Die Botanik kennt den Begriff "Panikblüte". Ist eine Pflanze am Absterben, treibt sie ein Übermaß an Blüten aus. Am Rand des Untergangs wirft das Individuum alle Energie in die Erhaltung der Gattung. Die Unzahl von Wiederveröffentlichungen, mit denen die Jazz-Branche den Markt überschwemmt, könnten wir als eine Art Panikblüte sehen: legale, halblegale, illegale Labels präsentieren Ausgrabungen, Gesamtausgaben, Neuverpackungen jazzhistorischer Monumente. Zwingt die generelle Ratlosigkeit zum Blick zurück? Die Hinterlassenschaft von Chet Baker ist dabei ein besonders ergiebiges Grabungsfeld.

Er war einer der charismatischen Untergeher des Jazz, ein beautiful loser und besonders offensichtliches Exempel einer "tragischen Musikgeschichte", in der das Genie am Preis gemessen wird, den der damit Geschlagene für seine Kunst bezahlt. Als Baker vor 20 Jahren starb, war dies das Ende eines chaotisch nomadischen Lebens, in dem es viele Tode gab und manche Auferstehung. Hinter der dunklen Aura war der Musiker kaum mehr wahrzunehmen. Dabei war er ein großer Trompeter, Flügelhornist und, mit seiner fahlen, kunstlosen Stimme, ein bewegender (Anti-)Sänger. Eine fast unangenehm intime Musik, scheinbar nicht zu trennen vom Leben dahinter. Die Faszination, welche die lebenslange Drogenpassion des Chet Baker auf dessen Gemeinde ausübte, hatte auch mit Voyeurismus zu tun.

Das von den sechziger Jahren an schwer zu überblickende, qualitativ inkonstante Gesamtwerk dieses – abgesehen von seiner Musik! – so heimatlosen Künstlers erscheint uns heute auch als eine Art Panikblüte. Ist es der Anlass seines 20. Todestags, der die Lawine auslöste? Allein 2008 sind, abgesehen von der CD Chet in Chicago, erschienen: erstens Neuausgaben seines Frühwerks, der Platten etwa mit seinem Seelenbruder, dem Altsaxofonisten Art Pepper von 1956/57. Zweitens, aus der gleichen Periode, Aufnahmen aus Paris, anfangs mit dem genialen und gefährdeten Dick Twarzik am Piano. Drittens eine sehr schöne Studioproduktion, zu der sich Baker 1980 in Rom mit einem Quartett des Pianisten Enrico Pieranunzi traf: In blendender Verfassung interpretiert er über Eigenkompositionen des Italieners. Außerdem eine erstaunliche Studioaufnahme mit dem Gitarristen Philipp Catherine und dem E-Bassisten Jean-Louis Rassinfosse, durchsichtige, scheinbar stolpernd vorgebrachte, in Wahrheit formvollendete Nachdenklichkeiten hauptsächlich über Balladen.

Überlebt hat Chet Baker aber nicht nur mit seinen eigenen Aufnahmen, sondern im Spiel und Tonfall einer Vielzahl von Nachfolgern, die gegenwärtig die Bühnen dominieren. Die besten unter ihnen kopieren nicht (in einer Art falsch verstandenem Nazarenertum) seinen Ecce-Homo-Habitus, sie orientieren sich freier an Chets gleichzeitig warmer und cooler, immer melodischer Phrasierung und Intonation. Am Sound der Intimität.

Drei davon sind Deutsche. Der Hamburger Nils Wülker hat eine eigene Art von Jazz-Pop im Songformat entwickelt, für Chet-Veteranen der strengen Observanz gewöhnungsbedürftig, aber auf seine Weise als ein großer Melodiker, bei dessen temperierten Weichzeichnungen die Grenze zwischen Erotik und Softporno zuweilen etwas verschwimmt. Till Brönner ist der unangefochtene Star der Szene. Er setzt den Baker-Sound mit Brillanz ins Breitleinwandformat um, Intimität in Großaufnahme, perfekt bis an die Grenze zum Manieristischen (und zuweilen etwas über diese hinaus). Der glamouröseste unter den deutschen Trompetern hat sich jetzt in jenen warmen brasilianischen Exotismus vorgewagt, für den auch der Melomane Baker eine große Vorliebe hatte: den Bossa Nova. Rio ist eine sehr schöne Liebeserklärung an die eleganteste, längst zeitlos gewordene Populärmusik des letzten Jahrhunderts. Viel Prominenz (Annie Lennox, Milton Nascimento, Luciana Souza, Kurt Elling, Sergio Mendez und andere) und im Zentrum Brönner, der den Ton vorgibt. Die erstaunlichste Chet-Baker-Hommage ist jedoch inzwischen gut zwei Jahre alt und kommt von einem Trompeter, der seinerseits Till Brönner zu seinen Vorbildern zählt. Julian Wasserfuhr war, als er 2006 mit seinem Bruder Roman am Piano Remember Chet veröffentlichte, ganze 17 Jahre alt. Mit entsprechender Unbekümmertheit befasst er sich mit Bakers Musik und vermeidet alle peinlichen Rückgriffe auf den Mythos: Nicht Überbau, nicht Underground, die Musik selbst ist das Zentrum. Verblüffend ungewöhnlich, wie selbstverständlich der Youngster in den Standards wie in den Eigenkompositionen den Zugang zu den inneren Heiligtümern von Bakers Intimkunst findet; mit welcher Klarheit, Folgerichtigkeit, Geduld und Gelassenheit ihm ohne Koketterie das Einfache gelingt, ohne dass er sich dabei je dem Verdacht von Altklugheit aussetzte. Chet lives. Jazz lives.

Julian & Roman Wasserfuhr Quartet: Remember Chet (ACT 9654)

Nils Wülker: Turning The Page (Ear Treat 0189328 ETM)