Country Alles bleibt in der Familie

Der Jazzbassist Charlie Haden kehrt mit einem hinreißenden Album zu seinen Country-Wurzeln zurück

Country? Das war nun wirklich das Allerletzte, was auf den Plattenteller kam. Lief Country im Radio, wechselte man sofort den Sender. Nur nachts in Autobahnraststätten gab’s kein Entrinnen vor den treuherzig-raubeinigen Heile-Welt-Hymnen für Fernfahrer mit der Sehnsucht nach dem Reihenhaus. Country war Schmerbauchmusik, sie gehörte zu Typen, die im Schutz der Dunkelheit auf Peter Fonda und Dennis Hopper schossen. Erst Sänger wie k. d. lang, Dwight Yoakam und in seinen letzten Lebensjahren Johnny Cash lösten diese Musik von der Speckschwarte und von Assoziationen an den Ku Klux Klan. Plötzlich schien diese Musik nicht mehr nur ein Zuhause für ewig gestrige Rednecks zu bieten, sondern auch eins für die Underdogs von heute. Zögernd und ungern begriffen wir, dass der ehrliche, gute, schöne Country wohl immer vor allem eines war: der Blues des weißen Mannes.

Rambling Boy, das neue Album des Jazzbassisten Charlie Haden, ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Versöhnung mit einem allzu lang verachteten Genre. Vielleicht wird man mit den Jahren auch anfälliger für die Schönheiten schnörkelloser und doch kunstvoller Sehnsuchts- und Entbehrungsmusik. Und wird solche Musik dann von einem Familienverband produziert, zumal in der dritten Generation, dann kommt die sanfte Wucht des Systemischen ins Spiel. Auf Rambling Boy präsentiert Charlie Haden, 71, die Stimmen seiner Drillinge Rachel, Petra und Tanya, seines Sohns Josh Haden, seines Schwiegersohns Jack Black sowie seiner Ehefrau Ruth Cameron. Um die Haden Family schart sich ein Kreis von Musikern aus Nashville, die hingebungsvoll auf Dobro, Fiddle, Banjo, Mandoline, Mundharmonika, Gitarren und Klavier spielen. Elvis Costello, Dan Tyminski, Ricky Skaggs und Rosanne Cash treten als Gäste auf, und als Hadens Stecken und Stab wirken Bruce Hornsby und Pat Metheny.

Mit seinem Freund und Trauzeugen Pat Metheny schwelgte Charlie Haden schon vor elf Jahren ein ganzes Album lang in der musikalischen Sphäre, die die Welt ihrer (18 Jahre auseinander liegenden) Kindertage umgab: Die Platte Beyond The Missouri Sky war der Beweis, dass auch in der melodienseligen Brust des großen Jazzmusikers Charlie Haden ein von den meist eher gemächlichen Rhythmen des Country angetriebenes Herz pocht. Hadens Outing als subtiles Landei wurde damals mit einem Grammy belohnt. Doch während Beyond The Missouri Sky noch von den Träumen eines Lebens jenseits der Himmel von Missouri erzählte – wenn auch in der Muttersprache des Mittleren Westens –, markiert Rambling Boy nun die späte, still triumphale Heimkehr des vor einem halben Jahrhunderts an den Jazz verloren geglaubten Sohns.

Als »Little Yodeling Cowboy« hatte Charlie Haden 1939 mit allerliebst schief zusammengejodelten Gesängen erstmals die Hörer des Senders KMA in Shenandoah am Südwestrand von Iowa entzückt. Dort traten seine Eltern und Geschwister Morgen für Morgen als Haden Family Radio Show live auf. Charlie Haden sang von Kleinkindesbeinen an mit, bis Polio die linke Gesichtshälfte des 15-Jährigen lähmte. Ein Jahr lang konnte er weder sprechen noch singen, und als er wieder genesen war, holte der Bebop-Teufel Charlie Parker die Seele des kleinen Cowboys. Die Mutter brachte ihren vom Jazz infizierten Jungen und seinen Kontrabass zur Haltestelle des Greyhound-Busses in Richtung Los Angeles, der Vater blieb unfroh zu Hause – auch so eine Countrysong-Geschichte. In Los Angeles begegnete Haden dem Saxofonisten Ornette Coleman, und selbst in die folgenden Purgatorien des Free Jazz schmuggelte Haden noch dann und wann ein paar Erinnerungsklänge aus der Heimat.

Den berührendsten Moment seines an berührenden Momenten reichen neuen Albums spart sich Charlie Haden bis zum allerletzten Song auf. Zu Pat Methenys Gitarrenklängen singt eine sanfte, beinahe zittrige, helle Großvaterstimme die ersten Töne des Lieds Oh Shenandoah. Die Stimme gewinnt rasch an Festigkeit, doch klingt der fahle Sänger scheu wie ein Kind. Kein Wunder: Seit der Kinderlähmung überließ Haden das Singen lieber seinem Kontrabass. Egal – die drei Töchter haben uns da mit schön gesetztem Harmoniegesang und je einem klug gewählten Sololied schon längst erobert, und Josh Haden entblößt in Spiritual seine Seele fast so schonungslos wie einst Jeff Buckley. Abseits jeder solistischen Beweisnot liefert Papa Haden seine gewohnt fundamentalen Basstöne. Bruce Hornsby aber ist der Joker des Albums. 20/20 Vision singt er zum Steinerweichen, und sein Klavierspiel bringt zumindest Spurenelemente jenes Jazz zurück, den Charlie Haden sich hier ganz versagt. In dem von Tanya Haden hinreißend traurig gesungenen Lied He’s Gone Away spielt Hornsby ein Solo, das an Keith Jarretts The Melody At Night, With You erinnert. Selten entsteht Schönheit und Tiefe aus so wenig Tönen und so nebenbei.

Charlie Haden Family & Friends: Rambling Boy, emarcy/Universal

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
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    • Schlagworte Tonträger | Country | Jazz | Musiker | Musikgruppe
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