Es klang beruhigend, was Äthiopiens Regierungschef im Oktober vor dem Parlament verkündete. Nein, versicherte Meles Zenawi den Abgeordneten, die Wirtschaft des Landes werde von der globalen Bankenkrise »nicht hinweggefegt«. Wie sollte sie auch? Nicht mal eine Börse gibt es in der Hauptstadt Addis Abeba, nur jeder zehnte Bürger hat Geld auf einem Sparkonto. Die Banken gehören dem Staat, die Wall Street und Island sind weit weg. »Drastische Auswirkungen sind nicht zu befürchten«, urteilte daher der Regierungschef.

Wer nur am Rand der großen Wirtschaftsströme segelt, wird auch von ihren Stromschnellen und Strudeln nicht mitgerissen: Leider ist das eine Illusion. Immer deutlicher wird, dass die kollabierenden Banken und schrumpfenden Volkswirtschaften im reichen Norden sehr wohl bittere Auswirkungen auf die armen Länder des Südens haben: auf Äthiopien und Bangladesch, auf Birma, Nicaragua, Aserbajdschan. Und das, während die Regierungen der reichen Welt dreistellige Milliardensummen zur Rettung ihrer Banken und Automobilfirmen bereithalten.

Die Finanzströme in Richtung Süden könnten um ein Viertel schrumpfen

Am kommenden Wochenende sollen endlich auch die Sorgen der armen Länder auf einer UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in der Ölstadt Doha in Qatar diskutiert werden. Die Stimmung ist finster. »Menschen, die hart gearbeitet haben, um der Not zu entkommen, könnten zurück in die Armut rutschen«, warnte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Hunger und Elend befürchten die Welthungerhilfe, terre des hommes und andere Organisationen. »In Doha müssen wir die alten Versprechen, die Hilfe zu erhöhen, laut bekräftigen«, mahnt in Deutschland die Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD).

Die Finanzkrise trifft die Entwicklungsländer von allen Seiten. Wegen der Flaute in den reichen Ländern werden weniger Kakaobohnen, Eisenerze, Zinn oder Industrieprodukte von ärmeren Handelspartnern nachgefragt. Weil die Währungen armer Länder an Wert verloren haben, steigen die Schulden, die sie abtragen müssen. Etliche Wege der Geldbeschaffung, die in den Boomjahren erfolgreich genutzt wurden, sind plötzlich verschlossen: Wer kauft in so turbulenten Zeiten schon Staats- oder Unternehmensanleihen aus Ländern wie Indonesien? Insgesamt könnten die Finanzströme in Richtung Süden in den nächsten Monaten um ein Viertel schrumpfen, schätzt das britische Overseas Development Institute (ODI).

Auch Börseninvestoren ziehen ihr Geld in großem Stil aus armen Ländern ab. Daheim können sie die Verhältnisse besser einschätzen, und häufig bekommen sie von den Regierungen des Westens auch noch Staatsgarantien für Bankguthaben.

Unternehmen stoppen ihre Investitionsvorhaben im Süden: Nach einer Prognose der Columbia-Universität in New York werden internationale Direktinvestitionen gen Süden im laufenden Jahr »mindestens« um ein Fünftel zurückgehen und 2009 um mehr als 30 Prozent. Der deutsch-äthiopische Unternehmensberater Asfa-Wossen Asserate bemerkt es schon: Bei Firmen, die in Afrika investieren wollen, sei in »die alte Zurückhaltung wieder schlimmer geworden«. Mehrere seiner Projekte muss er derzeit auf Eis legen.

Migranten in den USA, Europa oder am arabischen Golf, die bislang jeden Monat eine Überweisung an die Familien daheim schickten, verlieren plötzlich ihren Job. In Äthiopien wächst sich das gerade zu einem Riesenproblem aus: Rund 1,5 Millionen Äthiopier leben in der Diaspora, und in guten Jahren haben sie ihren in der Heimat zurückgebliebenen Eltern, Geschwistern oder Kindern rund 1,2 Milliarden Dollar Unterstützung überwiesen. Das sind fünf Prozent der ganzen Wirtschaftskraft ihres Landes. Jetzt aber kommt immer weniger, berichtet Minas Hiruy, der beim Hope-College in Addis Abeba arbeitet. Er versorgt dort in einer Suppenküche auch Familien, die bislang vom Onkel in Amerika Geld bekamen. »Wir speisen jeden Tag 1.000 Arme«, sagt Hiruy, »so viele wie lange nicht.«