Häuser ohne Käufer im US-Bundesstaat Kalifornien © Justin Sullivan/Getty Images

Am Nachmittag des 31. Oktober springt im zweiten Stock einer gelb gestrichenen Villa in der Frankfurter Innenstadt das Faxgerät an. Fünf Seiten Papier schieben sich aus dem Schlitz, auf der ersten Seite steht der Briefkopf der Commerzbank , auf der letzten die Unterschrift ihres Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing, irgendwo dazwischen die eine, entscheidende Zahl: 8,2 Milliarden Euro. Um so viel Geld bittet die Commerzbank die Bundesrepublik Deutschland , vertreten durch den »Soffin«, den neu gegründeten Sonderfonds für die Stabilisierung der Finanzmärkte. Dessen 21 Mitarbeiter haben erst wenige Tage zuvor in der gelben Villa ihre Büros bezogen. Die Krise hat hier ihre Anlaufstelle.

Am Vormittag des 17. November um 9.30 Uhr greift in einem Konferenzraum in der Nähe des Englischen Gartens in München der Vorstandsvorsitzende der Hypo Real Estate, Axel Wieandt, zum Telefon. Ihm zugeschaltet sind Bankenanalysten rund um die Welt. Eine Stunde und zwei Minuten lang berichtet Wieandt aus dem Innenleben der Bank. Die Zusammenfassung: 3,05 Milliarden Euro Verlust im dritten Quartal 2008.

Am Abend des 19. November sitzt Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, am Rande des Berliner Regierungsviertels im Saal der Katholischen Akademie in einem hellblauen Sessel vor 300 Menschen. Er sagt: »Dies ist die erste globale Krise überhaupt, und wir stecken noch mitten in der Krisenbewältigung.«

Wie lange wird sie dauern? Nach Schätzung der Bank von England haben die Finanzinstitute der Welt schon jetzt 2,8 Billionen Dollar verloren. Das sind 2800 Milliarden, das ist der Gegenwert von 140 Millionen VW-Golfs. Das Geld sei »verbrannt«, »verpufft«, »verschwunden«, heißt es. Und die Geldvernichtung geht weiter. Wie groß wird der Verlust noch werden? Wie viele Bankrotte werden folgen, wie viele Banken und Konzerne werden die Regierungen noch retten müssen?

Niemand weiß es. Die vielleicht interessanteste Frage aber lässt sich schon jetzt beantworten.

Wo ist das Geld geblieben?

In der Wüste von Nevada sind die Millionen zu Marmor geworden

Diese Frage steht am Anfang einer langen Reise, die in die amerikanische Wüste, in einen Frankfurter Bankenturm und zu einem chinesischen Fondsmanager führen wird. Der italienische Ministerpräsident und Medienunternehmer Silvio Berlusconi wird unterwegs auftauchen und am Ende eine deutsche Rentnerin, die das Glück hatte, in der Finanzkrise keinen einzigen Euro zu verlieren. Auch diese Frau ist ein wichtiger Teil der Krise, weil sie mit ihrem Geld hilft, in diesen Wochen die Welt zu retten. Obwohl sie nichts davon ahnt.

Auf der Suche nach dem Geld wird sich zeigen, dass es selten dauerhaft verschwindet und noch seltener verbrennt. Dass es aber ziemlich oft den Besitzer wechselt.

Wo also steckt das Geld? Wo sind die 2,8 Billionen Dollar?

Es gibt in Deutschland viele Menschen, denen man diese Frage stellen könnte: Ökonomen, Vermögensberater, Börsengurus. Ein Mann aber scheint besser als die meisten anderen geeignet, sie zu beantworten. Weil er offenbar einer der wenigen ist, die wirklich verstanden haben, was in den vergangenen Jahren in der Wirtschaftswelt passiert ist.

Der Mann heißt Max Otte. Gerade kommt er von einem Vortrag aus Frankfurt, morgen fliegt er nach Wien zu einem Fernsehauftritt. Dazwischen hat er einen Nachmittag frei. Otte ist gerade sehr gefragt.

Er sperrt seine Wohnung in der Kölner Innenstadt auf, legt das Jackett ab, lockert die Krawatte. Er ist 44 Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Mann. Vor zwei Jahren war er noch ein unbekannter Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule in Worms. Wenn er damals den Fernseher einschaltete, sah er hin und wieder andere Wirtschaftsprofessoren, die nicht an Fachhochschulen, sondern an Universitäten lehrten. Fast immer sprachen sie davon, dass der Aufschwung anhalten, die Aktienkurse weiter steigen würden. Otte war anderer Meinung. Er glaubte, die Welt steuere auf eine ökonomische Katastrophe zu. Also schrieb er ein Buch, in dem er den Absturz der Aktienkurse, den Zusammenbruch der Banken und die mögliche Insolvenz des amerikanischen Autokonzerns General Motors vorhersagte. »Wenn ich die Zeichen richtig verstehe, die uns die Weltwirtschaft hinterlässt, dann muss es krachen – und zwar mit einer gewaltigen Wucht«, schrieb Otte.

Er gab dem Buch den Titel Der Crash kommt. Es erschien im Frühjahr 2006, verkaufte sich ordentlich, wurde aber kein Bestseller. Dann kam der Crash. Seitdem ist Otte der Mann, der alles wusste. Sein Buch hat sich bislang 200.000-mal verkauft. Demnächst erscheint die chinesische Ausgabe.

Wo das Geld geblieben ist? Otte denkt nach. Dann sagt er: »Wenn Sie wissen wollen, wohin das Geld geflossen ist, müssen Sie zuerst nach Amerika fahren, in die Vororte der großen Städte. Sie müssen sich die Häuser ansehen.«

Zum Beispiel dieses: Mantua Avenue Nummer 70 in der Kleinstadt Henderson im Bundesstaat Nevada.

Über der Villa liegt ein Hauch von Toskana. Runde Dachziegel aus Ton, hölzerne Fensterläden, eine überdachte Veranda, kleine Pinien im Vorgarten. Schaut man in die Ferne, sieht man die Kasinos von Las Vegas in der Sonne flimmern. Schaut man zur Seite, sieht man noch eine Villa und daneben noch eine und noch eine.

Inspirada heißt die Siedlung. Hunderte fertige, unbewohnte Häuser stehen hier, Hunderte Rohbauten in Dutzenden von Straßen, die Via Delle Arti Street heißen oder Palazzo Reale Avenue. Straßen, die ein kleines bisschen Italien nach Amerika bringen sollen und die doch alle in die Wüste führen, denn genau das war auch dieses Stück Land, bevor das amerikanische Immobilienunternehmen Toll Brothers anfing, hier Geld zu vergießen: ein Haufen Sand mit ein paar Kakteen darauf.