Musikalische Gedenkjahre sind Wunderkerzen des Betriebs. Meist herrscht große Aufregung, veranstaltet wird viel, aber mit dem Fortschreiten des Kalenders ist alles abgefackelt und vorbei: Folgenlos die Anstrengungen, die Einsichten, die Leistungen. Doch ausgerechnet das Jahr 2006 scheint andere Kräfte freigesetzt zu haben – nicht als Mozart-Jahr, sondern als Jahr des 250. Geburtstages von Joseph Martin Kraus. Die Zahl der CDs mit Werken des 1792 in Stockholm verstorbenen Hofkapellmeisters des Schwedenkönigs Gustav III. wächst mit jedem Jahr. Das Schwedische Kammerorchester unter Petter Sundkvist hat seine Gesamtaufnahme aller bislang bekannten Sinfonien von Kraus abgeschlossen und im vergangenen Jahr mit Schauspiel- und Ballettmusiken fortgesetzt. Das Klavierwerk liegt mittlerweile in drei Versionen vor, sogar die klavierbegleitete Kammermusik gibt es in zwei Ausgaben. Besonders aufwendig und geglückt sind die in diesem Jahr erschienenen Produktionen von Kraus’ Schauspielmusik zu Molières Amphytrion und die Kantaten für Solosopran.

Der CD-Markt lebt von allerlei belanglosen Ausgrabungen und Wiederentdeckungen. Im Fall von Kraus ist dabei aber ein Œuvre zutage getreten, das die musikalische Landschaft des späten 18. Jahrhunderts um einen markanten Höhenzug bereichert. Kraus hatte das Glück, auf dem liberalen Jesuitengymnasium in Mannheim eine Bildung in Kunst, Philosophie und Sprachen zu erhalten, von der Haydn und Mozart nur hätten träumen können. Sie befähigte ihn später, an den geistigen Debatten seiner Zeit auch publizistisch teilzunehmen, was man sonst von keinem Komponisten vergleichbaren Ranges in dieser Epoche sagen kann. In dieser Doppelbegabung weist er auf E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann voraus.

Ab 1773 studierte Kraus Jura in Erfurt und wurde dort vom Organisten Johann Christian Kittel, einem der letzten Schüler Johann Sebastian Bachs, in Komposition unterrichtet. Die Spannung zwischen katholischer Herkunft und evangelischem Umfeld hielt bei Kraus ein Leben lang, zum Schluss am lutherischen Hof in Schweden, und hat zu der Originalität seines Oratoriums Der Tod Jesu beigetragen. Denn dieses Stück vereinigt katholische und protestantische Gattungstraditionen der Passion zu einer quasi ökumenischen Karfreitagsmusik. Zudem feite Kraus die Schulung in der Bach-Tradition vor der Verachtung kontrapunktischer Kunst, in der sich die aufgeklärte Ästhetik mit ihrem Diktat von Einfachheit und Natürlichkeit so gefiel.

Kraus, der später den Kontakt zu den Dichtern des Göttinger Hainbunds suchte und Texte von Matthias Claudius vertonte, empfand die Simplizität des Rationalismus als geistig verzwergt. Kompositorisch wie essayistisch entwickelte er sich zu einem Kritiker der Aufklärung und ihrer simplen Entgegensetzung von Religion und Vernunft oder der kurzsichtigen Identifikation von Vernunft und Natur. Kraus, von Haydn als "eines der größten Genies, die ich je gekannt habe" bezeichnet, teilt mit diesem die Begabung für den Witz und mit Mozart das Gespür für seelische Abgründe, wenngleich er – als Bewunderer Glucks – weniger ins Intime als ins Große und Erhabene zielt.

In der Kammer- und Klaviermusik jedoch haben seine Formen häufig den Charakter zufälliger Fragmentfolgen, die an ihren Bruchstellen – schon fast romantisch – aufs Unendliche weisen. Auch darin zeigt sich der Kritiker am geschlossenen System des Rationalismus. Kraus’ Formenwelt ist offen fürs Unvorhersehbare. Wenn man so will, zeigt sich darin eine Welt, die dem Eingriff Gottes jederzeit offen steht, eine Welt als Schöpfung, nicht als gesetzmäßiger Kosmos. Und dieser Eingriff kann von tragischer Unbegreiflichkeit gezeichnet sein.

Die Ouvertüre zu Voltaires Tragödie Olympie ist so ein düster-zerklüftetes Stück. Stilgeschichtlich steht es zwischen Mozarts Don Giovanni und Beethovens Coriolan-Ouvertüre. Deutlich erkennbar ist die Absicht, die Sonatenform in einen dramatischen Prozess zu überführen, der von der Dynamik der klassischen Tragödie inspiriert ist. Die Aufnahme mit dem ensemble l’arte del mondo lässt an Schärfe nichts zu wünschen übrig.

Dass es uns heute an stilistischer Differenzierung des Hörens fehlt, merkt man bei dieser CD besonders an der Kantate La Primavera. Gerhart Darmstadt, Präsident der Internationalen Kraus-Gesellschaft und als Cellist Mitwirkender bei dieser Aufnahme, schreibt im Beiheft der CD, dass es sich hier um eine Verballhornung des italienischen Gesangsstils handle, was er mit vielen analytischen Details begründet. Hört man aber der Sopranistin Simone Kermes zu, geht man vor dem Charme dieser Musik in die Knie. Allein schon der anfängliche Ausruf "Oh Dio, Fileno, oh Dio!" jagt einem Wonneschauer über Brust und Rücken. Mit fast schon veristischen Mitteln des Hauchens und Bebens belebt Kermes Text und Musik und lässt gar keine ironische Distanz erkennen.