August Diehl eilt mit weiten Schritten über den Vorplatz des Deutschen Theaters in Berlin. Die Hände stecken in den Taschen seines Mantels, er hält ihn sich vom Leib wie ein Paar Flügel. Seine Haare stehen ab, als habe er an eine Stromleitung gefasst. Gleich wird er über die Treppe schweben, meint man. Dann nimmt er sie doch zu Fuß, immer zwei Stufen auf einmal.

Es ist Samstag, kurz nach zwölf. Am Tag zuvor hat August Diehl in Babelsberg gedreht, er musste eine lange Szene gut 50 Mal wiederholen. Die ganze Woche geht das so, seine Tage beginnen morgens um vier und enden spätabends, eigentlich müsste er müde sein. Das mit den Haaren, sagt er, liege an der Pomade, die er in seiner Rolle als Nazi-Major Dieter Hellstrom verwenden müsse, die gehe beim Waschen so schlecht raus. Aber es ist nicht nur die Pomade. Die Dreharbeiten mit Quentin Tarantino, dem amerikanischen Kinorevolutionär, haben ihn elektrisiert.

Das Treffen im November ist das letzte in einer Reihe, man glaubte, schon einiges über den 32-Jährigen zu wissen. Und dann dieser Auftritt. Wo ist der Mann, dem man in den letzten Monaten dabei zusehen konnte, wie er immer angespannter wurde, je näher der Drehtermin zu Tarantinos Inglorious Bastards rückte? "Ich weiß nicht, wie ich das konditionell schaffen soll", hatte er noch im Oktober gesagt. Er musste sich gleichzeitig auf Proben mit Peter Zadek vorbereiten, dem Gottvater des deutschen Theaters. Diehls Haare hingen schlaff herunter, er rieb sich übers Gesicht, bis es rot war, die Furcht trieb ihn um, den beiden Rollen nicht gleichermaßen gerecht zu werden.

Irgendwann zwischen den beiden Treffen muss die Furcht in trunkene Euphorie umgeschlagen sein. Am Tag schüttet er nun zwei Dutzend Tassen Kaffee in sich hinein. Das Herzrasen, das man davon bekommt, störe ihn nicht, sagt er. "Das ist ja der Sinn dabei." Er lacht. Er lacht überhaupt sehr viel. Als er im Foyer des Theaters fotografiert wird, prustet er ein paarmal richtig los, dabei sieht er auf Fotos sonst so ernst aus. Ernst, das Wort haftet an Diehl wie ein zweiter Vorname. Warum eigentlich?

Wenn man den Mann vom Oktober mit dem vom November vergleicht, fällt einem der Untertitel zu seinem ersten Film 23 ein: Nichts ist so wie es scheint . Damit wurde August Diehl bekannt. Der Regisseur Hans-Christian Schmid, der ihn 1998 für 23 entdeckte und ihm die Rolle des Computerhackers Karl Koch gab, sagt, August sei nicht nur ernst, "er ist auch spontan, er ist…", Schmid sucht nach dem passenden Wort, "…durchlässig". Diehl beherrscht die Kunst, im richtigen Moment lockerzulassen. Die Arbeit ist nicht weniger geworden seit Oktober. Aber man müsse eben die Balance zwischen Fleiß und Faulheit finden, sagt Diehl, "sonst verkrampft man". Und das ist schlecht für die Rolle.

In Tarantinos Inglorious Bastards geht es um eine Truppe jüdisch-amerikanischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die sich an den Nazis rächen. Das Drehbuch dazu kursierte bereits im Internet. Was da zu lesen war, sei so "durchgeknallt", dass es nur von Tarantino sein könne, schrieb das New York Magazine. August Diehl darf über seine Rolle nichts sagen, nur so viel: Mit seinen bisherigen Nazi-Rollen habe sie nicht im Entferntesten zu tun. In Volker Schlöndorffs Film Der neunte Tag war Diehl als berechnender Gestapo-Karrierist zu sehen. Tarantinos Major Hellstrom dagegen sei ein "schlaues Arschloch".

Im Studio Babelsberg wird unter größter Geheimhaltung gedreht. Das Filmset ist hinter einem Sichtschutz verborgen, damit die Paparazzi die Stars nicht abschießen, schließlich ist auch Brad Pitt dabei, der Liebling des Boulevard. Aber was sich da im Verborgenen abspielt, scheint ein Riesenspaß zu sein.

"Wenn ich ins Studio fahre, fühle ich mich, als ginge ich tanzen", sagt August Diehl. Das ist der "Thrill", dieser Moment beim Spielen, den er so liebt. "Das hat noch eine stärkere Intensität als die Wirklichkeit", sagt er. Bei einem Süchtigen würde man dieses Gefühl "Kick" nennen.

Zum ersten Mal hat er das mit 17 gespürt. Damals stand er in der Aula seiner Waldorfschule im bayerischen Prien und spielte den Franz Moor aus Schillers Räubern. Er trug ein Rüschenhemd mit einem Satinfrack darüber. Anderen Jungs in diesem Alter wäre so eine Aufmachung peinlich. Aber August Diehl sagt, er habe sich in der Rolle "sicherer gefühlt als im normalen Leben". Er sei damals eher unauffällig gewesen, und plötzlich sahen ihn die Mitschüler mit anderen Augen, plötzlich erfuhr er Bestätigung. Der junge August konnte endlich er selbst sein. Aber was ist das für ein Mensch, der sich dann selbst am nächsten ist, wenn er ein anderer ist?

Wenn sich Diehl auf eine Rolle vorbereitet, ist sein Handy tagelang ausgeschaltet. Er taucht dann ab in ein Leben, das mit seinem nichts zu tun hat, liest Bücher, die er selbst nicht lesen würde, kauft Parfüm, das er selbst nicht kaufen würde, weil er wissen will, "wie diese Figur riecht, schmeckt, sich anzieht". Es ist, als spinne er einen Kokon um sich.