Magdeburg

Sein ganzes Berufsleben hat der Arzt Schwerstbehinderten gewidmet, denen, die seine Fachkollegen längst aufgegeben hatten. Im Studium war er ein Überflieger, der neben der Medizin noch Zeit für Staatsexamina in Germanistik und Sportwissenschaften fand und über russische Sprachwissenschaft promoviert wurde. In seinem Fach, der Neurophysiologie, hat er es zum Chefarzt, zum Titel eines Professors und zu einem Bundesverdienstkreuz gebracht; er galt als Koryphäe von internationalem Rang. Nun sitzt er auf der Anklagebank des Landgerichts Magdeburg. Aktive Sterbehilfe wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, juristisch formuliert: Totschlag in Mittäterschaft.

Seit vier Jahren streitet der Bundestag über den richtigen Umgang mit mündlichen oder schriftlichen Erklärungen Kranker, die sich für den Fall, dass sie nicht mehr für sich selbst sprechen können, bestimmte Behandlungen verbeten haben. Dieser Prozess gegen den früheren Magdeburger Chefarzt Professor S., derzeit beschäftigungslos, spielt in dem juristischen Niemandsland, dessen Ordnung das Parlament bislang dem widersprüchlichen Walten der Gerichte überlässt.

Der Angeklagte ist 62 Jahre alt. Er drückt sich gewählt aus und hinterlässt zugleich den Eindruck eines gebrochenen Mannes. "Die Anschuldigungen haben mich in eine tiefe Lebenskrise gestürzt", sagt er. Seine Stimme wird brüchig, und seine Augen werden feucht. Einmal unterbricht die Vorsitzende Richterin die Verhandlung für eine Viertelstunde.

Das Drama des Chefarztes S. begann im April 2003. Damals wurde der 26-jährige Brite Timothy Sch. an das Neurologische Rehabilitationszentrum Magdeburg verlegt, das der Angeklagte leitete. Die britischen Ärzte wussten zuletzt nicht mehr weiter. Doch die Eltern des Patienten hatten von einem Spezialisten gehört, der damals gerade von Konstanz nach Magdeburg gewechselt war. S. erklärte sich bereit, die Behandlung zu übernehmen. Er hat einen Sohn im gleichen Alter. So wurde Tim, wie ihn der Angeklagte nennt, sein Patient.

Der junge Brite, Unternehmer und Hobbysportler, hatte einen schweren Fahrradunfall erlitten. Er war auf einer Landstraße angefahren worden. Sein Körper blieb vollständig gelähmt, der Patient konnte nicht mehr eigenständig atmen, schon gar nicht sprechen. Fast alle Nervenverbindungen zwischen Körper und Gehirn waren durchtrennt worden; eine "Dekapitation", wie S. es ausdrückt. Eine einzige Lebensäußerung sei dem Patienten geblieben: Manchmal zwinkerte er mit den Augen. Ob er damit auf seine Umwelt reagierte, gar kommunizieren wollte, sei aber nicht klar gewesen.

Fortschritte gab es auch in Magdeburg kaum. Zwar gelang es den Therapeuten, den Mund ihres Patienten um einige Millimeter zu öffnen, aber die Behandlungsziele – selbstständige Atmung und eine wenigstens minimale Kommunikationsfähigkeit – erreichten sie nicht. Nach einem guten halben Jahr verschlechterte sich Tims Zustand. Sein Gehirn schwoll an, er fiel ins Koma. Sein Tod konnte nur durch eine einwöchige Narkose abgewendet werden. Wäre Tim Deutscher, hätte man ihn in ein Pflegeheim verlegt, wo er wahrscheinlich nach kurzer Zeit verstorben wäre. Deutsche Krankenkassen zahlten nicht mehr, wenn nach sechsmonatiger Behandlung keine sichtbare Besserung eintritt, erklärt S. dem Gericht. Doch diese Regel galt in Tims Fall nicht. Seine Eltern trugen die Kosten der Behandlung.