Jubiläum Musik in milchweiß gesprenkeltem Orange
Der Komponist Olivier Messiaen war Mystiker, Außenseiter und Weltversöhner. Am 10. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal
Wer die großen CD-Boxen mit den gesammelten Kompositionen von Olivier Messiaen zur Hand nimmt und sich an langen Herbstabenden Stück für Stück durch das Gesamtwerk des französischen Komponisten hört, macht eine eigentümliche Erfahrung. Messiaen, dessen Geburtstag sich am 10. Dezember zum 100. Mal jährt, hat ekstatische Orchestermusik geschrieben, visionär farbschillernde Orgel- und Klavierwerke, rauschhafte Oratorien. Er war ein strenggläubiger Katholik, und es gibt nur wenige Werke in seinem Œuvre, die kein religiöses Thema behandeln. Was hat der Franzose in seiner Musik nicht alles zur Darstellung gebracht: die Farben des himmlischen Jerusalem und die Streiflichter des ewigen Lebens. Er hat über das Mysterium der Heiligen Dreifaltigkeit meditiert und imaginäre Blicke auf das Jesuskind geworfen, er hat die Natur als Gottes vollkommene Schöpfung geschaut und eine Oper über den heiligen Franziskus geschrieben. Aber seltsam: Je näher man all den Werken tritt und je höher sich die himmlischen Herrlichkeiten vor einem türmen, umso unnahbarer erscheinen sie. Messiaen dient dem Hörer Gottes Pracht nicht an. Er predigt nicht für die Gemeinde, sondern lebt ganz nach innen gekehrt in seinen Visionen. Man zweifelt mitunter sogar, ob seine Musik überhaupt einen Adressaten hat, so abgekapselt wirkt sie, so versunken in sich selbst. Wie in einer Schüttelkugel, hinter Glas und in Flüssigkeit geborgen, kommen einem die pfingstlichen Erscheinungen vor, die Messiaen in Töne gesetzt hat. Manchmal fallen sie auch so kitschig wie das Schneegestöber im Glas aus, dann stieben die Farbklangkristalle knallbunt durcheinander. Man kann als Hörer mit dem Fingerknöchel ans Glas der wundersamen Messiaenschen Schüttelkugeln klopfen, Einlass gewähren sie nicht.
Die ganze Welt hat er bereist, um den Gesang der Vögel aufzuzeichnen
Die beredtsten Auskunftgeber in der Musik scheinen die Vögel zu sein. Um die ganze Welt ist Messiaen gereist, um ihren Gesang aufzuzeichnen und in Noten und Musik zu verwandeln. Den größten Teil seines Schaffens durchschwärmen sie mit gezackter Melodik und vertrackten Rhythmen. Manche Kompositionen speisen sich ausschließlich aus ihrem Ruf. Aber was tönt da eigentlich, wenn der Pirol anschlägt, die Alpendohle schreit, der Mittelmeersteinschmätzer tiriliert? Ist es zwitschernder Surrealismus? Ist es die der Natur abgelauschte Stimme Gottes? Oder bleibt das Vogelgeschrei am Ende doch immer nur Vogelgeschrei? Der Messiaen-Schüler Pierre Boulez hat erst kürzlich wieder in einem Interview bei dem Thema verächtlich abgewinkt: Vögel imitieren? Da ziehe er nicht mit, das sei etwas fürs breite Publikum.
Messiaen war Synästhetiker. Er hat die Klänge beim Komponieren als differenzierte Farbkombinationen vor sich gesehen. Es sei eine der Tragödien seines Lebens, erklärte er einmal, dass das Publikum diese Wahrnehmungsebene nicht mit ihm teile: »Ich kann noch so reichlich Farben in meiner Musik verwenden, die Leute hören, aber sie sehen nichts.« Umso glühender fallen seine Werkkommentare aus. Sie fließen geradezu über vor Metaphern und überbordend detaillierten Bildbeschreibungen. In seinem Riesenoratorium La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ (»Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus«) etwa imaginiert er in einer Passage einen Refrain, »dessen Harmonien von grün gestreiftem Blau über Diamant, Smaragd und Pupurviolett bis zu rot und gold geflecktem Schwarz reichen, bei deutlicher Dominanz von milchweiß gesprenkeltem Orange«. Das Stück ist in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre entstanden, als die Beatniks ihre Drogenexperimente intensivierten. Muss ihnen der gottestrunkene Franzose nicht hochgradig naturstoned vorgekommen sein?
