Die vier Forscher suchen nach einem subtropischen Strand. Doch an ihren Rucksäcken baumeln Eispickel, rundherum ragen steile Felsmassen himmelwärts. Auf dem nahen Holzhaus steht: »Ela-Hütte – 2250 Meter ü. Meer«. Hier, mitten im Herzen der Graubündner Alpen, fahnden vier Paläontologen nach einer Küste des Urmeeres Tethys, das vor etwa 200 Millionen Jahren existierte. Die Auffaltung der Alpen durch die Kollision zwischen afrikanischen und europäischen Kontinentalplatten hat den Grund des Urozeans in luftige Höhen gehoben. Aus Meeressedimenten entstanden schroffe Gipfel, zum Beispiel der Piz Mitgel. Oder das Tinzenhorn, dessen Felsformationen Christian Meyer, der Expeditionsleiter, gerade im Morgenlicht beobachtet.

Denn auf beiden Bergen sind die Spuren von Sauropoden zu finden, jenen pflanzenfressenden Giganten, die Laien aus dem Epos Jurassic Parc kennen: Brachiosaurus oder Diplodocus, mit 40 Meter Körperlänge und 80 Tonnen Gewicht die größten Lebewesen, die je über die Erde stapften. Die Riesen dominierten die Weidegründe des Planeten für unvorstellbare 100 Millionen Jahre. »Ausgerechnet bei dieser wichtigen Gruppe wissen wir weniger über die frühe Evolutionsgeschichte als bei allen anderen Dinosauriern«, sagt Christian Meyer.

Vom Tal knattert ein Hubschrauber herauf zur Ela-Hütte, wo Meyer und sein Team zusteigen. Die Forscher wollen aus der Luft die Gipfel nach Fußstapfen von Sauropoden absuchen, die diese einst im Uferschlamm des Tethysmeeres hinterließen. Vor etwa einem Jahr entdeckte der Hobbypaläontologe Rico Stecher am Piz Mitgel salatschüsselförmige Eindrücke im Fels. Davon erfuhr Meyer im Naturhistorischen Museum Basel, er gilt als Kapazität im Fährtenlesen.

Schon bald kletterten Meyer und Stecher zur Fundstelle – und die entpuppte sich als weltweit einzigartig: »Es handelt sich um die Fußabdrücke von hoch entwickelten Sauropoden, die etwa 30 Millionen Jahre älter sind als alle bekannten Überreste von Exemplaren dieses evolutionären Stadiums.« Das bedeutet: Die Diversifizierung der gigantischen Echsen – Grundlage ihrer späteren Dominanz – begann viel früher als gedacht.

Auf dieser ersten Erkundungstour hatte Meyer weitere Sauropodentrittsiegel gefunden. Darum vermutet er noch mehr Spuren in den umliegenden Felsmassen und sucht nun aus dem Hubschrauber konzentriert die Felswände ab, die fast zum Greifen nah am Fenster vorbeiziehen. »Super Licht«, schwärmt Basil Thüring, der hinter Meyer sitzt. Die noch tief stehende Morgensonne wirft harte Schatten, so werden die Fährten sichtbar.

Wie die Lagen einer Lasagne liegen oder stehen Dutzende von Felsschichten vor den Augen der Forscher. Jede Schicht verkörpert einige Zehntausend Jahre Sedimentationsgeschichte des Tethysmeeres. Je nach den Launen der Alpenfaltung blickt man mal auf die Seite der Felslasagne, mal auf die Oberfläche. »Grandios«, schallt es aus dem Bordkopfhörer. Wenn die Forscher Glück haben, hat die Erosion gerade jene Schicht freigelegt, die einst ein Spazierstrand für Sauropoden war.

»Da unten – Spuren!«, ruft Meyer. Zwischen runden Abdrücken ziehen sich Risse durch die Felsplatte. Sie gelten als Zeichen, dass es sich tatsächlich um Spuren auf einem ehemaligen Strand handeln könnte und nicht bloß um banale Verwitterungslöcher in Meeressedimenten: Die Risse entstanden, als der Strand unter der subtropischen Sonne einst eintrocknete.