Pater Richard greift zum Busmikrofon und betet den Rosenkranz vor. Unbeirrt von Mautkontrollen, Dränglern und Baustellen. Jesus ist auch an Bord, ein Holzkreuz hängt links über dem Busfahrer, gleich neben einem Plastikventilator. Als der Pater fertig ist, tritt einer aus der Reisegruppe ans Mikrofon und bittet: "Herr, hilf uns, bindungsfähiger zu werden und in der Liebe zu reifen." Eine Sitzreihe dahinter schauen sich Moni und Peter erleichtert in die Augen, umklammern sich und den Rosenkranz. Die Kette gibt Moni, 35, und Peter, 43, Halt. Während an der Fensterscheibe Süddeutschland vorbeizieht, stimmt Moni mit kräftiger Kirchenchorstimme das Ave Maria an.

Im Reisebus von München nach Padua sitzen 69 Singles aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, im Alter von Mitte 20 bis Mitte 50. Ein wenig mehr Frauen als Männer, alle mit einem Anliegen: Sie wollen den heiligen Antonius von Padua bitten, ihnen den Weg zu einem guten Ehepartner aufzuzeigen. Mit Moni und Peter hat niemand von ihnen gerechnet. Neidisch schweifen die Blicke der Singles zu dem verliebten Pärchen. Auch als die beiden langsam einnicken, bleiben sie umklammert, zwischen ihnen nur ein grüner Fleecepullover als Kopfstütze. Jemand murmelt scherzhaft: "Das ist gemein. Wer hat die mitgelassen?"

Moni ist Erzieherin aus der Nähe von München und zum zweiten Mal bei der Single-Wallfahrt dabei. Im vergangenen Jahr hatte sie beschlossen, dass der liebe Gott sie schon zu lange auf die Liebe warten lässt. Mit dem Bus pilgerte sie nach Padua, legte in der Basilika des heiligen Antonius die Hand auf den Steinsarg und bat um einen Ehemann. Im Januar dieses Jahres lernte sie Peter kennen. Peter ist IT-Fachmann, er war einmal liiert, doch die Frau verließ ihn, weil er sich für die Ehe aufbewahren wollte. Es sei nicht einfach gewesen, so lange auf die Liebe zu warten, sagt Moni. "Ich habe mich immer gefühlt, als habe ich einen fertigen Kuchenteig, aber keine Form, um ihn in den Ofen zu schieben." Seit März sind Peter und Moni ein Paar, im Dezember wird geheiratet. Gemeinsam pilgern sie jetzt nach Padua, um sich für ihr Liebesglück zu bedanken und um für Kindersegen nach der Hochzeitsnacht zu beten.

"Gott hilft manchmal spät, aber nie zu spät", sagt Pater Richard und hält dabei Rosenkranz und elektronischen Terminkalender in ein und derselben Hand. Er unterstützt die Single-Wallfahrten als geistlicher Beistand. Organisiert werden sie von einem christlichen Verein. Padua ist nach Lourdes einer der meistbesuchten Wallfahrtsorte, was auch daran liegt, dass der heilige Antonius eine Art katholische Mehrzweckwaffe ist. An ihn wenden sich Gläubige, wenn sie etwas verloren haben. Er wird aber auch angerufen bei Viehkrankheiten, Fieber oder Kriegsnöten. Und ist Schutzheiliger derer, die Liebe suchen.

Nach dem ersten Gruppengebet wird die Stimmung im Bus gelöster. Die meisten Pilger wollen optimistisch und fröhlich wirken. Einige haben Sonnen und Blumen auf ihre Namensschilder gemalt, die sie die ganze Zeit über tragen. Nur vereinzelt reden Sitznachbarn die ganze Fahrt über nicht miteinander, tauschen aber höflich den Fensterplatz nach der Hälfte der Strecke. Nicht alle fahren aus eigener Initiative mit. Ehrlich gibt ein Mittdreißiger zu: "Meine Mutter hat von der Reise im Kirchenblatt gelesen und mich mitgeschickt!" Ein anderer junger Mann sagt: "Erst hatte ich Angst, das hier sei eine Sekte. Aber es sind ja alle total nett und normal!"

Als der Bus in Padua einrollt, werden auf dem Prato della Valle gerade Hochzeitsfotos geschossen. Das Brautpaar posiert vor den prächtigen Gebäudefassaden einer der ältesten Städte Italiens. Ohne Murren teilen sich die Pilger bei der Ankunft im Hotel auf Zwei- und Dreibettzimmer auf. Nach dem Abendessen versammeln sich alle ein paar Schritte vom Hotel entfernt, vor der Basilika des heiligen Antonius. Sie bilden einen Kreis, in den einer nach dem andern tritt, um sich vorzustellen.

Ein wenig heraus sticht Karin, 35, Sozialpädagogin für Gehörlose aus München. Sie trägt eine moderne dunkle Kurzhaarfrisur, Glitzernagellack, hat ein hübsches Gesicht und ein einnehmendes, offenes Lächeln. Karin gehört zu jenen Singles auf dieser Reise, die von sich sagen, sie seien nicht mitgekommen, um auf der Fahrt den Mann fürs Leben kennenzulernen, sondern um sich selbst zu finden. Erst vor wenigen Monaten hat sie sich von ihrem Freund getrennt. Eigentlich war sie nie lange allein. Das nächste Mal aber soll es der Richtige sein, die Fahrt soll helfen, ihre Sinne zu schärfen. "Damit ich wieder offen bin für die Zeichen, die Gott mir schickt!" Karin gefällt, dass hier alle eine große Gemeinsamkeit haben: "Durch den Glauben bekommt die Fahrt Tiefe."