- Datum 14.12.2010 - 14:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
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Der Beitrag von Claus Spahn zu Olivier Messiaen weist doch einige Übertreibungen und Oberflächlichkeiten auf. Zunächst wird hier das Wort "kitschig" verwendet. Anmaßend wenn man weiß, wieviel Zeit und Raffinesse Messiaen für die Kompositionen gerade seiner Orgelwerke investierte. Seine Akklorde sind geplante Farben und Symbole, niemals Selbstzweck sondern in den Gesamtkontext integriert. Mag manche tonale Wendung auch einfach klingen, alles paßt genau zusammen. Wie würde der Autor so manches Stück von z.B. von Rihm, Pintscher oder Turnage bezeichnen? Ohne den genannten zu nahe treten zu wollen, finden wir doch in deren Werken stellenweise genau die bei Messiaen kritisierte "Kitschfraktion" in aller Offenheit vor uns. Zum Thema Vogelstimmen hätte sich der Autor eingehender bei Messiaen selbst in fomieren können und hätte dann gewußt, wie er zu diesen Stimmen in seinen Werken gekommen ist. Messiaen verglich seine aufgeschriebenen Vogestimmen einmal so." Wie ein Maler, der eine Landschaft so malt wie er sie sieht, so transportiere ich die Vogestimmen in die musikalische Realität." Das heißt also, es ist ein Kunstwerk geworden, da ja die originalen Rufe der Vögel von Instrumenten nicht naturgetreu wieder gegeben werden können. Demzufolge sind diese Stimmen eine Bereicherung des Materials, der Klanges, der Rhythmik, der Klangfarbe. Man zitiert auch Pierre Boulez als Messiaen-Schüler, was folgerichtig ist. Der als Dirigent von mir geschätze Boulez aber neigt wie in den 50/60er Jahren immer dazu, andere Komponisten die seinen Anschauungen betreff Material und Methode widersprechen zu beleidigen oder abzuwerten. Man erinnere sich an den totalitären Serialismus der Avantgarde, zu der auch Boulez gehörte, die damals Henze und sogar Ligeti angriffen, weil die eigene Wege gingen. Aber gerade diese Komponisten sind mir am sympatischsten! Boulez meinte im Beitrag betreff Vogestimmen: "Das sei etwas fürs breite Publikum." Da irrt sich Boulez gewaltig. Selbst das "breite Publikum" kann die Vogesltimmen kaum nachvollziehen, da nur ein geringer Teil wohl viele Vögel um uns her am Gesang erkennt. Da reicht es noch für den Kuckuck in Beethovens "Pastorale" dann ist aber schon bald Schluss. Messiaen selber sagte, er schreibe Vogelstimmen für Städter, die kaum aufs Land kommen und somit gar keine Vögel kennen. Warum sollte er dies nicht tun und diese Stimmen als "Material" in seine Werke einbauen? Wer schreibt vor welches Material für Kompositionen verwendet werden soll? Boulez? Er schwingt sich noch heute gern dazu auf, es allen vorzuschreiben. Ich finde auch, es ist nicht nötig, ihn immer als "Überinterpretator" zu zitieren. Längst sind die Zeiten anders und jeder Komponist sucht sich das Material, was er braucht. Dazu braucht er keine Ratschläge von Pierre Boulez! Wenn er auch von einem vermeintlichen "breiten Publikum" spricht, so meinte er wohl damit sich anbierdernde Stücke an den Publikumsgeschmack- was Boulez Stücke natürlich nicht sind. Und gerade auch Messaien damit in Verbindung zu bringen ist unverschämt. Er hat stets seinen eigenen Weg mit seinem Material beschritten, ohne jede Anbiederung ans Publikum( man denke an den Skandal bei der Urauffühung von "Chronochromie"). Also bitte weniger Boulez als "Kritiker". Absurd ist auch die Beziehung die zu"Drogenexperimenten" der sechziger Jahre hergestellt wird. Auch wimmelt es im Beitrag von unangemessenen Metaphern, die einen zurück schrecken lassen. Aber, das sei am Schluss gesagt, wer sich auf Messiaens Musik einlässt, wird neue musikalische Welten entdecken, auch als Nicht-Katholik, Nicht-Ornithologe und Nicht-Synästhetiker. Es ist ein Kosmos strahlender Klänge, zarter Wendungen und ungebändigter Natur.
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