Lost inTranslation

Berichte aus dem Leben eines Übersetzers: wie ich mich einmal jeden Tag auf Roger Boylan freute

Vor vielen, vielen Jahren war’s, da bekam ich mit der Post die Kopie des 1. Kapitels eines Buches geschickt, welches den Titel Killoyle. An Irish Farce trug. Der Autor war Roger Boylan, von dem ich nie gehört hatte, was mich aber nicht beunruhigte, da ich von ganz anderen Autoren auch noch nie gehört habe. Der Originalverlag hieß bzw. heißt, jetzt ist aber Schluß mit dem affigen Imperfekt, The Dalkey Archive Press, und das ist gut, denn ein Roman des gottgleichen Flann O’Brien heißt The Dalkey Archive (den zu übersetzen ich das Vergnügen und die Ehre hatte). Firmensitz ist Normal, Illinois, und der einzige deutsche Autor auf der Backlist, aber das sollte ich erst später erfahren, ist Arno Schmidt. Dies 1. Kapitel sog mich sofort in sich auf. Es war mit 27 – sowieso meine Lieblingszahl – Anmerkungen durchsetzt, eine ausschweifender als die andere, und ich hörte bereits unsere Klein- und Akzidenzrezensenten ächzen, die Anmerkungen schmälerten das Lesevergnügen empfindlich. Dem wunderprächtigen 1. Kapitel lag ein zierliches Briefchen bei, in dem »Ihre P. K. aus U.« mich aufforderte, das Buch zu übersetzen, da ihr eigenes Englisch für eine befriedigende Lektüre nicht ausreiche. Auf dem Poststempel stand nicht »Briefzentrum«, sondern »Ulm«, die Sache war also klar: Pauline Knarzhuber saß in Ulm herum und erwartete, daß ich handelte.

Ich hätte gern gehandelt, aber ich kenne leider keine Verlage. Kennen Sie Verlage bzw. haben Sie schon mal versucht, ein Buch bei einem Verlag unterzubringen? Für so was sind Sie bei einem Verlag an der ganz falschen Adresse. Verlage machen nur Bücher, auf die sie selbst gekommen sind, durch einsame kollektive Entscheidungen, und es sind auch keine Bücher, sondern Projekte, und wenn man von einem Projekt nicht auf Anhieb so begeistert ist wie der Verlag nach anderthalb Jahren intensiven Projekteschmiedens, gilt man als schwierig. Das Einzige, was hilft, ist intrinsische Motivation, d. h. man muß den Verlag glauben machen, er sei von alleine drauf gekommen, aber das klappt nur bei Verlagen im Vorschulalter. Also in die Ablage mit dem 1. Kapitel, unter B, also weg mit dem zierlichen Briefchen von meiner P. K. aus U.

Und da rief Antje Landshoff-Ellermann-Coninx an (die einst, als sie sich meiner Mutter vorstellte, von dieser zwischen Ellermann und Coninx mit den Worten »Och, hören Sie doch auf damit!« abgewürgt worden war, und das an der besten Stelle). Antje Landshoff-Ellermann-Coninx leitete damals den Verlag Rogner & Bernhard und fragte: »Hast du schon mal was von dem irischen Autor Roger Boylan gehört?«

»Freilich«, versetzte ich knapp und hatte den Job. Endlich konnte ich erfahren, wie es weiterging. Denn Übersetzen verhält sich zu Lesen wie Golf zu Flanieren: Es dauert länger, und man schleppt unnützes Gerät mit sich herum. Quatsch. Typischer Vergleich. Beim Golf ist man auf das langweiligste Gelände beschränkt, welches die Golfklubgründer in der gesamten Region finden konnten, während sich einem beim Lesen und Übersetzen die ganze Welt samt Umgebung auftut, Mann, ist das mühsam.

Killoyle von Roger Boylan zu übersetzen war wie frisch verknallt. »Heute wird ein schöner Tag«, dachte man beim Aufwachen. Und was man nicht weiß, schlägt man nach, und was man nicht findet, fragt man, und was man dann noch immer nicht erfährt, fragt man den Autor, sofern er noch lebt, und mein Autor lebte, dick und rund, in San Marcos, Texas, und beantwortete mit anheimelnder Bosheit meine Fragen, nachdem ich Killoyle gelutscht hatte. Einmal, als er das Wort »Tschechoslowakei« verwendet hatte, schrieb ich ihm: »Die beiden Länder sind inzwischen auseinander« und setzte hämisch, um ihm zu signalisieren, wie hoffnungslos er den Belangen der Alten Welt entglitten war, das Kosekürzel »Tex« hinzu. »Bis das Buch erscheint, sind sie Deo volente wieder zusammen, Dutch«, schrieb er und erwies sich damit als medial begabt, war meine Großmutter väterlicherseits doch eine geborene van Huntelen.

