Ein rothaariger Soldat sitzt auf einer aus grobem Holz gezimmerten Terrasse und starrt auf das weite Gelände des Militärflughafens von Kabul. Es ist neun Uhr morgens, aber das Licht ist bereits so grell, dass der Soldat die Augen zusammenkneift. Er trinkt aus einer Dose Cola und schweigt. Ich bin nicht mehr als einen Meter von ihm entfernt und würde gerne mit ihm ins Gespräch kommen. Aber er blickt stur geradeaus. Ich will schon aufstehen und gehen, da sagt er zur Seite hin, ohne den Kopf auch nur einen Millimeter zu bewegen: "Ich bin schon zu lange hier!"

Unsicher, ob der Satz mir gilt, zögere ich einen Augenblick. Da wiederholt er: "Ich bin schon zu lange hier!" Wieder fallen die Worte ohne erkennbares Ziel aus seinem Mund. Diesmal antworte ich: "Wie lange sind Sie schon hier?" Auch ich schaue ihn nicht an, während ich das sage, da ich das Gefühl habe, es wäre eine unzulässige Intimität.

Der Soldat schweigt, trinkt einen großen Schluck. "Ich bin schon zu lange hier!", sagt er wieder, wirft die leere Dose in einen Mülleimer, schultert seinen prall gefüllten Rucksack, steht auf und geht wortlos davon. Ich schaue ihm nach, bis er hinter der Ecke des nächsten Gebäudes verschwindet. Ich frage mich, ob diese Begegnung überhaupt stattgefunden hat oder ob ich geträumt habe. Es gibt niemanden auf der Terrasse, den ich fragen könnte. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, eine Unruhe, deren Ursache ich nicht benennen kann. Ich stehe auf und gehe in die kleine Wartehalle des Flughafens. Dort laufe ich einem deutschen Militärarzt regelrecht in die Arme. Ich wechsle ein paar nichtssagende Worte mit ihm, nur um mich zu versichern, dass ich wirklich in Kabul bin. "Ach, nach Kandahar fahren Sie!", sagt der Arzt und legt seinen Kopf in den Nacken. Ich ziehe meine Bordkarte aus der Tasche, um mir selber den Beweis zu liefern. Tatsächlich, ich fahre nach Kandahar. Das ist kein böser Traum. "Viel Glück!", sagt der Arzt, schüttelt mir die Hand und verlässt die Wartehalle. Wieder ist mir, als hätte ich ein Gespenst getroffen. Diesmal sind eine Menge Zeugen anwesend, lauter amerikanische Marines, riesige, breite Männer, die zusammengesunken auf Wartebänken sitzen. Sie nehmen keine Notiz.

In einer Ecke der Halle steht ein Laden, der von einem Inder betrieben wird. Er bietet neben Chips, Cola und Schokoriegeln Hunderte DVDs an, für ein paar Dollar das Stück. Ich wühle in dem Regal. Das Angebot ist auf Soldaten zugeschnitten: Action- und Kriegsfilme sind bei Weitem in der Überzahl. Mir fällt ein Film namens Flandern auf, von einem französischen Regisseur, dessen Name mir nicht geläufig ist. Auf dem Cover ist ein Stahlhelm abgebildet, auf der Rückseite sind Panzer und Soldaten auf Pferden zu sehen. Wenn ich schon unter Soldaten bin, denke ich, schaue ich mir auch einen Soldatenfilm an. Und wenn der Regisseur ein Franzose ist, kann der Film nicht ganz dumm sein.

Sieben Stunden später lande ich auf dem Militärflughafen von Kandahar. Sieben Stunden, in denen ich umgeben bin von Soldaten, die kaum reden, und wenn sie es tun, dann in der Art von Automaten, langsam, monoton, blechern. Alle sind erschöpft, alle haben sie etwas Abwesendes, Geisterhaftes an sich. In Kandahar weist mir ein Unteroffizier ein Bett in einem lang gestreckten Zelt zu. "Warten Sie hier, bis ich Sie abhole!" Dann verschwindet er für Stunden. Draußen sind es 45 Grad, im Zelt drückt eine rudimentäre Klimaanlage die Temperatur auf 30 Grad. Ich packe meinen Laptop aus und lege die DVD ein. Flandern wirkt wie ein Schlag in die Magengrube, bis zum Schluss des Films komme ich kaum mehr zu Atem. Die Handlung ist in wenigen Sätzen erzählt: Junge Franzosen aus Flandern gehen zur Armee. Sie ziehen in den Krieg gegen ein armes, offensichtlich arabisches Land. Dort morden, brandschatzen und vergewaltigen sie, bis sie selbst in Gefangenschaft geraten und für ihre Taten bezahlen müssen. Die Gewalt ist nicht nur extrem, sie wird mit größter Selbstverständlichkeit ausgeübt. Nie erfährt man, in welchem Land man sich befindet – ist es Afghanistan, ist es der Irak, ist es Algerien?

Die Anonymität steigert die Beklemmung. Die Täter kommen aus Flandern, ihre Opfer können überall sein – überall, wo der Westen seinen Kampf gegen den Terror führt.

Ich schließe den Laptop, atme die Staubluft Kandahars ein und denke an den Soldaten, dem ich am Morgen begegnet bin. Was er wohl meinte, als er sagte: "Ich bin zu lange hier"? Was mochte er erlebt haben, da draußen in der afghanischen Einöde? Was er wohl getan hat? Und all die anderen Soldaten, was tun sie?