Am 12. November hat Dimitri Stein in Berlin seine Promotion abgeschlossen – nach 65 Jahren. Zwei Generationen liegen zwischen der Abgabe der schriftlichen Arbeit und der mündlichen Prüfung. Für den 88-Jährigen endet nun ein langes Kapitel seines Lebens – dankbar sollte aber vor allem die deutsche Hochschule sein, für dieses Zeichen der Versöhnung.

1938 hatte sich Dimitri Stein an der damaligen Technischen Hochschule Berlin für das Studium der Elektrotechnik eingeschrieben, vier Jahre später schloss er mit der Gesamtnote »gut« ab. Auf der Grundlage seiner Diplomarbeit mit dem Titel Untersuchung der Stabilitätsbedingungen bei verzögerter Regelung begann er seine Dissertation und reichte seine Arbeit im September 1943 beim Diplomprüfungsamt ein. Doch am Nikolaustag desselben Jahres teilte ihm der »Gaudozentenführer« in dürren Worten ohne Anrede, ohne Grußformel mit, dass er gegen Steins Zulassung Einspruch erhoben habe, »da Sie Mischling 1. Grades sind«.

Dass Stein trotz seines jüdischen Vaters überhaupt in der Universität vorsprechen durfte, lag daran, dass für den aus St. Petersburg stammenden sogenannten »Staatenlosen« nicht die Nürnberger Rassengesetze galten. »Das hatten die Nazis wohl übersehen«, kommentiert er heute trocken. Doch das sollte nicht so bleiben. Im Frühjahr 1944 musste auch Stein vor der Gestapo untertauchen. Der Betreuer seiner wissenschaftlichen Arbeit an der Fakultät hielt ihn unter Lebensgefahr bis zum Kriegsende versteckt.

1947 wandert Stein in die USA aus. Nach einem beschwerlichen Start als Hilfsarbeiter gelingt ihm eine Karriere als Universitätsprofessor, zunächst in Dakota, dann in New York. Dort lernt Stein auch seine spätere Frau kennen, eine gebürtige Berlinerin, die als Simultandolmetscherin für die UN arbeitet. Im Lauf der Jahre bekommen sie drei gemeinsame Söhne.

1952 übernimmt der Diplomingenieur die USA-Vertretung des Kabelherstellers Hackethal (heute Nexans) aus Hannover und bleibt der Firma und ihren Nachfolgeunternehmen, denen er zu Weltgeltung verhilft, über die Jahrzehnte verbunden. Mitten im Kalten Krieg handelt er mit der Sowjetunion die erste Lizenz eines westlichen Unternehmens überhaupt aus. Den Vertragstext verwenden die Russen in den folgenden Jahren als Grundlage für alle Lizenzverträge mit westlichen Firmen. 1962 steigt Stein bei Hackethal zum Prokuristen und Direktor auf und gründet im selben Jahr die Cable Consultants Corporation, in deren Büro er noch heute an zwei Tagen in der Woche anzutreffen ist.

Dimitri Stein gelingt, was die deutsche Hochschullandschaft jahrzehntelang nicht fertigbringt: Brücken zu bauen, anderen Menschen über Gräben hinweg die Hand zu reichen. Und einmal, Anfang der fünfziger Jahre, versucht der Ingenieur auch, seine Promotion zu beenden. Das Resultat ist ernüchternd. Man habe ganz andere Sorgen, wird er schroff abgefertigt. Er solle froh sein, dass er überlebt habe. Danach versucht er es nicht mehr, zu tief sitzt die Angst vor einer weiteren Enttäuschung.

Im Jahr 2006 liest Rita Ziemek, die Ehefrau seines langjährigen Freundes und Geschäftspartners Gerhard Ziemek aus Hannover, in der ZEIT Nr. 31/06 den Artikel Verstoßen und vergessen. Er handelt davon, dass viele Wissenschaftler, denen der Doktorgrad von den Nazis aberkannt wurde, bis heute nicht rehabilitiert wurden. In anderen Fällen wurde Doktoranden die Abschlussprüfung verweigert. »Der Artikel hat den ›Stein‹ ins Rollen gebracht«, erzählt Dimitri Stein schmunzelnd. Denn Rita und Gerhard Ziemek erinnern sich, dass auch ihr Freund davon betroffen ist. Über einen Schulfreund, den Charité-Professor Horst Huckauf, trägt Gerhard Ziemek der TU Berlin den Fall vor.