Dönhoff-Preis Seine Waffe ist der Dialog
Erst war es die Sowjetunion, nun ist es Russland: Der Entspannungspolitiker Egon Bahr setzt bis heute auf die Macht des Gesprächs
Marion findet sich unter den Namen, denen er sein Erinnerungsbuch Zu meiner Zeit widmete. Marion Gräfin Dönhoff und Egon Bahr kannten sich, verstanden sich, duzten sich und gehörten einer spezifischen Welt an, in der sie sich zwar nicht hermetisch einigelten, die aber dennoch nur ihre Welt war. Auch Helmut Schmidt gehört dazu. Und Richard von Weizsäcker natürlich.
Als Zeitgenossin kam unsereins »die Gräfin« bis ins hohe Alter hinein neugierig, unideologisch, ebenso engagiert wie vollkommen autonom bei der Suche nach vernünftigen Antworten auf die jeweiligen Verhältnisse vor. Bei dem jüngeren Bahr, Jahrgang 1922, nicht in Ostpreußen, sondern in Treffurt an der Werra geboren, verhält sich das verblüffend ähnlich. Bahrs Welt: Sie wirkt wie ein Kontrastprogramm zur heutigen Medienbenutzeroberfläche. Worte werden ernst genommen, weil sie Gedanken verraten und weil sich so – diskursiv – eine Vorstellung dessen herauskristallisiert, was geschehen solle. Er war und ist Partei, bekennender Sozialdemokrat, aber dass das seine Urteilskraft einengen würde, hat man nie bemerkt.
Wandel durch Annäherung? Willy Brandt klang das zu forsch
Seine Bewunderung für Jean Monnet, den »Erfinder« Europas, hat Egon Bahr einmal folgendermaßen erklärt: Kein Beispiel in der Geschichte habe er finden können, »wo ein einzelner Mensch, ohne Amt und Institution, nur dank seines Denkens und seiner Überzeugungskraft« ein solches Werk habe in Gang setzen können. Bahr war zwar vieles, »Botschafter zbV« (zur besonderen Verwendung), Ostvertrags-Unterhändler, Entwicklungshilfeminister, SPD-Geschäftsführer – aber vor allem ist er bis heute selbst auch ein solcher »einzelner Mensch, ohne Amt und Institution«. Alle, die früh dabei waren, erinnern sich an seine klare, analytische Stimme mit eigenem Urteil, mit der er als junger Korrespondent für den RIAS aus Bonn rapportierte. Und wir jungen Journalisten, von der Ostpolitik gefesselt, wollten dann Bahr hören, weil er Bahr war, nicht weil er irgendein Amt hatte. Später konnte man sich den Außenminister Brandt, erst recht aber den Kanzler, nicht ohne seinen getreuen Eckehardt denken.
Dass Egon Bahr weiß, »worauf es ankommt« (wie es in der Ausschreibung des Dönhoff Preises heißt), ist fast eine Untertreibung. Seine Kunst des provokatorischen Zuspitzens zur rechten Zeit ist dabei nur ein Aspekt. Also: »Wandel durch Annäherung« 1963 in Tutzing, das Ost-West-Verhältnis entfeinden!, ein atemberaubender Gedanke nur zwei Jahre nach dem Mauerbau, eine bemerkenswert deutsche Initiative zur Überwindung der deutschen Lage. Willy Brandt klang das Wort des Freundes gar zu forsch, aber er stand zur Idee und ohnehin wie immer zu »Egon«. Oder: »Perversion des Denkens«, Bahrs spontaner Kommentar zur Neutronenbombe, die »nur« die Menschen meuchelt, aber die Städte intakt lässt, eine Pentagon-Idee, auf die Helmut Schmidt sich zögerlich eingelassen hatte. Zwei Bahr-Formeln von zahllosen!
Aber wichtiger als diese Begriffskunst bleibt: Bahrs ganzer politischer Impetus, seine Wirkung, geht vom Setzen glasklarer Prioritäten aus. Die erste seiner Maximen lautet heute wie stets: Ohne Frieden ist alles nichts. Dass daraus Rangordnungen entstehen, dass »Demokratie« oder »Menschenrechte« dann im Zweifel auch zurücktreten müssen oder er glaubt, nicht alle könnten solche Rechte und Freiheiten sofort reklamieren – ihm hat das seit Jahrzehnten heftigste Kritik eingebracht, er hat sie einkalkuliert und ausgehalten. Entschuldigt hat er sich allerdings dafür, die Sprengkraft von Bürgerbewegungen im Osten, besonders von Solidarność in Polen, zu lange ignoriert zu haben. Punkt. Sein erkenntnisleitender Satz aus dem Jahr 1969 zur Vertragspolitik mit den Nachbarn, »Der Schlüssel liegt in Moskau!«, wurde ihm gleichfalls heftig verübelt, besonders in Polen. In Moskau lag er dennoch.
Bahr führte die Vertragsgespräche mit der Sowjetunion, er galt als der Verschwiegene, der alles wusste, er nutzte die Gesprächskanäle, die er hatte, gerade nach Moskau, die Gegner denunzierten ihn, weil er Deutschland verhökere, Vaterlandsverrat. Wie sein Alter Ego, wie Willy Brandt! Ungeheuerlich war das, bizarr. Noch die liberalsten Moskauer wollten nicht die deutsche Einheit im Rahmen des Westens, Bahr wollte sie ebenso wie Brandt. Und wer kam erfolgreich ins Ziel? Bahr liegt das Triumphieren nicht. Verlierer jedoch sehen anders aus.
