Kongo In einem finsteren LandDer Kongo-Krieg
Vom Investmentbanker zum Kriegsberichterstatter: Seit zwölf Jahren dokumentiert der britische Fotograf Marcus Bleasdale die Gräuel im Kongo. Ein Gespräch
ZEITmagazin: Mr. Bleasdale, welche Eindrücke haben Sie aus dem Kongo mitgebracht?
Marcus Bleasdale: Was mir nicht aus dem Kopf geht, ist die Verzweiflung in den Flüchtlingscamps. Ich habe bei Goma eines dieser Camps besucht. 30.000 Menschen. Ich lief herum und machte Aufnahmen, als plötzlich Schüsse fielen, erst zwei Schüsse, dann fünf, es hörte nicht mehr auf. Die Leute warfen sich in den Dreck; sie irrten durch die Gegend, ziellos, auf der Suche nach irgendeinem Schutz, aber alles, was es gab, waren leichte Zelte. Es war das erste Mal, dass mich dieses Land, das ich seit zwölf Jahren bereise, überrascht hat. Es hat mich regelrecht geschockt. Die Front verläuft jetzt mitten durch die Flüchtlingscamps.
ZEITmagazin: Was dachten Sie in dem Augenblick?
Bleasdale: Ich hatte Angst, sonst nichts. Sie wissen nicht, woher die Kugeln kommen. Sie wissen nicht, ob es Rebellen sind, die schießen, oder Soldaten der Regierung. Als das Feuer intensiver wurde, bin auch ich gerannt, zwei-, dreihundert Meter, dann erreichte ich ein Haus aus Lehm. Die Familie, die dort wohnte, winkte mich hinein. Wir warteten, fast eine Stunde, dann war der Spuk vorbei.
ZEITmagazin: Haben Sie in dieser Zeit fotografiert?
Bleasdale: Ich hätte, wenn ich meine Kamera nicht unterwegs verloren hätte. Natürlich hätte ich auch aus der Hütte kriechen und sie holen können, aber das ist nicht meine Art. Ich bin keiner dieser »brave guys«, die alles riskieren für ein gutes Bild.
ZEITmagazin: Diese Situation, die Sie beschreiben, erscheint so unübersichtlich wie der ganze Krieg.
Bleasdale: Als wir in der Hütte kauerten, spürte ich die Angst der Leute, dass wieder ein betrunkener Soldat zur Tür hereinstürmt; dass er ihnen wieder ihre Mahlzeit stiehlt und dass er wieder ihre Töchter vergewaltigt. Es scheint so ausweglos: Diese Leute laufen eine Ewigkeit, um sich in einem Camp in Sicherheit zu bringen, aber die Front ist ihnen auf den Fersen.
ZEITmagazin: Ist unter Ihren Bildern eines, das dieses ganze Elend zusammenfasst?
Bleasdale: Am ehesten der kleine Junge, der plötzlich dastand und seine AK-47 geradewegs auf mein Gesicht hielt. Ich habe ihn gefragt, wie alt er sei, er sagte vierzehn, aber tatsächlich mag er vielleicht acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Ich glaube, diese Szene beschreibt die Grausamkeit des Konflikts. Dass Kinder dort hineingezogen werden.
ZEITmagazin: Es ist ein Bild, das wenig Hoffnung macht.
Bleasdale: Das Drama ist, dass diese Kinder irgendwann erwachsen sein werden und dann nichts anderes gelernt haben als Krieg.
ZEITmagazin: Scheint Ihnen der Kongo beispielhaft für andere Konflikte auf dem Kontinent?
Bleasdale: Nein, der Kongo ist speziell. Er ist gefährlicher. Verzweifelter. Konflikte dauern länger, ohne dass die Welt davon viel mitbekommt, obwohl es seit dem Zweiten Weltkrieg nirgendwo so viele Tote gab.
ZEITmagazin: Was ist der Grund dafür?
Bleasdale: Das Morden ist nur der eine Teil. Selbst einfachste Krankheiten bleiben häufig unbehandelt. Kinder sterben an Diarrhö und Malaria, weil das Geld der Eltern nicht für Medizin reicht. Ich habe ein Bild gemacht von einem Baby, das starb, weil seine Cholera nicht früh genug behandelt wurde. Es ist so sinnlos!
ZEITmagazin: Was tun die UN-Soldaten?
