Am 10. Dezember 1948 beschloss die Vollversammlung der damals 56 Vereinten Nationen die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte«. In Paris, im Palais Chaillot am rechten Ufer der Seine gegenüber dem Eiffelturm, wurde abgestimmt. 48 Staaten waren dafür, kein Gegenvotum, 8 Enthaltungen. Die Staaten des Ostblocks, die Schwierigkeiten hatten mit der Meinungsfreiheit und anderen Freiheiten, enthielten sich, außerdem Südafrika, dessen Rassentrennung sich nicht gut mit dem allgemeinen Gleichheitsrecht vereinbaren ließ, und Saudi-Arabien, dem die Religionsfreiheit nicht passte.

Die Erklärung war eine Reaktion auf die Ungeheuerlichkeiten besonders der deutschen Verbrechen vor und im Zweiten Weltkrieg; Stalins monströse Untaten wurden damals, unmittelbar nach dem Ende des Krieges, noch gern diplomatisch beschwiegen. Die Erklärung war ein wichtiges Signal. In wenigen Tagen wird ihr 60. Geburtstag überall in der Welt gefeiert werden, in westlichen Ländern ist der 10. Dezember seit Langem der Tag der Menschenrechte.

Das Dokument wurde von der 1946 eingesetzten UN-Menschenrechtskommission ausgearbeitet, deren bekanntestes Mitglied Eleanor Roosevelt war, die Witwe des 1945 gestorbenen US-Präsidenten. Es sind 30 einfache und klar formulierte, meistens kurze Artikel. Der erste besteht aus zwei Sätzen: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Sinne der Brüderlichkeit begegnen.«

Hier erscheint zum ersten Mal die Würde als Menschenrecht. Und zwar ganz so, wie sie 276 Jahre vorher von einem deutschen Professor in Schweden zu einem juristischen Begriff gemacht worden ist, von Samuel Pufendorf. Seine große Abhandlung De iure naturae et gentium , 1672 in Lund erschienen und erst 1711, lange nach seinem Tod, unter dem Titel Acht Bücher von Natur- und Völkerrecht ins Deutsche übertragen, war im späten 17. und im 18. Jahrhundert das meistübersetzte und verbreitetste Standardwerk zum Thema.

Das Naturrecht hatte bis dahin ausschließlich zur politischen Philosophie gezählt. Pufendorf machte es zu einem Teil der Rechtswissenschaft, es wurde nun in den Vorlesungen der Juristenfakultäten gelehrt. Die Würde des Menschen ist Grundlage seines ganzen Systems. Zweites Buch, erstes Kapitel, Paragraf 5: »Es ergibt sich aus der Würde der menschlichen Natur und ihrer Vortrefflichkeit, durch die der Mensch allen anderen Lebewesen überlegen ist, dass seine Handlungen nach bestimmten Regeln beurteilt werden. Ohne solche Regeln kann es keine Ordnung geben, keinen Anstand, keine Schönheit. Und so hat der Mensch eine außerordentliche Würde, weil er eine Seele besitzt, die unsterblich ist und erleuchtet durch das Licht seines Verstandes und die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und unter verschiedenen Möglichkeiten die richtige zu wählen, und die außerdem noch erfahren ist in vielen Künsten.«

Der schwedische König macht ihn zum Hofgeschichtsschreiber

Naturrecht ist, was nach Meinung dessen, der es schreibt, sich aus der Natur des Menschen ergibt. Es ist wie mit dem Zauberer und dem Kaninchen. Bevor er es aus dem Zylinder herausholt, muss er es kunstvoll hineinpraktiziert haben. Der Philosoph Ernst Bloch unterscheidet 1961 in seinem Buch Naturrecht und menschliche Würde ein »bewahrendes« und ein »forderndes«. Der griechische Denker Aristoteles zum Beispiel schrieb ein bewahrendes. Er meinte, es gäbe Menschen, groß, schlank, klug und zum Befehlen geeignet. Die seien von Natur aus freie Bürger. Andere dagegen, klein, stämmig und wenig intelligent, die könnten nur gehorchen und seien von Natur aus Sklaven, physei douloi . So hat er mit der Natur des Menschen die Sklaverei gerechtfertigt und ähnlich die untergeordnete Stellung der Frauen.

Das Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts hingegen war ein forderndes. Der große holländische Rechtsphilosoph Hugo Grotius zum Beispiel, Samuel Pufendorf und sein sächsischer Landsmann Christian Thomasius vertraten es. Sie schrieben gegen Leibeigenschaft und Hörigkeit, für die Gleichheit und für die Freiheit des Glaubens und der Wissenschaft, Thomasius zudem gegen Hexenverfolgung und Folter.