Bestseller Wer peinlich ist, verkauft Millionen
Das ist der Herbst des Semikolons. Mit ihm kommen die langen Sätze wieder, in denen man sich verirrt. Was eigentlich haben die Kritiker gegen kurze Sätze?

© Montage: ZEIT ONLINE Grafik
Vier Bücher dieses Herbstes – unterschiedlicher könnten sie kaum sein
Suchend, der Strom schien sich zu straffen in der beginnenden Nacht, seine Haut knitterte und knisterte;
Hey, was ist denn das? Ein Semikolon. Außerdem am Anfang alles auf Alliteration. So fängt Der Turm an, von Uwe Tellkamp. Jeder Autor träumt davon, ein Buch zu schreiben, welches sich bestens verkauft und trotzdem die Kritiker entzückt. Der Turm, bei Redaktionsschluss Nummer 2 der Bestsellerliste, ist so ein Buch. Freunde, die es gelesen haben, sind uneins. Manche sagen, es knittere überanstrengt, andere sagen, es sei große, knisternde Kunst. Ich sage nichts. Ich lese den ersten Satz.
…es schien, als wollte er dem Wind vorgreifen, der sich in die Stadt erhob, wenn der Verkehr auf den Brücken schon bis auf wenige Autos und vereinzelte Straßenbahnen ausgedünnt war, dem Wind vom Meer, das die Sozialistische Union umschloss, das Rote Reich, den Archipel, durchädert durchwachsen durchwuchert von den Arterien Venen Kapillaren des Stroms…
Ich bin ja ein Gegner der These, dass gute Bücher den Leser anstrengen müssen. Gute Bücher müssen den Autor anstrengen. Seitenweise kein Absatz, keine Kommas, solch eine Form muss durch den Inhalt begründet sein, sonst ist es nur Pose. Wie schreibt eigentlich Paulo Coelho, 100 Millionen Gesamtauflage, auf Platz 4 mit Brida? »Gefühle sind wie wilde Pferde.«, »Öffnet die Augen eurer Seele.«, »Lebe intensiv.« Musst du also einfach nur in der Lage sein, volle Kanne peinlich zu schreiben, um 100 Millionen zu verkaufen? Das macht traurig. »Das Blut pulsierte in ihren Adern. Jetzt trug sie nur noch den Büstenhalter. Sie war stolz auf ihren Körper, und niemand konnte sie deswegen tadeln. Auf ihrem nackten Körper tanzten die Schatten des Feuers.« Und auf meinem nackten Gehirn tanzen die Schatten der Büstenhalter.
…der die Geräusche und Gedanken mit sich nahm auf schimmernder Oberfläche, das Lachen und den Ernst und die Heiterkeit ins sammelnde Dunkel;
Semikolon und Alliteration sind für Uwe Tellkamp eindeutig das, was für Paolo Coelho die Augen der Seele sind. Bei Ildikó von Kürthy, Schwerelos, Platz 5, fällt auf, dass im Klappentext nicht das Alter der Autorin erwähnt wird. Bei Stephenie Meyer heißt es: »geboren 1973«, bei Charlotte Roche »1978«, bei Tanja Kinkel »1969«. Bei Kürthy, 1968, schweigen sie. Vierzig, erzählt ein Bekannter aus der Verlagsbranche, sei bei Autorinnen die Schneegrenze, danach kann man die beim besten Willen nicht mehr als heiße junge Schreib-Chicks verkaufen. Wahnsinn. Die biologische Uhr tickt auch in den Klappentexten, im gleichen Rhythmus!
…Schwebstoffe hinab in die Tiefe, wo die Rinnsale der Stadt sich mischten; im Tiefseedunkel kroch das Spüllicht Kanalisation, tropfender Absud…
Da habe ich, weil ich zu intensiv gelebt habe, doch glatt den Überblick im ersten Satz von Uwe Tellkamp verloren. Kinderchen, wo ist denn da überhaupt das Prädikat? Weggerannt? Prädikate sind wie wilde Pferde.
…der Häuser und VEB, in der Tiefe, wo die Lemuren gruben, stauten sich die ölig-schwere…
So geht es noch eine ganze Weile weiter. Was ich auch nicht verstehe: Roger Willemsen hat bei vielen Kollegen ein schlechtes Image. Gilt als eitler Sack. Eine Bekannte hat für ihn gearbeitet. Netter Chef. Kein Tyrann. Also, was habt ihr denn alle? Wenn statt Kerner, Rinnsale der Stadt, tropfender Absud, im Fernsehen wieder Willemsen Interviews führen würde, das wäre doch, als ob der Strom sich in der beginnenden Nacht straffte. Die Lemuren dürften endlich aufhören zu graben. Willemsens Der Knacks, Platz 9, fängt so an: »Mein Vater starb letzten August. Das ist jetzt bald vierzig Jahre her.« Ich nenne das einen guten Anfang.
- Datum 05.12.2008 - 19:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
- Kommentare 18
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...*g*...sie tickt auch bei Martenstein.
Wollte er noch kürzer...er könnte Münte fragen: Gibts noch ein Privatseminar für Kurz?
Gäbe es das, er könnte womöglich noch kürzer.
Vorteil für die Leser: Sie müssten nicht mehr raten, was gemeint sein könnte.
Nachteil für Martenstein: Er wird nimmer gelesen. Man versteht ja, was er zu meinen glaubt.
Schön!
Oder?
Was eigentlich haben die Kritiker gegen kurze Sätze?
Gar nichts!
Und Roger Federer auch nicht.
Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland liegenden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.
Und täglich grüßt der (das?) Semikolon...
