Von einem Streit um Wahrheit und Gerechtigkeit ist zu berichten, in dem es bei genauerer Betrachtung dann doch um Geld geht. Es geht um eine vierstöckige weiße Gründerzeitvilla, errichtet in bester Lage im Hamburger Universitätsviertel. Ein Schmuckstück mit Geschichte, die den Eigentümer nicht schmückt. Das Gebäude gehört dem knapp 10000 Mitglieder zählenden Hamburger Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Seit nunmehr zwei Jahren streitet die GEW darüber, ob sie das Haus nicht für einen guten Zweck stiften sollte; seit Montag dieser Woche droht ihr eine Austrittswelle. Denn Ro19, wie die Villa intern genannt wird, gehörte bis 1935 jüdischen Eigentümern. Seit bekannt ist, wie die GEW zu ihrer Villa kam, muss die Gewerkschaft mit dem Vorwurf leben, bis heute von der Arisierungspolitik der Nazis zu profitieren und, schlimmer noch, daran auch nichts ändern zu wollen.

Seit Anfang der Woche ist klar, dass der Streit weitergehen wird. Denn bei der Landesvertreterversammlung der GEW ist die Fraktion, die das Haus zwecks Gründung eines jüdischen Museums möglichst rasch veräußern will, mit ihrem Anliegen gescheitert. Er könne das Ergebnis der Abstimmung "noch immer nicht glauben", sagt der Geschichtslehrer Bernhard Nette. 47 Stimmen bekam der Antrag, der sich dagegen aussprach, den Erwerb des Hauses im Rückblick zu verurteilen. Bei 35 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen. Zwar könne "nicht gesichert bewiesen werden", meinte die Mehrheit der Gewerkschafter, dass die jüdischen Vorbesitzer sich wirklich freiwillig von ihrem Haus getrennt hätten. Auch gebe es "Zweifel an der Angemessenheit des Kaufpreises" – aber eben keine Beweise. Dass sich dafür nun Zweifel am aufrechten Antifaschismus der GEW begründen ließen, damit kann die Mehrheit der Versammlung offenbar leben.

Bernhard Nette gehört zu denen, die die GEW nun verlassen wollen. Er war Ende 1999 als ihr Kassenwart durch Zufall auf die ominösen Umstände aufmerksam geworden, unter denen die Lehrergewerkschaft in den Besitz der Villa gekommen war – und das gleich zweimal: im April 1935, als die jüdischen Besitzer das Haus zum auffallend niedrigen Preis von 40000 Reichsmark an den bereits im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) gleichgeschalteten GEW-Vorläufer verkauft hatten. Und nach dem Krieg, als es der Lehrergewerkschaft nach Nettes Schilderung "sehr trickreich und unter Mithilfe ehemaliger NS-Funktionäre" gelang, ihr Verhältnis zum NSLB so darzustellen, dass sie einerseits als rechtmäßige Käuferin die Immobilie beanspruchen konnte, diesen Anspruch aber andererseits nicht durch zu viel Nähe zu den Nazis gefährdete.

Nette machte zusammen mit der Historikerin Sielke Salomon aus dem stillen Devisenbringer Rothenbaumchaussee 19 ein Politikum. Seine Arbeit trug der GEW viel Anerkennung für den offenen Umgang mit ihrer Geschichte ein – bis die Entscheidung über Konsequenzen anstand.

Eines der heikelsten Dokumente – ein Gutachten von 1945, das auf einen weit höheren Wert von Ro19 schließen lässt, als die GEW 1950 gegenüber den Besatzern angab – stöberte Nette im Keller eines Gewerkschaftshauses auf und nicht etwa im Staatsarchiv, wo es hätte eingelagert sein sollen. Ende 2005 ging die GEW damit an die Öffentlichkeit und richtete eine Arbeitsgruppe ein.

Im August 2006 schlug die Arbeitsgruppe vor, das Haus in ein jüdisches Museum umzuwandeln. Nun meldeten sich Zweifler zu Wort. Warum hatten die jüdischen Vorbesitzer nie einen Restitutionsantrag gestellt? Einen Versuch wäre es doch wert gewesen! War der Kaufpreis vielleicht gar nicht so unangemessen? Immerhin war der Immobilienmarkt 1935 noch durch die Weltwirtschaftskrise ramponiert. Kurz vor der ersten Abstimmung über Ro19 im April 2007 erschien in der Mitgliederzeitung ein Artikel von Nettes GEW-Kollegen Jörg Berlin, der ebenfalls in der Forschungsgruppe mitgearbeitet hatte. Unter dem Titel Das stimmt nicht! stellte er Nettes Ergebnisse infrage. Es sei nicht beweisbar, dass der Verkauf von Ro19 dem Verfolgungsdruck der Nazis geschuldet war. Berlin plädierte deshalb dafür, "den ›Besitztransfer‹ von Ro19 nicht plakativ in das Begriffsfeld der ›Arisierung‹ einzuordnen".

Die LVV entschied damals mit 57 zu 50 Stimmen gegen den Verkauf. Es bestünden "erhebliche Meinungsverschiedenheiten" über die Umstände des Ankaufes, heißt es in der Begründung. Immerhin, jährlich 10000 Euro, knapp sieben Prozent der Mieteinnahmen, stiftet die GEW einem Fonds gegen Rassismus.