Und dann schickte uns Antje Sie-wissen-schon zusammen auf Lesereise, Hamburg – Köln – Frankfurt am Main – München. In Hamburg sagten die Leute zu mir: »Könnten Sie es bitte unterlassen, Ihre Übersetzungen zu lesen; wir hatten hier britische Besatzung und verstehen recht gut Englisch«, in Köln sagten die Leute zu mir: »Könnten Sie bitte Mr. Boylan sagen, er soll nicht auf Englisch lesen: Wir hatten hier französische Besatzung und verstehen nicht so gut Englisch.« Eher hätte ich mir die Zunge abgebissen, als den Kölnern zu sagen, daß sie – zumindest nach dem 2. Weltkrieg – auch britisch besetzt waren. Das geht in diese 4711-Köppe sowieso nicht rein. In Frankfurt sagten die Leute zu mir: »Could you please stop reading in German? We don’t understand a single f***ing word of what you’re saying«, und zwischen Frankfurt und München kuckten wir uns auf dem Bahnhof von Ulm die Augen nach P. K. aus dem Kopf, sie war aber nirgends zu sehen. » Maybe she’s too piquée «, sagte ich, was sich genauso anhört wie »P. K.«, englisch ausgesprochen, und ein geradezu beängstigend brillantes Wortspiel ist. In München stieß unsere charmante Verlegerin Antje Landshoff-Ellermann-Coninx-Vollbedienung zu uns und lobte uns, weil wir nach drei mörderischen Etappen immer noch so frisch wirkten. Dabei hatte ich Tex in Köln kurz eingebüßt. »Der Mr. Boylan hat bereits ausgecheckt«, hatte die plietsche Rezeptionistin im Hotel Chelsea gesagt und plietsch hinzugefügt: »Der hatte so was Meditatives. Ich glaube, der ist noch was in den Dom.« Ich betrat den Dom, der praktischerweise genau vor den Hauptbahnhof gebaut worden war (sah mit geübtem Vortragskünstlerblick, daß vorne links am Devotionalienstand gut sichtbar die CD Harry Rowohlt liest die schweinischsten Stellen aus dem Alten Testament auslag) und fand ihn, Tex, vor dem Altar, Manier »Anbetung der Hirten«, die Lippen bewegend wie beim Kleingedruckten. »Dutch, du hast recht«, sagte er, aus der Verzückung erwachend, »Der Himmel über Berlin ist unrealistisch.« Ich hatte nämlich gesagt, ich fände den Himmel über Berlin unrealistisch, weil, als der Innere Monolog (Drehbuch: Peter Handke) von U-Bahnreisenden hörbar gemacht werde, kein einziger ans F***en dächte. Wozu solche Sakralbauten und die innere Einkehr, die man in ihnen erfährt, doch nutze sein können.

Vor dem Hauptbahnhof treffen wir Hans-Christian Oeser, ich stelle ihn vor: »Das ist Hans-Christian Oeser, der führende deutsche Übersetzer irischer Gegenwartsliteratur«, und in Tex’ Augen steht die unausgesprochene Frage: »Und warum übersetzt mich dann ein 4b-Übersetzer wie du?!« Aus Lust, Tex, aus Lust.

Bald stellt sich heraus, daß Killoyle der 1. Band einer Trilogie ist, und ich mache mir Sorgen. Man weiß ja, wie das mit zweiten Werken ist. Aber das Wunder geschieht, und der 2. Band, Rückkehr nach Killoyle, ist besser als Killoyle, und dann ist Killoyle Wein & Käse besser als Rückkehr nach Killoyle, und dann ist nach Killoyle Wein & Käse leider Schluß, weil manche Autoren glauben, drei Bände pro Trilogie seien genug. Immerhin habe ich Killoyle gefeiert, indem ich rasch vorher noch ein unschädliches kleines Kinderbuch übersetzt habe, so daß Killoyle mein 100. Buch wurde.

Die ganze Trilogie (Verlag Kein & Aber, 1360 S., 59,90 €) steht 1, 2, 3 im Schuber, strahlend grün auf einem Zimmerlindenpiedestal und lacht mich an. Wenn gar nichts im Fernsehen ist, lese ich darin, ja, so Sachen kommen auch vor.

 
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