Rezept des Lebens Ingrid Noll

Die Krimiautorin wuchs im vorrevolutionären China auf, mit vielen Dienern und seltsamen Gerichten. Ihre Grapefruittorte erfand sie aber erst später

Von Tanja Stelzer

Zutaten (für 4 Portionen)

Für den Belag:

3 große rosa Grapefruits

3 EL Cointreau

1 Becher Schlagsahne

etwas Orangenmarmelade

Für den Teig:

100 g Zucker

100 g Butter

3 Eigelb, 3 Eiweiß

125 g gemahlene Mandeln

60 g Kakao

1 TL Backpulver

Zubereitung:

Teigzutaten bis auf das Eiweiß durchrühren, Eiweiß schlagen und unter- heben. Springform mit Backpapier auslegen. Eine halbe Stunde bei 180 Grad backen. Über Nacht aus- kühlen lassen. Aus der Form nehmen, mit 3 EL Cointreau tränken, dünn mit Orangen-marmelade bestreichen. Die Grapefruits filetieren und auf dem Boden verteilen. Sahne mit etwas Zucker und Sahnesteif sehr fest schlagen und den Kuchen damit bestreichen.

Sollte es eine Geburtstagstorte werden, kann man eine Zahl aus Papier ausschneiden, auf die Sahne legen und dann das Kakao- pulver durch ein Sieb regnen lassen. Zum Schluss die Papierzahl entfernen.

ZEITmagazin: Frau Noll, die ersten 14 Jahre Ihres Lebens haben Sie in China verbracht. Können Sie sich daran erinnern, was Sie dort gegessen haben?

Ingrid Noll: Die längste Zeit habe ich in Nanking gelebt, mein Vater war dort Arzt. Wir wohnten in einem großen Haus mit vielen Dienern, die im Garten ein eigenes Häuschen hatten. Dort befand sich die Küche. Alles, was unser Koch an diesem zauberhaften Ort für uns fabrizierte, wurde auf Tabletts durch den Garten getragen, bei Regen unter einem Schirm. Unser chinesischer Koch bereitete am liebsten eine Art europäischen Hackbraten zu, falschen Hasen, in seinem persönlichen Pidginenglisch hieß das »Fasche Hass«. Das Beste aber gab es in dem Häuschen selbst: Kartoffelschalen.

ZEITmagazin: Wie bitte – Sie hatten luxuriöserweise einen Koch und aßen am liebsten Kartoffelschalen?

Noll: Mein Vater war ein bodenständiger Mensch und liebte Kartoffeln, sie wurden in unserem Garten angebaut. Dass die Schalen weggeworfen werden sollten, konnten die Chinesen nicht fassen. Also bürsteten sie die Kartoffeln und frittierten die Schalen. Uns Kinder fütterten sie mit Stäbchen. Wir fanden diese Erfindung viel leckerer als Salzkartoffeln und sperrten die Schnäbel auf wie kleine Vögel.

ZEITmagazin: Was war das Exotischste, das Sie je in China aßen?

Noll: Schlange. Aber ich habe es erst Jahrzehnte später probiert, in einem Schlangenrestaurant in Kanton. Es schmeckte ähnlich wie Hühnchen. Merkwürdig, aber lecker. In meiner Kindheit kannte ich Schlangen von anderen Begebenheiten: Manchmal verirrte sich ein gefährliches Exemplar ins Haus. Weil wir wussten, dass diese Spezies meistens im Doppelpack daherkommt, jagten wir dann immer panisch durch die Zimmer nach der zweiten. Am intensivsten in Erinnerung ist mir aus der Zeit in China ein ganzer Fisch, mit Morcheln und Lilienstängeln, die geknotet wurden und die wir »Geknobeltes« nannten. Dazu gab es eine schwarze süß-saure Sauce. Wunderbar! Und an Spaghetti muss ich auch denken.

ZEITmagazin: Spaghetti in China?

