DonaldismusDem Erpel auf der Spur

Wer wie Jürgen Wollina dreizehn Jahre lang die Geografie des fiktiven Entenhausen erforscht, muss ein wahrer Donaldist sein von Jürgen Bröker

Stadtplan Entenhausen Donald Duck

Klicken Sie auf das Bild, um den Stadtplan von Entenhausen im Riesenformat zu erkunden  |  © Jürgen Wollina

Da sitzt er also ganz gelassen. Auf einer Bank vor dem Bahnhof im niederbayerischen Pocking. Eine schwarze Mütze auf dem Kopf, die Beine übereinandergeschlagen, lässt er sich die Herbstsonne ins graubärtige Gesicht scheinen. Jürgen Wollina, der Mann, der sich in den vergangenen dreizehn Jahren damit beschäftigt hat, den "einzig wahren Stadtplan von Entenhausen" zu zeichnen. Statt eines bayerischen "Grüß Gott" kommt ihm ein Berliner "Tachchen" über die Lippen. Obwohl er seit Jahren hier im Süden lebt, hat der Dialekt noch nicht auf ihn abgefärbt. "Das wird auch nicht passieren", prophezeit er grinsend.

Wollina bezeichnet sich selbst als "Urberliner". Dort sind seine Wurzeln. Und wer seine Faszination für Donald Duck und Entenhausen verstehen will, muss mit ihm in Gedanken dorthin zurückreisen. Ins Kreuzberg der frühen 1950er Jahre. Der 61-Jährige erzählt lebhaft aus der Zeit, in der die "Amerikaner", klebrige Kuchenstücke mit Zuckerguss, noch tellergroß waren und nicht mehr als einen Groschen kosteten. Die Bilder aus Kindheit und Jugend haben sich fest eingeprägt. Damals fand der erste Kontakt mit der Welt der Comics statt.

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Donald Duck ist der ewige Chaot, der sich immer wieder aufrappelt

Da ist der Bäckerladen gleich nebenan, im Hochparterre. Auf den drei Stufen vor dem Eingang saßen die älteren Jungs mit Comic-Heften in den Händen und lachten. In den Augen vieler Eltern waren Comics Teufelszeug, der Niedergang der Kultur. Aber für Wollina waren die Heftchen vor allem ein Anreiz, lesen zu lernen. Er wollte wissen, was die großen Jungs so witzig fanden. Aber immer wenn er ihnen über die Schulter blickte, sah er nur gezeichnete Bilder und verstand nichts. "Ich war eifersüchtig, weil die sich krümmelig lachten", erinnert sich Wollina. Er lernte das Alphabet, noch bevor er in die Schule kam. Schon bald stand ein Sanella-Karton unter seinem Bett – randvoll mit Comics. "Wir haben die Hefte immer getauscht", sagt Wollina. In kleinen Krämerläden oder Kiosken, zwei gelesene Hefte gegen ein neues.

Wenn er erzählt, blitzt auch heute noch die kindliche Begeisterung in seinen Augen auf, die ganz offenbar auch der Schlüssel zu seiner Arbeit ist. Wie sonst könnte ein erwachsener Mann dreizehn Jahre lang Stadtplanforschung für die Fantasiestadt Entenhausen betreiben? Seine Frau Gundula bewundert ihn dafür. "Ich bin wirklich fasziniert von seiner Begeisterung", sagt sie. Und er ist fasziniert von ihrer Geduld. Schließlich habe sie ihn in der langen Forschungszeit auch mit seiner Leidenschaft teilen müssen.

Schon als Kind haben ihn vor allem die Geschichten rund um Entenhausen interessiert. Weniger die der "unsäglichen Maus", wie Micky von vielen Duck-Fans genannt wird. Die Maus ist auch Wollina zu glatt und sauber, der makellose Held, dem scheinbar alles mühelos gelingt. Da ist ihm Donald schon lieber und auch näher. Donald, der ewige Chaot, einer, der sich nach jedem Rückschlag wieder hochrappelt.

Irgendwie passt diese Figur auch besser zu ihm. Der Vergleich mit Donald gefällt ihm. "Du musst im Leben einmal mehr aufstehen als hinfallen – wie Donald", sagt er. Und er weiß, wovon er spricht. Wollina hat selbst einige Rückschläge erlebt. Die schwierigste Zeit begann am 30. Dezember 1969, seinem 23. Geburtstag. Er stand an der Kasse eines Getränkemarktes, wollte sein Leergut abgeben und Getränke für eine kleine Feier am Abend besorgen. "Plötzlich war es so, als hätte jemand die Luft aus meiner linken Körperhälfte gelassen", sagt er. Wollina erlitt eine Durchblutungsstörung im Gehirn, einen Schlaganfall. Er sackte zusammen, Speichel lief ihm aus dem Mund, er konnte nicht mehr sprechen. Es begann die schwierigste Zeit seines Lebens. Die linke Körperhälfte war erschlafft. Er konnte seinen Beruf als gelernter Kartograf nicht mehr ausüben. Seine Frau verließ ihn.

Er habe aus der Situation das Beste gemacht, sagt er heute trotzig. Wollina studierte und wurde Diplom-Ingenieur für Landkartentechnik. Obwohl er seit seinem Schlaganfall schwerbehindert ist, hatte er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben mit 51 Jahren weniger Fehlzeiten als manch anderer, der gesund ist. Umgerechnet habe er mehr als 80 Berufsjahre auf dem Buckel, scherzt Wollina deshalb.

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