Mal skizziert er heute (gemeinsam mit Walther Stützle), wie eine eigene europäische Sicherheitspolitik aussehen könne, mitsamt einer gemeinsamen Armee, dann wieder meldet er sofort und heftig Einspruch an gegen Ausweitungspläne für die Nato nach Georgien, widersetzt sich jeder Umwidmung des Bündnisses in eine Weltinterventionsmacht, und pointierter als fast alle warnt er besonders vor einem neuen alten Feindbild, Russland. Kleine Schritte begannen, bevor sie getan wurden, »im eigenen Kopf«, beschrieb Bahr gelegentlich den Anfang der Ostpolitik. An diese Genese fühlt man sich manchmal auch heute erinnert, mit dem Unterschied, dass sein Denken damals von der geteilten Stadt Berlin ausging. Berlin als Arena der Weltpolitik, als Paradigma und als Drama einer einzelnen Stadt. Gelöst ist diese Berlinfrage, der »inneren Souveränität« folgte die äußere. Geblieben aber ist für ihn die Denkmethode, das Dialogische, Diskursive, geblieben ist der Primat des Politischen.
Bedeutete 1989 das Ende der Geschichte? Schon dieser bloße Gedanke erschien ihm abwegig – er entrüstete sich darüber mindestens so sehr wie Marion Dönhoff. Kaum drohte beispielsweise Gorbatschows Lieblingsvorstellung vom gemeinsamen europäischen Haus zu versanden in der Routine des westlichen Alltags oder des Dünkels, Sieger der Geschichte zu sein – wer formulierte eine Antwort? Egon Bahr natürlich. Titel seiner Herausforderung in einem kleinen Buch im Jahr 1996: Zum europäischen Frieden.
Was die Bilanz angeht: Die Ost- und Entspannungspolitik, da ist Egon Bahr sich unverändert sicher, hat zu dem neuen Europa – geeint, aber noch kein gemeinsames Haus – mehr beigetragen als alle markigen Sprüche Ronald Reagans oder alles rüstungspolitische Auftrumpfen. Schmidts Nachrüstungs- und Nato-Doppelbeschluss hält er unverändert für falsch, Schmidt hält ihn unverändert für richtig. Ein Verteidiger des strategischen Gleichgewichts freilich war Bahr gleichwohl – wie Schmidt. Bahr zählt keineswegs zu den Peaceniks. Beim Verteidigen seines Vermächtnisses befindet er sich in bester Gesellschaft, entschiedener als viele Jüngere plädiert ein eindrucksvoller Chor der Weißhaarigen nach dem Ende des Systemkonflikts für eine Fortsetzung oder Neuauflage der Dialogpolitik – wenn auch unter viel komplizierteren Bedingungen.
Es ist logisch, dass es aus Bahrs Sicht jetzt auf die »innere Souveränität« ankommt, nachdem Einheit und Souveränität des eigenen Landes gewonnen sind. Wie er dabei Emanzipation und Selbstbestimmung definiert, das hat einen spezifisch Bahrschen Klang, manche seiner Freunde würden das anders nuancieren. Andere erwarten von dem Machtwechsel in Washington vermutlich mehr als Bahr, für den es immer Interessen sind, die letztlich dominieren – verständliche amerikanische Interessen, gegen die man auch berechtigte deutsche und europäische Interessen geltend machen muss.
Einem Urberliner wie ihm muss man jedoch nicht sagen, dass es eine begründete und unverzichtbare Affinität zum »großen Bruder« Amerika gibt. Ohne die Mauer, schrieb er einmal hintersinnig, wäre er »nicht früh und nicht intim genug vertraut geworden« mit den USA, »und Brandt wäre auch manches entgangen«. »Wenn über die Wahlverwandtschaft zu einem Land abzustimmen gewesen wäre, so hätte die Bundesrepublik die USA gewählt. Sich ihnen anzupassen entsprach der Neigung und nicht der Berechnung.« So ist es. Der politische Kopf Bahr fügte allerdings hinzu: »Wer dort nicht angenommen wurde, hatte weniger Chancen, hier angenommen zu werden.« Und dann folgte sein entscheidender Satz: »Aber auch auf diesem Gebiet musste die Wirklichkeit anerkannt werden, wenn man sie verändern wollte.«
Helmut Schmidt nennt ihn seinen Freund – das war nicht immer so
Egon Bahr, drei Jahre jünger als Schmidt: Kategorisch sagt er Nein zu weltweiten Militärinterventionen, Vorrang gibt er wie stets der Politik und dem Entschärfen von Sprengsätzen, entschieden drängt er daher auf neue Abrüstungsinitiativen, Interessen wägt er leidenschaftslos ab. Alles das verbindet ihn auffallend mit Helmut Schmidt. Von »meinem Freund Egon Bahr« spricht der Kanzler a. D. inzwischen denn auch, das war bekanntlich nicht immer so. Beide sind sie außer Dienst im Dienst. Aber dieser Satz Bahrs, die »Wirklichkeit anzuerkennen, um sie zu verändern« – ist es nicht das, worauf es ankommt, liegt darin nicht der Kern der Erklärung für diese Nähe von so unterschiedlichen Temperamenten und Lebensläufen wie denen von Schmidt und Bahr? Egal ob man sich von dem alten Herrn aus dem Grunewald zu Widerspruch provoziert fühlt oder ob man applaudieren möchte, diese Basis macht seine Einmischungen einfach so zeitgemäß wie einst die des jungen RIAS-Reporters.
- Datum 03.12.2008 - 17:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
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