Noll: Wir hatten manchmal einen italienischen Pater zu Besuch, der meinem Bruder Latein beibringen sollte. Meine Eltern dachten, der Pater müsse das können. Konnte er aber nicht. Mein Vater übernahm das dann lieber selbst. Aber dieser Pater kochte hervorragende Spaghetti mit frischer Tomatensauce.

ZEITmagazin: Kochen Sie denn manchmal chinesisch?

Noll: Ich kann es nicht richtig. Und wenn ich ins China-Restaurant gehe, bin ich meistens enttäuscht. Immer diese Einheitssauce! Die wirklich feine chinesische Küche ist ja sehr ausgeklügelt und kultiviert. Hätte ich Sie zum chinesischen Essen eingeladen, würde ich Sie jetzt mit den besten Happen füttern. Früher machten die Gastgeber das mit ihren eigenen Stäbchen. Aber die Chinesen haben irgendwann mitbekommen, dass die Europäer sich vor den benutzten Stäbchen ekelten. Deshalb gibt es jetzt extra Fütterstäbchen.

ZEITmagazin: In China soll es einem passieren können, dass man eingeladen ist, und auf der Drehplatte in der Tischmitte thront ein Affenkopf.

Noll: Sie denken an einen lebendigen Affen, dem man das Gehirn aus dem aufgeschnittenen Schädel löffelt? Das sind Schauermärchen, die gern kolportiert werden – ich weiß nicht, ob es das wirklich gibt. Mein Bruder liebte es, uns kleineren Geschwistern solche Geschichten zu erzählen.

ZEITmagazin: Offenbar liegt die Gabe, Grusel zu verbreiten, in Ihrer Familie. In Ihren Kriminalromanen wird viel gegessen. Nicht immer bekommt Ihren Figuren, was aufgetischt wird.

Noll: Ich bin ein eher barocker Mensch und esse gern und oft zu viel. Da liegt es nahe, zu überlegen, was meine Protagonisten essen. Es sind Gerichte, die ich selbst kenne. In Krimis gibt es häufig eine heile Welt – und auf der anderen Seite die Bedrohung. Zur heilen Welt gehört das Kulinarische. Lesen Sie Donna Leon – die schreibt auch immer darüber, was in Brunettis Familie gekocht wird. Essen funktioniert gut in der Literatur. Wenn ich eine Frau trockenen Toast oder Haferbrei essen lasse, weiß der Leser, mit wem er es zu tun hat.

ZEITmagazin: In Ihrem Bestseller »Die Apothekerin« gibt es am Ende diese Mettwurst, die mit Gift präpariert wird.

Noll: Essen ist ein gutes Hilfsmittel, wenn es um Mord geht. In Ladylike lasse ich einen lästigen Ehemann eine Bärlauchsuppe konsumieren, die giftige Herbstzeitlosenblätter enthält. Ein Leser hat moniert, das gehe gar nicht, die Herbstzeitlose wachse im Herbst, der Bärlauch im Frühling. Natürlich habe ich gut recherchiert – die Herbstzeitlose blüht zwar im Herbst, aber ihre Blätter sind im Frühling noch vorhanden. In ihnen steckt das sehr giftige Colchicin. Sie sollten das lieber nicht essen.

ZEITmagazin: Wo haben Sie selbst kochen gelernt – bei Ihrer Mutter?

Noll: Sie war eine lausige Köchin, denn in China hatte sie mit dem Haushalt nichts zu tun. Sie unterrichtete uns Kinder und half in Vaters Praxis. Als sie mit 48 Jahren nach Deutschland kam, hatte sie noch nie gekocht. Ein Trauma für sie. Das war 1949, die Zeit der Lebensmittelmarken. Da gab es keine große Auswahl, und wir verwöhnten Kinder haben ständig gemault, weil es uns nicht schmeckte. Dann übernahm meine Oma dankenswerterweise die Küche, sie liebte es gutbürgerlich. Leider habe ich nichts von ihr gelernt. Als ich heiratete, konnte ich kaum kochen. Ich habe es mir selbst beigebracht.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielt das Essen heute in Ihrer Ehe?

