DIE ZEIT: »Ich spreche von meinem indianischen Schweigen«, orakeln Sie in einem Ihrer neuen Lieder, »in einem Dialekt weit entfernter Spiegel.« Können Sie sich erklären, warum weltweit so viele Menschen in Ihre Konzerte strömen, ohne eine Silbe Ihres Gesangs zu verstehen?

Paolo Conte: Ich bin gerade in Chicago vor einem überwiegend schwarzen Publikum aufgetreten, Menschen also, die weder meine Sprache noch Kultur teilen. Ihre Begeisterung kann ich mir selber kaum erklären. Aber Musik hat diesen abstrakten Charakter, dass man oft genau jene Dinge erspürt, von denen im Text die Rede ist.

ZEIT: Ist es vielleicht der Stil, der verbindet? Auch Ihr Ensemble tritt stets im Frack auf…

Conte: Tatsächlich habe ich immer den Stil des schwarzen Jazz bewundert. Da würde niemand in Jeans und T-Shirt auf die Bühne gehen. Als ich in meiner Kindheit zum ersten Mal Jazz hörte, berührte mich das mehr als alles, was ich kannte. Billie Holiday, Duke Ellington, Fletcher Henderson. Ich spürte da so viel Würde. Daran glaube ich bis heute: Musik muss auch inszeniert werden. Als hohes Amt der Eleganz und Fröhlichkeit…

ZEIT: Fröhlichkeit? Man hört einen guten Schuss Bitterkeit in Ihren Songs.

Conte: Die Afroamerikaner mögen zwar jede Menge Gründe zur Trauer gehabt haben, aber klingt ihre Musik deswegen traurig? »Wir lachen, um nicht zu weinen«, hat Sam Cooke mal gesagt. Als Künstler lernst du zu lügen: Weil dein Publikum die künstlerisch verpackten Lügen mehr liebt als die nackte Realität. Du darfst dich nicht zu ernst nehmen, musst auf dem Kazoo dazwischentröten, wenn die Streicher ins allzu Feierliche abgleiten. Aber tief darunter muss doch eine Wahrheit stecken. Das habe ich am Blues immer geschätzt.

ZEIT: Allerdings kommen Sie im Gegensatz zu den meisten schwarzen Bluessängern aus einer wohlhabenden Anwaltsfamilie…

Conte: Der Blues hat für mich nichts mit Armut zu tun. Er hat mich gesucht, und ich habe ihn angenommen. Vielleicht ist da eine kollektive Traurigkeit meiner Generation, der durch den Krieg so viel Lebensfreude genommen wurde. Als ich klein war, hatte Mussolini den Jazz verbieten lassen. Doch meine Eltern scherten sich nicht drum, hörten im Wohnzimmer heimlich importierte Platten. Mein Vater, ein Freizeitpianist, spielte manche der Songs sogar auf dem Klavier – und ich saugte ihre elektrisierende Sinnlichkeit in mich auf. Später versuchte ich, es ihm gleichzutun.

ZEIT: Auch als Anwalt, denn Sie studierten trotz Ihrer Liebe zur Musik Jura und übernahmen die Kanzlei Ihres Vaters.