Dieser Tage beginnt die Gelehrtenrepublik mit den Zurüstungen für seine Unsterblichkeit. Claude Lévi-Strauss wird einhundert Jahre alt, und die Festredner werden den Purpurglanz seines Ruhmes mehren und über ihn sagen, was zu sagen ist: Er sei der bedeutendste lebende Ethnologe und auch der bedeutendste Anthropologe, der Kronzeuge des 20. Jahrhunderts, ein überragender Intellektueller. Und natürlich ein Belletrist der Wissenschaft, der uns in unvergesslichen Büchern die »Naturvölker« nahegebracht hat.

Das alles ist richtig, und doch nur die halbe Wahrheit. Der Jubilar hat nämlich noch eine andere Entdeckung gemacht, und sie stürzt die Lobredner in Verlegenheit. Auf seinen Forschungsreisen stieß Lévi-Strauss auf eine Stammeskultur, die ihm reizbar und brandgefährlich erschien. Sie plünderte die Natur, verwüstete ganze Landstriche, verehrte affige Götzen, massakrierte ihresgleichen und war berüchtigt für ihre historischen Gemetzel. Inzwischen hat diese exotische Stammeskultur alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen und beherrscht die Welt. Ihr Name lautet »Zivilisation«.

Auch die zweite Botschaft, mit der Claude Lévi-Strauss in den fünfziger Jahren von sich reden machte, war eine Provokation. Der Mensch, gab er zu verstehen, sei eine »Maschine« mit »Milliarden von Nervenzellen unter dem Termitenhügel des Schädels«. Im Gegensatz zum instinktgeleiteten Tier habe die Menschmaschine jedoch einen angeborenen Nachteil: Um sich im Dschungel der Tatsachen und Widersprüche zurechtzufinden, brauche sie symbolische Handreichungen und erklärende Mythen.

Auf den ersten Blick sind die Mythen, die sich die Menschen seit Jahrtausenden erzählen, von verwirrender Vielfalt; tatsächlich aber, so behauptet Lévi-Strauss, folgen sie unsichtbaren Mustern und invarianten Strukturen. Fast alle Kulturen kennen die Geschichte vom geheimnisvollen Gral, und fast alle erzählen sich die Geschichte vom Sohn, der die Mutter begehrt und den Vater aus dem Weg räumen will. Oder die Geschichte von der Frau, die vom Jaguar durch den Urwald gejagt und von einer Kinderstimme gerettet wird. Die Figuren in solchen Geschichten sind austauschbar, es muss weder ein Jaguar noch ein Kind sein. Identisch jedoch sind die Strukturen, die sich unter der narrativen Oberfläche verbergen. Das aber kann nur heißen: Nicht Menschen denken sich in den Mythen, sondern Mythen denken sich in den Menschen. Und die neue Theorie, die die Strukturgesetze ans Licht brachte, hieß – Strukturalismus.

Bevor man Lévi-Strauss nun den akademisch handelsüblichen Vorwurf der »Subjektfeindlichkeit« macht, sollte man eines bedenken: Die strukturale, in den vier Bänden der Mythologica entfaltete Methode war zunächst ein unerhörter Akt der Gerechtigkeit, eine Ehrenrettung und späte Anerkennung der nichtwestlichen Kulturen. Denn wenn alle Gesellschaften denselben Strukturen »aufsitzen«, wenn der verschlungene Bilderkosmos der »Primitiven« ähnlich vielschichtig ist wie der der Hochkultur, dann verliert die westliche Zivilisation auf einen Schlag ihre kulturelle Überlegenheit. »Der Reichtum und die Kühnheit in den ästhetischen Erfindungen der Melanesier, ihre Gabe, noch die dunkelsten Produkte der unbewussten Aktivität des Geistes in das soziale Leben miteinzubeziehen, bilden einen der höchsten Gipfel, die die Menschen in dieser Richtung erreicht haben.« Der »Wilde« ist kein rückständiges Wesen, er ist ein gleichberechtigter Teilnehmer im Schauspiel der Menschheit, das in unvordenklicher Zeit auf diesem vom kosmischen Zufall begnadeten Planeten begann und irgendwann, von sich selbst erschöpft, an sein natürliches Ende gelangen wird.

Während sich die Sonne des Rationalismus langsam verdunkelt, lässt Lévi-Strauss das Genie der schriftlosen Kulturen leuchten, den Zauber von Kult und Magie. Zu leuchten beginnen auch die als »kindlich« belächelten Zeitalter, zum Beispiel die »neolithische Revolution«, die »ebenso ihren Pasteur hatte wie die anderen auch«. Zu allen Zeiten »haben die Menschen geliebt, gehasst, gelitten, geforscht und gekämpft. In Wirklichkeit gibt es keine kindlichen Völker; alle sind erwachsen, auch diejenigen, die keine Chronik ihrer Kindheit verfasst haben.«

Vom theoretischen »Herz« des Strukturalismus ist heute wenig übrig geblieben, und aus einer strengen Methode wurde eine possierliche Mode, die sogar ihrem Erfinder bald auf die Nerven ging. Verblasst ist auch der provokative Charme. Niemand wird sich heute mehr nonchalant über den Unterschied von Mythos und Religion hinwegsetzen oder den Eindruck erwecken, die menschliche Freiheit sei, nun ja: ein unbeträchtlicher Zwischenfall im Strukturtheater der Natur, kaum mehr als eine süße Fiktion, die man an die Gefängniswand pinselt, um die irdische Misere besser zu ertragen.