Seit zwei Jahrzehnten lebt die deutsche Journalistin Petra Reski in Italien, seit beinahe ebenso langer Zeit schreibt sie über die Mafia und den Kampf gegen sie, unter anderem für die ZEIT ( zuletzt über den Leiter eines Sondereinsatzkommandos im sizilianischen Trapani, ZEIT Nr. 43/08 ). Bedroht worden ist sie bei ihren Recherchen zweimal, im berüchtigten Corleone und in San Luca, dem Dorf, das man seit dem Massaker in der Duisburger Pizzeria Da Bruno im August 2007 auch in Deutschland als Hochburg der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta kennt. Doch nun ist sie zum ersten Mal ernsthaft beunruhigt – nach einem Vorfall vor wenigen Tagen in Erfurt.

Anlass war eine Lesung der Journalistin aus ihrem Buch Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern, in dem sie auch über die Aktivitäten der Mafia in Deutschland berichtet. Noch vor Beginn der Veranstaltung in einer Erfurter Buchhandlung bekam Reski eine einstweilige Verfügung überreicht, die der Gastronom Spartaco Pitanti gegen eine kurze Passage in dem Buch erwirkt hat. Ferner forderte Pitanti eine Entschädigung in Höhe von 50000 Euro wegen "grober Persönlichkeitsverletzung". Pitanti, einst im Ruhrgebiet eine schillernde Figur und ehemaliger Besitzer des Duisburger Da Bruno, mit dem Restaurant Paganini im Gildehaus und anderen Lokalen in der Region Erfurt zum "Platzhirsch und Gladiator der italienischen Gastronomen" (Allgemeine Gastronomie- und Hotellerie-Zeitung) aufgestiegen, sieht sich zu Unrecht in die Nähe der kalabrischen ’Ndrangheta gerückt. Auf der Lesung selbst bestritten verschiedene Personen zunächst einige Darstellungen in Reskis Buch mit dem pauschalen Hinweis, dass seien "alles Märchen", dann wurde wortreich ausgeführt, dass Geldwäsche in Deutschland eigentlich unmöglich sei. Anschließend wurde Reski von einem Italiener aus dem Publikum als "Mafiosa" beschimpft, ein anderer sagte: "Ich bewundere Ihren Mut, ich bewundere wirklich Ihren Mut." Üblicherweise ist das die klassische Mafiadrohung, genau diesen Mut in Zukunft besser nicht mehr zu zeigen.

Reski nennt diesen Vorfall eine "Zeitenwende": "Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Deutschland geschehen könnte." Drohungen bei öffentlichen Auftritten und weitreichende Klagen gehören zur Strategie der Mafia, ihre Geschäfte zu schützen. Dagobert Lindlau, der ehemalige Chefreporter des Bayerischen Rundfunks, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Auch bei meinen Lesungen haben Sprösslinge aus dem Milieu entsprechende Diskussionsbeiträge geliefert. Sie schüchtern gerne ein", sagt Lindlau, der unter anderem 1987 mit seinem Buch Der Mob vor der Organisierten Kriminalität in Deutschland warnte. "In Italien, vor allen Dingen auf Sizilien, wird sehr empfindlich reagiert, wenn Journalisten ein konkretes Geschäft mit ihren Berichten stören." Auf Sizilien seien deshalb bereits mehrere Reporter umgebracht worden.

Petra Reskis Analysen haben ihr zwei weitere Anträge auf einstweilige Verfügung eingebracht. Sie werden in dieser Woche verhandelt. Dabei geht es um die Beziehungen und Geschäfte des früheren Olympiasiegers im Gewichtheben, Rolf Milser, und des Italieners Antonio Pelle, die gemeinsam das Hotel Landhaus Milser in Duisburg betreiben. Gegenstand des Pelle-Verfahrens ist eine Passage, in der Reski schreibt, italienischen Ermittlern zufolge habe sich der international gesuchte Clanführer Antonio Romeo eine Zeit lang in dem Hotel versteckt gehalten. Und ein abtrünniger Mafioso gab an, dass der Lebensmittellieferant des Hotels, ein aktenkundiger ’Ndranghetista, angeblich 15 Millionen Mark für ein Hotel in Duisburg gezahlt habe – das Landhaus Milser. Pelle, der aus San Luca stammt, machte bei der mündlichen Verhandlung vor dem Landgericht Duisburg jedoch einen überraschenden Vorschlag: Gegen eine Zahlung von 10000 bis 15000 Euro dürfe das Buch unverändert im Umlauf bleiben. "Vermutlich geht es darum, hier schnelles Geld zu machen und weniger darum, Persönlichkeitsrechte zu wahren", erklärt Reskis Verlag Droemer Knaur.

Inzwischen versucht ein weiterer Italiener, Reski die richtige Sicht der Dinge nahezubringen. In der vergangenen Woche wurde der in Hamburg lebende Fotograf Francesco Sbano bei Reskis Verlag vorstellig und behauptete, die Darstellungen über San Luca – die neben eigenen Recherchen auf Ermittlungsakten und unwidersprochen gebliebenen Berichten italienischer Zeitungen beruhen – seien aus der Luft gegriffen. Sbano hat vor Jahren die CD-Trilogie La Musica della Mafia mit herausgebracht und der ehrenwerten Gesellschaft damit eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung als Folkloretruppe gegeben. Jetzt macht er sich zum Anwalt des angeblich verkannten Dorfes, bietet an, dem Verlag "die Augen zu öffnen" und fragt nach der Telefonnummer der Journalistin. "Ich finde diesen Anruf bemerkenswert", sagt Reski, "denn die Botschaft ist klar: Halt die Klappe."

Das Bundeskriminalamt wollte sich auf Anfrage nicht über Schutzmaßnahmen für die Autorin äußern. "Das machen wir in solchen Fällen grundsätzlich nicht – auch, um der Gegenseite keine Hinweise zu liefern", sagte ein Sprecher des BKA. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Polizei jetzt ernsthaft versucht, diskret zu ermitteln, inwieweit Reski gefährdet ist. Eine Lesung in Wien fand bereits unter Polizeischutz statt, und so will es die Autorin auch künftig halten. "Aber Angst vor der Mafia habe ich nicht." Wie sagte der Richter Giovanni Falcone? "Die Mafia wäre in vier Wochen erledigt, wenn wir uns entschließen könnten, vier Wochen lang keine Angst zu haben."

Mitarbeit: Christian Denso