Jedes Jahr feiert sich die österreichische Theaterszene auf einem Galaabend, an dem die Wiener Nestroy-Theaterpreise verliehen werden. In den Texten der Moderation, die durch den Abend führen, verstecken sich gerne spitze Pointen gegen große und kleine Bühnengötter. Im vergangen Jahr wurden allerdings viele Passagen, die David Schalko geschrieben hatte, gehörig verharmlost. In diesem Jahr stammen die verbindenen Texte für die Schauspielerin Maria Happel, die erstmals solo moderieren wird, von dem Schriftsteller Franzobel. Wir drucken einige Auszüge vorab. Ob sich wieder gnädige Striche einschleichen werden?

Die Moderatorin Maria Happelbetritt mit Amy-Winehouse-Frisur und in Dirndl, Knickerbocker sowie klobigen Bergschuhen die Bühne: Was ist denn das? Der Nestroy? Hmm… kommt mir bekannt vor. Ist das nicht dieser österreichische Oskar, diese langweilige Theater-Weihnachtsfeier, ein Galaabend schamloser Selbstbeweihräucherung, wo sich alle in Komplimenten suhlen und auf die Bühne wackeln: Ich bedanke mich bei den Spermien meines Vaters, ich danke den Eierstöcken meiner Mutter, den fehlerhaften Kondomproduzenten. Ehen werden da gekittet, Kinder gezeugt. Und dann diese Moderation, wo man die Pointe schon fünf Minuten vorher riecht.

Mich müsste man das machen lassen. Ich würde mich so hinstellen, so, und Billy Wilder zitieren: Was haben Hämorrhoiden und Preise gemeinsam? Im Alter kriegt sie jeder Arsch. Und ich würde sagen: Meine Damen und Herren, das Theater ist ein Schmuckkästchen, das es zu bewahren gilt, gerade in unserer heutigen Zeit des Sprachverlustes und der Kommunikationslosigkeit.

Die Theaterleute sind ein friedliebendes Volk. Gut, sie intrigieren und keifen, sie sind neidisch und voller Missgunst, aber sonst sind sie die besten, die edelsten Menschen. Ein Schmuckkästchen, das Theater! Es hat nichts mit dem Feuilleton zu tun. Das Publikum ist wichtig.

Es geht hier um das Theater, diese hehre und edle Kunst. Theater macht schön und gescheit und sexy und langhaxig. Gut, den Schauspielern geht es nur um die Besetzung. Was, du spielst die Ophelia? Wieso ich nicht? Was brauch ich die Ophelia, wenn ich die Gertrud hab! Eigenartigerweise hängen die Besetzungszettel immer gleich nach dem Portier beim Häusl. In jedem Theater hängt der Besetzungszettel neben dem WC. Das machen die absichtlich.

Moderatorin Maria Happelerhält von Assistentinnen eine Billeteursjacke und -kappe und verwandelt sich im Verlauf zusehends in Reich-Ranicky: Programme! Frische Programmheftln. Programmatische Programmhefte, contragrammatische Pogrome. Wie ich nach Wien gekommen bin und in die Josefstadt wollte, hat man mir gesagt, ja, gehngan S’, da rennan S’ und nehman S’ den D-Wagen. Ich hab geglaubt, die spinnen. Was soll ich denn mit einem Tee-Wagen in der Josefstadt? Ich dachte immer, Wien sei so berühmt für den Kaffee – nicht für den Tee. Mit dem Tee-Wagen in die Josefstadt, alles, was recht ist.

Ich hab ja nie verstanden, wieso es harte und weiche Ts gibt. Man sagt ja auch Billedeur, Deadder, Föddinger…