Naja,
vielleicht merken doch einige dem Nagen des Zahns der Zeit ausgelieferte ZEITgenossen, wie das Endstrombett der cerebralen Vaskularisierung so langsam sklerosiert, so dass aus der genussvollen Lektüre der FAZ (sorry!) schleichend die mehr oder minder lustvolle Betrachtung des Lokalblattes sich entwickelt und schließlich bei dessen immer noch zu langen Satzkonstruktionen der Konsum der Zeitung mit den großen Buchstaben die Oberhand gewinnt.
(Ääh, war das jetzt zu kurz?)
@ odtphy
Lang anhaltender, beinahe nicht enden wollender Beifall für diesen Merksatz, der nun wahrlich kein Merkelsatz ist, weil er alles enthält; ja, sogar enthüllt, was eh kein Mensch mehr versteht... auch gar nicht verstehen soll, denn die Politik hat nun mal die Aufgabe übernommen, nachdem das weltweite Finanzsystem an einigen tausend Häusle-Bauern in Amerika gescheitert ist, aus den Leerverkäufen jetzt einfach leere Versprechen zu machen; der Worthülsentango im Bundestag, vor den Radio- und Fernsehmikrofonen hält ein ganzes Volk wach, z.B. mit Konsum-Gutscheinen für Spice, Sch... und andere Genüsse, die wir Hedonisten uns sonst nie hätten leisten können, weil ja der Steinbrück vor Jahren erzählt hat, die Deutschen sollten nicht so viel ins Ausland fahren - lieber das Geld auf die Hohe Kante legen (ein Nebenstraße der Wall Street; nee, Peer, nicht mit uns!), den Gürtel enger schnallen; so, dass ein paar Gehirnzellen absterben, damit wir nicht sofort schnallen, worum es eigentlich geht.
Auf den Punkt gebracht: ob kurz oder lang - hat schon der alte Kolle postuliert - ist völlig egal. Hauptsache der Inhalt ist lesenswert...
und die Klammern stören.
@ odtphy
Lang anhaltender, beinahe nicht enden wollender Beifall für diesen Merksatz, der nun wahrlich kein Merkelsatz ist, weil er alles enthält; ja, sogar enthüllt, was eh kein Mensch mehr versteht... auch gar nicht verstehen soll, denn die Politik hat nun mal die Aufgabe übernommen, nachdem das weltweite Finanzsystem an einigen tausend Häusle-Bauern in Amerika gescheitert ist, aus den Leerverkäufen jetzt einfach leere Versprechen zu machen; der Worthülsentango im Bundestag, vor den Radio- und Fernsehmikrofonen hält ein ganzes Volk wach, z.B. mit Konsum-Gutscheinen für Spice, Sch... und andere Genüsse, die wir Hedonisten uns sonst nie hätten leisten können, weil ja der Steinbrück vor Jahren erzählt hat, die Deutschen sollten nicht so viel ins Ausland fahren - lieber das Geld auf die Hohe Kante legen (ein Nebenstraße der Wall Street; nee, Peer, nicht mit uns!), den Gürtel enger schnallen; so, dass ein paar Gehirnzellen absterben, damit wir nicht sofort schnallen, worum es eigentlich geht.
Auf den Punkt gebracht: ob kurz oder lang - hat schon der alte Kolle postuliert - ist völlig egal. Hauptsache der Inhalt ist lesenswert...
und die Klammern stören.
.... der Teufel!
Die Deutungshoheit über "Bildung", "Niveau" usw. beansprucht in der Republik nach wie vor die Generation der (inzwischen sehr alten) alt68er für sich. Da galt schon immer: auf das Gehabe kommt es an.
Da lob ich mir die englischsprachige Literaturwelt. Dort gilt es u.a. als größte Tugend sich eindeutig, knapp und präzise auszudrücken. Wenn man genau hinschaut ist dies auch wirklich eine Tugend, eine solche Ausdrucksweise verlangt einem Autor nämlich weit mehr an Können ab (als mit inflationären Begriffen und viel Blah um sich zu schmeißen).
Das mal zur sprachlichen Seite.
Naja und der Inhalt.. über Geschmack lässt sich nicht streiten.
@ odtphy
Lang anhaltender, beinahe nicht enden wollender Beifall für diesen Merksatz, der nun wahrlich kein Merkelsatz ist, weil er alles enthält; ja, sogar enthüllt, was eh kein Mensch mehr versteht... auch gar nicht verstehen soll, denn die Politik hat nun mal die Aufgabe übernommen, nachdem das weltweite Finanzsystem an einigen tausend Häusle-Bauern in Amerika gescheitert ist, aus den Leerverkäufen jetzt einfach leere Versprechen zu machen; der Worthülsentango im Bundestag, vor den Radio- und Fernsehmikrofonen hält ein ganzes Volk wach, z.B. mit Konsum-Gutscheinen für Spice, Sch... und andere Genüsse, die wir Hedonisten uns sonst nie hätten leisten können, weil ja der Steinbrück vor Jahren erzählt hat, die Deutschen sollten nicht so viel ins Ausland fahren - lieber das Geld auf die Hohe Kante legen (ein Nebenstraße der Wall Street; nee, Peer, nicht mit uns!), den Gürtel enger schnallen; so, dass ein paar Gehirnzellen absterben, damit wir nicht sofort schnallen, worum es eigentlich geht.
Auf den Punkt gebracht: ob kurz oder lang - hat schon der alte Kolle postuliert - ist völlig egal. Hauptsache der Inhalt ist lesenswert...
oder im Nebensatz.
oder im Nebensatz.
Man kann auch ein erfolgreiches Buch mit einem Schachtelsatz anfangen.
So zum Beispiel:
"Mr. and Mrs. Dursley, of number four, Privet Drive, were proud to say they were perfectly normal, thank you very much."
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