George Reskalla fragt schon gar nicht mehr, was seine Kunden wollen. »Kommt nächste Woche wieder«, ruft er, sobald sich in seinem Laden die Tür öffnet. Reskalla verkauft im Peace-Headshop in Berlin-Friedrichshain Wasserpfeifen und ähnliches Zubehör. Aber im Moment haben die Kunden nur eins im Kopf: Spice.

Der Kräutermix, vor dem die Drogenbeauftragte der Bundesregierung erst kürzlich gewarnt hat, ist fast überall im Bundesgebiet seit Tagen ausverkauft. Seit die Medien über die Modedroge berichten, rollt über Deutschland und Österreich eine regelrechte Spice-Welle hinweg. Die Kräutermischung soll eine ähnliche Wirkung haben wie Cannabis, ist aber für die Behörden schwer fassbar: Niemand weiß, welche Inhaltsstoffe wirklich in den bunten, metallisch glänzenden Tütchen stecken und welcher davon die berauschende Wirkung erzeugt. Auch die rechtliche Situation ist verzwickt: Die Modedroge wird zwar geraucht, aber im Laden geschickt als Räucherwerk verkauft, mitsamt Warnaufdruck: »Nicht zum Verzehr geeignet«. Somit gilt sie als Bedarfsgegenstand und unterliegt keiner Regulierung.

Die Hilflosigkeit der Behörden wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie ist mit einem Stoff umzugehen, über dessen Risiken so gut wie nichts bekannt ist, den aber immer mehr Jugendliche konsumieren?

Nicht nur die Behörden sind überfordert. Mit dem Hype, der derzeit Mitteleuropa erfasst, haben offenbar weder Hersteller noch Verkäufer gerechnet. Die Londoner Lieferfirma mit dem programmatischen Namen Psyche Deli kommt mit dem Nachschub nicht mehr hinterher. »Wir verdienen pro Tag allein mit Spice etwa 1000 Euro«, sagt Sven K., der in Darmstadt einen Headshop betreibt. Der Verkauf läuft so gut, dass er gerade eine zweite Filiale in Mainz eröffnet hat. Als einer der wenigen hat er die Kräuterdroge noch im Angebot und vorsorglich einen Vorrat von 1000 Tütchen angelegt. »Wer ein bisschen was im Kopf hat, der investiert jetzt«, sagt er.

Paul, 26, Schlosser aus Cloppenburg, hat im Peace-Headshop gerade nach der Mischung gefragt. »Auf nüchternen Kopf wie ein Trip« fühle sich das an, sagt er, also wie ein LSD-Rausch. Aber die Wirkung sei bei jedem anders. Was steckt denn nun in der Kräutermischung, die offiziell als Räucherwerk die Raumluft erfrischen soll, tatsächlich aber in selbst gerollten Zigaretten gepafft wird wie Cannabis?

Welcher der Inhaltsstoffe den berauschenden Effekt hervorruft, weiß bisher niemand. Von den auf der Packung aufgeführten Pflanzen ist in Deutschland keine verboten. Sollten Wirkstoffe gefunden werden, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, wäre die Droge schnell vom Markt – aber eine gründliche wissenschaftliche Analyse liegt bisher noch nicht vor. »Die Datenlage ist sehr dünn«, sagt Jürgen Thier-Kundke, Pressesprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Berlin. Das BfR hat seit einigen Tagen einen Auftrag aus dem Ministerium, die vorhandenen Informationen zu Spice zu sammeln. Eine chemische Untersuchung ist dort, anders als in einigen Medien behauptet, noch nicht in Planung.

Klarheit schaffen könnte der Londoner Hersteller. Doch der hält sich bedeckt, die Homepage der Firma ist seit Wochen offline. Vor fünf Jahren nutzten die Gründer von Psyche Deli schon einmal eine Gesetzeslücke, um Halluzinogene unters Volk zu bringen: Weil nur der Verkauf von getrockneten »magic mushrooms« in England verboten war, bauten sie die psychoaktiven Pilze selbst an und verkauften sie frisch auf der Straße. Die Gesetzeslücke wurde geschlossen, von Psyche Deli war nichts mehr zu hören – bis Spice auftauchte.