Beim Streifzug durch das Wörterbuch des Unmenschen, das Nazi-Sprech-Kompendium von 1946, fällt wieder eine alte Lücke auf. Es fehlt der zweite Teil, die linkstotalitäre Version von Stalin bis Ulbricht, dem SED-Chef, der uns das Wörtlein "antifaschistischer Schutzwall" geschenkt hat.

Vor allem fehlen zwei historische Stichworte: "Verräter" (wie in: "V. der Arbeiterklasse") und "Abweichler" ("Links-A." und "Rechts-A."). In Google erzeugt "Abweichler" 435000 Einträge, und das Gros verweist natürlich auf die hessischen Ereignisse. Wir wissen, dass wir Begriffe wie "Endlösung" und "Zuchtwart" keinesfalls benutzen dürfen. Aber "Abweichler", das so munter durch die Medien purzelt – von links bis rechts, von SZ bis Welt und auf der Mattscheibe sowieso?

Im zweiten Teil des Unmenschen hätten die Jüngeren gelernt, dass "Rechtsabweichler" ein Todesurteil war – zum Beispiel gegen Nikolai Bucharin, der Stalin die Zwangskollektivierung auszureden versuchte. Vor seiner Hinrichtung 1938 schrieb der Getreue seelenwund an den Tyrannen: "Koba, warum muss ich sterben?" Lew Trotzkij musste es, weil er ein "Linksabweichler" war, also die Weltrevolution wollte. Sie alle aber mussten sterben, weil sie Stalins unmenschlichem Machtwillen im Wege standen. Während Maos "Kulturrevolution" verschwand eine halbe Million "Rechtsabweichler" in den Arbeitslagern.

Dass die hessische Partei so unmenschlich mit ihren Widerständlern verfährt, ihnen Ehre und Charakter abschneidet, möge sie dereinst vor der Himmlischen Internationalen verantworten. Warum aber übernimmt die schwatzende Klasse die Sprache der Ypsilantisten? Warum macht Beckmann seine Sendung mit den vier zum Volkstribunal, wo sie im Kreuzverhör als Verräter entlarvt werden sollten? Warum ist es ehrenhafter, die Wähler zu belügen (nie mit der Linken), als mit offenem Visier den falschen Kurs zu bekämpfen?

Der Unbeleckte, der seine Seele nicht im Parteibuch abgelegt hat, bewundert diese vier, die für ihre Entscheidung mit Karriere, Einkommen und Einfluss bezahlten. Als aber der Neinsager Jürgen Walter berichtete, wie Ypsilanti ihn mit dem Europaministerium ködern wollte, insinuierte Beckmann, der Posten sei wohl nicht wichtig genug gewesen. Oder hatte Walter schon mit Roland Koch gekungelt? Dem beherzten und beherrschten Quartett gebührt das Verwundetenabzeichen in Gold.

George Orwell sagte 1937 über die doktrinäre Linke: Für sie sei der Sozialismus "wie eine berauschende Häretiker-Jagd, der rasende Tanz wild gewordener Hexenmeister, die im Lärm der Tom-Toms singen: ›Ich rieche das Blut eines Rechtsabweichlers‹". Den heutigen Genossen würde er einhämmern, den "Abweichler" tief im Unmenschen-Wörterbuch zu vergraben. Denn "Abweichler" ist Stalinismus. In einer demokratischen Partei aber gibt es keine Tyrannen, die die Richtung einst so häufig wechselten wie Mao die Konkubine.

Was aber, wenn die Parteitagsmehrheit zum Tyrannen gerät? Die Abtrünnigen-Hatz ist immer ein Zeichen der Schwäche. Wie in jenem uralten New Yorker -Cartoon, wo ein Genosse sagt: "Die Partei hat sich aufgelöst." Und der andere antwortet: "Die Partei hat immer recht."