In Ihrem Artikel Der will ja nur reden (ZEIT Nr. 47/08) argumentiert Jana Hensel, die Nominierung des Schauspielers Peter Sodann zum Kandidaten der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten offenbare das destruktive Politikverständnis der ostdeutschen Bevölkerung.

Zudem seien die Forderungen Sodanns, der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, müsse festgenommen werden und US-Präsident George W. Bush möge seine Feldzüge einstellen, auch in ihrer Zuspitzung "Nonsens" und disqualifizierten den dritten Kandidaten für die Bundespräsidentschaft.

Aus der Sicht vieler Ostdeutscher muss diese Diagnose Hensels sehr befremdlich wirken: Destruktiv seien sie (oder mit anderen Worten: undankbar?) und zur sachlichen Meinungsbildung nicht fähig. Und nun hätten sie gewissermaßen "ihren" Kandidaten, der die gesellschaftliche Debatte über die Wahl des nächsten Bundespräsidenten beeinflusst.

Nein, Frau Hensel, es ist keine Destruktion, sondern der legitime Ruf nach Gerechtigkeit! Peter Sodann artikuliert das Gefühl vieler Menschen, in Ost und West gleichermaßen, dass sie ihr eigenes Handeln – wie Sie ja richtig bemerken – nur noch als "konsequenzloses Tun" erleben können. Er artikuliert das Gefühl, das viele Arbeitnehmerinnen, Rentnerinnen und Arbeitslose beschleicht, politisch ohnmächtig zu sein, wenn dem Bankensektor vom Staat 500 Milliarden Euro garantiert werden, aber bei der Frage, ob der Hartz-IV-Satz auf das Existenzminimum angehoben werden soll, zunächst einmal eine Kommission einberufen wird.

Es ist schlechterdings das Gefühl, dass der demokratische Entscheidungsprozess derzeit zu ungerechten Ergebnissen führt. Das zu formulieren – obgleich es demokratietheoretisch verkürzt sein mag und den Selbstzweck des demokratischen Systems ignoriert – ist urdemokratisch und darf nicht, wie es Jana Hensel tut, als destruktives Politikverständnis delegitimiert werden. Und erst recht darf dieser Vorwurf nicht Peter Sodann gemacht werden, der die Sorgen und Gefühle vieler Menschen pointiert zur Sprache bringt.

Jan Marose ist Student an der Universität Potsdam

Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein "Widerspruch" gegen einen Artikel aus dem politischen Ressort der ZEIT, verfasst von einem Redakteur, einem Politiker – oder einem ZEIT-Leser . Wer widersprechen will, schickt seine Replik (maximal 2000 Zeichen) an widerspruch@zeit.de. Die Redaktion behält sich Auswahl und Kürzungen vor