Karatschi. »Ich weiß, was du jetzt denkst«, sagt Faisal. Zehn Minuten sind wir erst unterwegs, zehn Minuten in Faisals verbeultem Honda City, und schon ist die Realität wie in den Nachrichten. Soeben haben wir die britische Botschaft hinter uns gelassen, eine waffenstarrende Festung. Ein paar Blocks weiter, vor dem Sheraton, stehen Dutzende Uniformierte in unterschiedlichen Abstufungen von Camouflage Posten. Gleich hier um die Ecke muss das Goethe-Institut liegen, doch Faisal winkt ab: nicht jetzt. Um auch nur in die Nähe zu kommen, müsste man ein kompliziertes System von Straßensperren durchlaufen.

Musik ist nicht das, was einem zuerst in den Sinn kommt, wenn man in so kurzer Zeit in so viele Gewehrmündungen schaut wie in Karatschi. Vor Botschaften, öffentlichen Gebäuden, vor Märkten und Shopping Malls, überall stehen Männer mit Kalaschnikows. Seit die Bilder des ausgebombten Marriott in Islamabad um die Welt gingen, wird ausländischen Gästen empfohlen, auf Häuser in anderen Bezirken auszuweichen, das Einchecken ähnelt den Sicherheitsprozeduren auf Flughäfen und wiederholt sich allabendlich bei der Rückkehr. »Ich weiß, die Welt denkt schlecht über uns«, sagt Faisal. »Trotzdem sind auch wir Menschen mit Liedern.«

In Pakistans Megalopole nach Spuren musikalischen Lebens zu suchen heißt, nach einer Szene Ausschau zu halten, die es offiziell nicht gibt. Alles, womit westliche Städte für sich werben, fehlt hier – von zivilisatorischen Errungenschaften wie Pizza Hut oder Kentucky Fried Chicken einmal abgesehen. Es gibt keine Plakate an den Wänden, die die Events des Herbsts ankündigen, keine Stadtillustrierten mit beigelegtem Veranstaltungskalender, keine Konzerthallen oder Clubs. Wäre die Stadt nicht so ohrenbetäubend laut, wie sie auf westliche Besucher wirkt, man könnte sie glatt überhören; so vollkommen scheint die Musik aus dem öffentlichen Leben getilgt.

Ein Wüstenplanet: Keine große Band fand je den Weg nach Karatschi

Karatschi ist ein Moloch aus Staub und Beton, bei dem man sich unablässig fragt, wann eigentlich die Stadt beginnt. Bis man begreift, das ist bereits die Stadt, dieses unübersichtliche Netz ausfallstraßenähnlicher Stadtautobahnen, am Ende jeweils ein Kreisverkehr mit einer weit in den Himmel aufragenden Skulptur – steingewordene Symbole für Pakistans Aufbruch in bessere Zeiten, die dann leider doch nicht gekommen sind. Entsprechend wenig Zulauf von außen ist zu verzeichnen. Keine große Rockband hat je den Weg hierher gefunden, selbst die unverwüstlichen Scorpions kamen mit ihrem Wind of Change nur bis Moskau. An den Standards internationaler Amüsierbedürfnisse gemessen, ist Karatschi ein 15-Millionen-Kaff, ein Wüstenplanet.

Es sind nicht allein radikalislamische Kräfte, die das Musikantendasein nicht lustig finden. Auch die muslimische Mittelschicht legte lange keinen Wert darauf. Anders als in Europa, wo die Beherrschung eines Instruments schon die Kleinsten aufs spätere Leben vorbereitet, macht man in den besseren Kreisen Pakistans seinen Eltern Ehre, indem man Anwalt oder Ingenieur wird, am besten erfolgreicher Geschäftsmann. »Wir haben Schriftsteller hervorgebracht, Generäle und unsere Spezialität, korrupte Politiker«, sagt Faisal und zeigt auf ein Bildnis des neuen Staatspräsidenten Asif Ali Sardari, der milde von einem Poster auf den Straßenverkehr herabblickt. Musiker jedoch, das ist eine Leerstelle im pakistanischen Gesellschaftsgefüge; wer sie füllen will, gerät in Gefahr, sich außerhalb von Tradition und Familie zu stellen.

Faisal Gill selbst ist das beste Beispiel dafür. Als erstgeborener Sohn trat er in die Fußstapfen seines Vaters, eines Zuckerhändlers. Dann allerdings, 19-jährig, bekam er zum Missfallen der Familie seine erste Gitarre in die Finger, eine schwarz lackierte Epiphone Acoustic. Und plötzlich war ein Prozess in Gang gesetzt, den er nicht mehr stoppen konnte. Faisal übte nachmittagelang, er hörte die Soli von Platten herunter, er las Bücher über den Zusammenhang von Musik und Mathematik und schloss die deutsche Experimentalrockband Amon Düül II in sein Herz. Schließlich spielte er ganze Sinfonien nach, Note für Note. »Es ging weiter und weiter. Und immer wenn mir danach war, kaufte ich mir eine neue Gitarre.«