicherweise viel Lebenszeit miteinander, in der sie sich nicht mögen, sagt Anne Enright, und in der es viel wichtiger sei, sich voneinander zu trennen.
Und so ist Das Familientreffen, last, not least, auch ein Buch über das Spektrum der Liebe, die ein Geschenk sein kann – und eine Unfreiheit. Zugegeben: Mitunter tönt Veronicas Stimme, Veronicas Wut schrill in den Ohren. Mitunter verwackeln der Erzählerin im hohen Ton aufgewühlter Emotionen die Sprachbilder. Und doch ist es Anne Enright – und auch ihrem Übersetzer Hans-Christian Oeser – gelungen, das ganze Gewicht einer Lebenskrise einer leichten Sprache von hoher Assoziationskraft anzuvertrauen. »Seit Monaten falle ich in mein eigenes Leben«, sagt Veronica am Schluss. »Und bin dabei, aufzutreffen.«
- Datum 22.11.2008 - 12:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48
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Nichts mehr gilt von dem, was vorher gegolten hatte. Liebt man seine Kinder? Nein, für sie ist man ohnehin nur eine Last.
Das gilt (in der Regel) wohl nur für große Kinder, für nach der Pubertät.
dass »Beine breit und Augen zu« Folgen hat und dass, Kinder zu haben erst recht Folgen hat, oder Folgen haben sollte. Bestimmte Verantwortlichkeiten zu Beispiel, Zuständigkeiten, die sich nicht darin erschöpfen, viele Kannen Tee zu kochen, die Rolle der strafenden Erzieherin der ältesten Tochter zu übergeben…
Eine (irische) Schriftstellerin darf dieses so sagen. Sicher, das kann auch in Elternhäusern so sein, wo das Kind, ein Kind, dann Schriftstellerin wird, in allen Elternhäusern also wohlsogar. Angesichts solcher Aussagen oder Einsichten (jaja, es sind dies ja nur welche der Romanfiguren…) wundert man sich dann aber nicht nur, warum die Autorin selbst Kinder hat, man fragt sich hier dann aber schon, warum eine Gesellschaft direkt und indirekt und völlig undifferenziert die Kinderzeugung stimulieren soll, wodurch man verschiedentlich ja schon das „Beine breit und Augen zu“ begünstigen dürfte bzw. begünstig – ja, für die Kinder ist doch aber immer das ganze „Dorf“ zuständig…. Aber gut, in Romanen darf man die Wahrheiten sagen, die man in der Öffentlichkeit tabuisiert. Sonst bräuchte man ja vielleicht keine Romane mehr…
Dann haben wir hier ja auch noch die religiöse (Evangelien-)"Literatur", auch die beschäftigt sich ja, z.T. mystisch etwas verklausuliert, mit solchen Fragen. Im Christentum ist es dann nicht der leibliche, sondern unser geistlicher Bruder Jesus, der durch seinen kinderloses Leben und den indirekt ja doch halbfreiwilligen Tod in besten Jahren uns schwer zu denken gibt. Diese verlixten Spiegelneuronen aber auch - aber eben nicht nur die!
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