Noll: Ich koche dreimal die Woche, jedenfalls wenn ich nicht auf Reisen bin, mein Mann viermal, und das finde ich toll: Er kocht sehr gut und liebevoll.

ZEITmagazin: Stehen Sie auch gemeinsam am Herd?

Noll: Unsere Küche ist winzig, da geht das selten gut. Außerdem haben Männer und Frauen eine andere Ordnung in der Küche. Mein Mann räumt systematisch Pfanne zu Pfanne, Topf zu Topf. Bei mir stehen alle Salatsachen beieinander. Natürlich halte ich mein System für praktischer.

ZEITmagazin: Eine beliebte Rollenverteilung: Die Frauen sind für den Alltag zuständig – wenn Gäste kommen und es Lorbeeren einzuheimsen gibt, die Männer.

Noll: Das ist bei uns eher umgekehrt, weil ich mehr Routine habe. Wir haben drei Kinder. Bevor ich Schriftstellerin wurde, war es eine meiner Hauptaufgaben, alle satt zu kriegen. Da waren viele Eintöpfe im Spiel, viele Nudeln. Seitdem die Kinder groß sind, dürfen wir Aufregenderes kochen. Gambas oder Tintenfisch lieben wir zum Beispiel.

ZEITmagazin: Im Leben macht man viele Essenstrends mit. Frönten Sie je der Toast-Hawaii-Mode?

Noll: Auch mal der Mozzarella-Mode oder dem Rucola-Trend. Treu geblieben bin ich nur der Königinpastete. Manchmal gehe ich vor einer Lesung in ein Altweibercafé, am liebsten in ein richtig plüschiges, da passe ich gut hin. Dann bestelle ich eine Königinpastete. Leider machen die wenigsten Cafés die Pasteten noch selbst.

ZEITmagazin: Das Rezept Ihres Lebens?

Noll: Eine Grapefruittorte. Zum Geburtstag meiner Mutter, die bis vor einem Jahr bei uns gelebt hat, wollte ich einmal Preiselbeertorte backen. Weil ich keine Preiselbeeren hatte, aber einige saftige rosa Grapefruits, belegte ich die Torte eben damit. Meine Geschwister entschieden: Das machst du jetzt immer so. Ich tat es dann 16 Jahre lang, meine Mutter wurde 106. Und natürlich werden wir Überlebenden weiter Grapefruittorte essen. Das sind die besten Rezepte: die aus dem entstehen, was gerade da ist.

Die Fragen stellte Tanja Stelzer

Zutaten (für 4 Portionen)
Für den Belag:
3 große rosa Grapefruits
3 EL Cointreau
1 Becher Schlagsahne
etwas Orangenmarmelade

Für den Teig:
100 g Zucker
100 g Butter
3 Eigelb, 3 Eiweiß
125 g gemahlene Mandeln
60 g Kakao
1 TL Backpulver

Zubereitung:
Teigzutaten bis auf das Eiweiß durchrühren. Eiweiß schlagen und unterheben. Springform mit Backpapier auslegen. Eine halbe Stunde bei 180 Grad backen. Über Nacht auskühlen lassen. Aus der Form nehmen, mit 3 EL Cointreau tränken, dünn mit Orangenmarmelade bestreichen. Die Grapefruits filetieren und auf dem Boden verteilen. Sahne mit etwas Zucker und Sahnesteif sehr fest schlagen und den Kuchen damit bestreichen.
Sollte es eine Geburtstagstorte werden, kann man eine Zahl aus Papier ausschneiden, auf die Sahne legen und dann das Kakaopulver durch ein Sieb regnen lassen. Zum Schluss die Papierzahl entfernen.

Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren und kam 1949 nach Deutschland. Sie war Hausfrau und half in der Praxis ihres Mannes. Mit 56 veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Heute ist sie die wohl populärste deutsche Krimiautorin (»Die Häupter meiner Lieben«, »Die Apothekerin«, »Kuckuckskind«). Sie lebt in Weinheim an der Bergstraße.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 20.11.2008 Nr. 48
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