Bleasdale: Es sind ganz einfach nicht genug. In Kivu sollen 5000 Soldaten die Zivilbevölkerung vor 6000 Rebellen und 10.000 Regierungskräften schützen. Ich frage mich, wie soll das gehen in dem riesigen Gebiet? Das ist die eine Seite. Auf der anderen gab es kürzlich ein Massaker in der Stadt Kiwanja. Nkundas Leute haben 150 Zivilisten hingerichtet, und die UN-Soldaten standen in der Nähe und sahen zu.
ZEITmagazin: Was war da los?
Bleasdale: Es hieß, man habe es zu spät mitbekommen. Seltsam aber, dass die Journalisten von sechs Stunden Gewehrfeuer berichteten.
ZEITmagazin: Warum greifen die UN nicht ein?
Bleasdale: Die meisten Blauhelme im Kongo gehören unterfinanzierten militärischen Organisationen aus Asien und Afrika an. Diese Leute verdienen nicht viel mehr als 50 Dollar im Monat. Wen wundert ein gewisser Mangel an Moral und Engagement, eine gewisse Anfälligkeit für illegale Deals, etwa mit Waffen?
ZEITmagazin: Wird es angesichts all dessen schwieriger für Sie, sich im Kongo zu bewegen?
Bleasdale: Es ist einfacher geworden. Mir scheint, dass man uns Journalisten immer mehr als Teil des Krieges akzeptiert. Als ich in den neunziger Jahren zum ersten Mal mit der Kamera im Kongo war, steckte man mich für Wochen in den Knast. Ein Fotograf, der durch das Land reist – das verstand damals kein Mensch.
ZEITmagazin: Warum tun Sie sich den Kongo seit zwölf Jahren immer wieder an?
Bleasdale: Weil er mich wütend macht. Und weil ich will, dass Menschen meine Bilder sehen und genauso wütend werden.
ZEITmagazin: Sie könnten andere Kriege fotografieren.
Bleasdale: Ein Freund von mir sagt immer: Der Kongo ist einer dieser seltsamen Orte, den du nach deiner Ankunft gleich wieder verlassen willst. Wenn du ihn dann aber verlässt, sehnst du dich sofort wieder zurück. Das Land ist einnehmend und abstoßend zugleich. Es ist wie eine Droge.
ZEITmagazin: Was suchen Sie auf Ihren Reisen?
Bleasdale: Wahrheit. Wirklichkeit. Emotion. Ich fotografiere den Krieg in all seinen Facetten, und das heißt: Manchmal habe ich Angst. Manchmal empfinde ich Leid und Traurigkeit und manchmal große Freude, zum Beispiel wenn ich jemand wiedertreffe, den ich längst für tot gehalten habe. Es ist ein Leben am Rand.
ZEITmagazin: Es ist anders als früher, als Sie in London in einer Bank gearbeitet haben.
Bleasdale: Lange her. War ein anderes Leben.
ZEITmagazin: Was haben Sie gemacht?
Bleasdale: Ich war Investmentbanker und habe mit Derivaten gehandelt, sieben Jahre lang. Ich saß in einem Büro vor zehn Computern und sah mir den ganzen Tag lang Zahlen an. Ich wollte lieber reisen. Herausfinden, was mir wirklich wichtig ist.
ZEITmagazin: Sind Sie heute glücklicher?
Bleasdale: Absolut.
Das Gespräch führte Marian Blasberg
Marcus Bleasdale, 40, war sieben Jahre lang Investmentbanker, bevor er 1996 seinen Job in der Londoner City aufgab und Fotograf wurde. Er arbeitete in Bosnien und immer wieder im Kongo. Nach seinem FotobandHundred Years of Darkness von 2003 erscheint nächstes Jahr sein zweites Buch über das kriegszermürbte Land, Rape of a Nation.
Bleasdales aktuellste Fotografien aus dem Kongo sehen Sie im aktuellen ZEITmagazin, Nr. 49
- Datum 05.03.2009 - 13:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
- Kommentare 1
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An das Koltan kommt unsere Industrie auch so ran. Und so lange wir genügend neue Handy kaufen können, interessiert das ganze Morden, Verstümmeln und Vergewaltigen weder unsere Vorzeigechristen noch die im Irak so eifrigen Demokratieexporteure. Sind doch nur Neger.
Ja, wenn die im Kongo Öl hätten oder unsere Schiffe kapern würden oder ein oder zwei weiße Touristen kämen um ....
[Anm.: Bitte machen Sie Ironie kenntlich. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]
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