Kaum stand Barack Obama als künftiger amerikanischer Präsident fest, da erhob sich die Frage: Wann werden die Deutschen zu einem ähnlichen Akt des Vertrauens und der Großzügigkeit in der Lage sein? Wann werden sie den Repräsentanten einer Minderheit an die Macht wählen? In der New York Times wurde in diesem Zusammenhang der Name Cem Özdemir genannt, und wenige Tage später war Cem, der Schwabe mit anatolischen Wurzeln, der Türke aus Bad Urach, zum Vorsitzenden der Grünen gewählt. Die Parteifreunde riefen "Yes, we can!", und türkische Zeitungen schrieben "Yes, we Cem".

Özdemir, dessen Stimme so klingt wie die eines schwäbischen Anwalts, nämlich warm, gaumig, honorig, wurde in den ersten Kommentaren vor allem für seine neue Haartracht gerühmt. "Echte Blues-Brothers-Koteletten", jubelt Bild. "Sagenhaft", freut sich die FAZ . Koteletten sind für Männer ungefähr das, was Kapuzenjacken für Frauen sind, etwas, das man bis Ende 40 trägt und mit dem man sich als jung und am Ball definiert. Der juvenile Typ kann die gestutzte Kotelette bis weit über 50 tragen, also noch dann, wenn er die Gruppe der marktrelevanten Menschen schon verlassen hat. Die Koteletten Cem Özdemirs hingegen sind eine Sache für 25- bis 35-Jährige, die zeigen wollen, dass sie Terrain erobert haben: buschig zu den Mundwinkeln zulaufend, die Umrisse des Gesichts balkendick rahmend, die feinen Züge in ein massiges Etui setzend. Diese Koteletten sind schon eher tragende Teile eines Beutemacherbartes.

In der deutschen Nachkriegspolitik ist aber nie ein Mann mit Bart etwas geworden, man denke an Scharping und Beck. Müntefering wurde in deutschen Stuben erst akzeptiert, als er seine Koteletten kurz gesengt hatte. Und Trittin hat zwar längst seinen Oberlippenbart abgenommen, der ihm aber, ein Rätsel der Wahrnehmung, als Phantombart für alle Zeiten über der Oberlippe schweben wird.

Warum also ließ Cem Özdemir sich für sein politisches Comeback Koteletten wachsen? Das Ganze ist ein Theatertrick: Wer im ersten Akt glatt rasiert von der Bühne geht und im zweiten Akt bärtig und von großer Fahrt zurückkehrt, der darf im dritten Akt, nun wieder rasiert, obsiegen.

Özdemirs Koteletten sind eher für das Nachbild gedacht, das sie einmal hinterlassen sollen, als für die Gegenwart; sie sind auf ihr Verschwinden hin getrimmt. Ein Verwegenheitsumhang, den man abstreifen kann.

"Ich werde Sie älter machen, aber ich werde Sie gut machen", sagt im Kriminalfilm der Gesichtschirurg zum untergetauchten Humphrey Bogart, ehe er ihm ein neues Gesicht verpasst, "Sie werden aussehen wie jemand, der gelebt hat." Bogart antwortet: "Das habe ich, Doktor." Ähnlich ist es bei Cem; er hat sich selbst erfahrungsälter und zugleich physisch jünger, cooler gemacht. Im Grunde suggeriert er, dass er eben erst in das deutsche Machterhaltungssystem gestoßen sei; keiner, der durch den Windkanal gegangen ist; keiner, der sich von den Sandpapieren, Hobeln und Bürsten der Partei rund schmirgeln ließ.

Wahlerfolge, so wird behauptet, könne heute nur noch derjenige feiern, der sich eine große Erzählung ausdenke, ja der seine eigene Geschichte dem Drehbuch eines Heldenfilms beuge. Özdemir ist auf dem Weg; das Script des Helden kennt er noch nicht, aber seine Koteletten hat er schon.